Brauchtum mit gestutztem Horn

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München - Sie tragen Hörner  und ziehen vor Weihnachten kettenrasselnd durch die Orte: Die Krampusse. Für die Pflege des Brauchtums wurden sie gezähmt.

Mit seinen Hörnern und dem zotteligen Fell sieht er grausig aus wie der Teufel, untersteht aber dem Befehl des göttlich entsandten Nikolaus. Der wilde Krampus als eine Art böser Knecht Ruprecht begleitet etwa seit dem 15. Jahrhundert den Nikolaus, trägt dessen Sack und lehrt den ungehorsamen Nachwuchs das Fürchten - bis der gütige Nikolaus Einhalt gebietet. Früher diente der Krampus durchaus als Erziehungsmittel. Kinder wurden schon mal leibhaftig in den Sack gesteckt und hinaus ins nächtliche Schneetreiben geschleppt.

Brauch und Missbrauch lägen hier nahe beieinander, sagt der oberbayerische Bezirksheimatpfleger Herbert Göttler. "Es gibt noch alte Leute, die von den alten Bräuchen traumatisiert sind." Seit einiger Zeit lebt im Alpenraum das 500 Jahre alte Brauchtum in entschärfter Form wieder auf. Hunderte Krampus-Gruppen gibt es nach Schätzungen in Bayern, Österreich und Südtirol, Heimat der archaischen Gestalten. Am 9. Dezember werden gut 150 Krampusse durch München laufen. 17 Gruppen aus dem In- und Ausland reisen an.

"Wir wollen den Brauch den Menschen und vor allem den Kindern wieder nahe bringen", sagt Tom Bierbaumer, Organisator des Laufes und Gründer der Münchner Krampus-Gruppe "Sparifankerl-Pass" (Sparifankerl für Teufelchen, Pass für Gruppe). "Wir zeigen einen Querschnitt aller Krampus-, Perchten- und Klausen-Varianten des Alpenraums."

Traditionell sind im Winter eine ganze Menge Unholde unterwegs. "Sie treiben den Winter aus und bringen Fruchtbarkeit in das neue Jahr", sagt Bierbaumer. Unterscheidungsmerkmal: Der Krampus trägt zwei Hörner, Fell und eine lange rote Zunge. Die Perchten haben noch mehr Hörner, der Klaubauf ist hornlos. Als weibliches Gegenstück gilt in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz „Frau Bercht“, sie wacht über die kirchliche Fastengebote.

Dämonen sind nicht zimperlich. Aus dem Jahr 1740 ist überliefert, zwölf Nikoläuse mit Klaubauf seien durch München gezogen und hätten solche Tumulte verursacht, dass „gegen die Ausgelassenheiten der sogenannten Klaubaufs“ Polizeistreifen ausgeschickt wurden.

Manchmal verliert der Nikolaus auch heute die Kontrolle über seine Handlanger, vor allem, wenn diese gezecht haben und keiner festen Gruppe angehören. 2011 wurde einer 13-Jährigen in Niedernsill (Pinzgau) das Wadenbein gebrochen; 2010 verletzte ein randalierender Krampus in Tamsweg (Salzburg) einen Polizisten - der Dämon hatte reichlich dem Alkohol zugesprochen, ein Test ergab fast 2 Promille.

Umgekehrt gibt es auch Übergriffe auf Krampusse. "Es kommt immer wieder auch zu schwierigen Situationen, in denen Krampusse bedroht werden - in denen nicht sie die Aggressoren sind", berichtet Martin Huber, Landesgeschäftsführer Salzburger Gemeindeverband.

Die Brauchtumsgruppen achten strikt darauf, dass ihre Krampusse zahm sind. "Wir schauen uns die Leute genau an. Wenn jemand sagt, er will sich austoben, ist er bei uns an der falschen Stelle", sagt Bierbaumer. In München gilt für Krampusse ein Alkoholverbot, und auch in Österreich passen die Gruppen auf, dass ihre Dämonen nüchtern bleiben. In Tirol gibt es in manchen Orten Krampus-Verordnungen. Teils dürfen sie nur bis 22.00 Uhr Unhold spielen oder müssen Nummern tragen; in Wörgl dürfen die Hörner höchstens 40 Zentimeter lang sein.

Solche Beschränkungen passen nicht gut zu einem Schattenwesen, verhindern aber, dass sie sich unter dem Schutz der Anonymität austoben. "Ich hatte Panik, ich dachte, er nimmt mich wirklich mit", berichtet eine Frau aus Forstinning, die als Achtjährige von einem Krampus in den Sack gesteckt wurde. "Ich weiß bis heute nicht, wer das unter der Maske war, obwohl ich im Ort eigentlich alle kannte."

Heute geht der Nachwuchs furchtlos mit den Dämonen um, stellt Chef-Krampus Bierbaumer fest: "Die Kinder haben am wenigsten Angst - weniger als die Erwachsenen. Meine Theorie: Es ist das schlechte Gewissen der Eltern, die mehr Unfug machen als die Kinder."

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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