Expertin Prof. Dr. Ilse Storch im Gespräch

Wie viele Wölfe verträgt unsere Region? 

Landkreise - Nach diversen Wolfssichtungen und Wolfsrissen im Grenzgebiet wird die Diskussion um den Beutegreifer sehr emotional geführt. ovb24.de hat mit Expertin Prof. Dr. Ilse Storch gesprochen, wie viele Wölfe unsere Region verträgt. 

Zusammen mit den Wolfssichtungen in der Region mehren sich auch die Stimmen, dass Wölfe im südlichen Oberbayern und angrenzenden Tirol keinen Platz haben - zumindest nicht dauerhaft. Beiderseits der Grenze fordern Jagdverbände, die Jagd auf die Raubtiere zu erlauben: "Hier ist kein Lebensraum für Wölfe".

Prof. Dr. Ilse Storch hat vor einigen Jahren in einer Modellrechnung untersucht, für wie viele Wölfe Platz in Deutschland wäre. ovb24 hat mit ihr über die Situation im südlichen Oberbayern gesprochen und was sie von den Abschuss-Forderungen hält. 

Aus welchen Tieren besteht ein Rudel?

Grundsätzlich müsse bei Wölfen zwischen Einzeltieren, Paaren und Wolfsrudeln unterschieden werden. Ein Rudel sei kein wahllos zusammengewürfelter Haufen, sondern ein Familienverband, wie Storch erklärt. Er bestehe aus dem Paar mit den derzeitigen Welpen und deren Geschwistern aus früheren Jahren. Diese Jungwölfe würden sich irgendwann auf der Suche nach Partnern und einem eigenem Territorium auf Wanderschaft begeben. Diese Territorien könnten nicht überall errichtet werden - ein Gebiet müsse sich auch als "Habitat" eignen. 

So viel Platz braucht ein Wolfsrudel

"Habitat", so Storch, "ist in der Ökologie definiert als artspezifischer Lebensraum." Potentielle Habitate befänden sich überall dort, wo Wölfe theoretisch leben können - also wenn etwa genug Beute und Rückzugsmöglichkeiten vorhanden seien. Wolfsrudel gälten zudem äußerst territoriale Tiere. Sie duldeten keine anderen Wölfe auf der gleichen Fläche. Diese Rudelterritorien - so heißen die von einem Rudel exklusiv beanspruchten und verteidigten Ausschnitte aus dem potentiellen Habitat - entsprächen jener Größe, welche ein Rudel brauche um im Jahresverlauf satt zu werden. Die Größen könnten je nach Nahrungsangebot variieren, für Deutschland beträgt die Größe eines Wolfsterritoriums im Schnitt 200 Quadratkilometer

Wirklich "menschgemachte" Grenzen - also etwa Straßen oder Bahngleise - kenne ein solches Territorium nicht. Die Grenzen würden zwischen den Rudeln "ausgehandelt", ein Territorium könne an Strukturen wie Gewässer, Straßen oder Bahntrassen grenzen, müsse es aber nicht notwendigerweise. Ohnedies: "Wandernde Einzelwölfe" hält laut Storch "nichts wirklich auf". 

Ist unsere Region für Wölfe geeignet? Das sagt die Expertin

Und sind die Landkreise Rosenheim, Traunstein, Berchtesgadener Land, Altötting und Mühldorf nun als Wolfshabitate geeignet? Vor allem von Seiten der Jägerschaft wird dies ja im Wesentlichen in Abrede gestellt. Die Antwort von Storch ist allerdings "ein klares 'Ja'!" Denn: "Es gibt Rückzugsmöglichkeiten und es gibt ein hohes Beuteangebot." Wie viele Rudel die Landkreise aber vertrügen, sei keine ökologische, sondern eine politische Frage. Eine aktive Ansiedlung jedenfalls sei aufgrund fehlender Akzeptanz nicht zielführend und auch nicht nötig. "Die Wölfe kommen alleine", so die Expertin - "Diese natürliche Zuwanderung zu unterstützen ist im EU-Recht verankert". 

>>>Mehr über potenzielle Wolfshabitate können Sie hier nachlesen<<<

"Es gibt durchaus Rückzugsräume für Wölfe"

ovb24 hat die Expertin auch gefragt, wie sie zu möglichen Abschüssen - und der von Jägern geforderten wolfsfreien Zone bis hin zum Brenner steht: "Abschüsse einzelner 'problematischer' Wölfe sind bereits jetzt unter bestimmten Bedingungen möglich, allerdings nicht durch die private Jägerschaft - das ist in Bayern klar geregelt", gibt Storch Auskunft. Sie betont erneut, dass dies eine politische Frage sei. "Die bayerischen Alpen gehören zu den an wenigsten dicht besiedelten Gebieten Deutschlands. Da gibt es - grenzüberschreitend - durchaus Rückzugsräume für Wölfe", sagt Storch. 

Natürlich komme es zu Konflikten, wenn sich Wölfe neu etablieren und auch Schäden an Nutztieren sind aus ihrer Sicht wahrscheinlich. Darauf müssten wir uns einstellen und uns anpassen. "Manche Gewohnheiten - etwa im Umgang mit Nutztieren - werden wir überdenken und anpassen müssen." Beispiele, was funktioniere und was nicht, gebe es mittlerweile aus anderen Gebieten der Alpen. "Persönlich fände ich es schade, wenn wir uns einem solchen Lernprozess von vornherein verschließen würden", so Storch. "Leben und leben lassen" laute die Devise.  

Nutztiere in Gefahr? Wovon sich Wölfe hauptsächlich ernähren

Auf die Frage, wie viel Prozent der Nahrung von Wolfsrudeln in Deutschland Haus- und Nutztiere ausmachten, verweist Storch auf eine Studie. Demnach ernähren sich Wölfe vor allem von Rehen. Zwar würden auch Nutztiere vertilgt, der Anteil am Futter betrage aber nur etwa 1 Prozent. Effektiv geschützt werden können Herden durch Herdenschutzhunde oder elektrische Zäune. 

Begegnungen mit Menschen: "Der Wolf wird das Weite suchen"

Für Menschen sei der Wolf "in der Regel" nicht gefährlich - wobei gefährliche Begegnungen aber nicht zu 100 Prozent auszuschließen seien. Das selbe ließe sich aber auch von anderen Tieren sagen, wenn man etwa an Wildschweine, Pferde oder Rinder denke. Allgemein würden aber Begegnungen mit Wölfen - selbst mitten im Wolfsgebiet - eine absolute Seltenheit bleiben. "Der Wolf jedenfalls wird das Weite suchen, so schnell er kann".

Deshalb kommt der Wolf wieder nach Bayern

Die Ursache dafür, dass sich der Wolf nach so vielen Jahren wieder in Bayern ansiedle, sei in einem besseren Schutz in den ursprünglichen Herkunftsorten der Tiere zu finden - der einen europaweiten Wiederbesiedlungsprozess in Gang gesetzt habe. Und was für positive Aspekte könnte es haben, wenn der Wolf wieder in Oberbayern heimisch wird? Für Storch ist das keine Frage: "Es handelt sich dabei um einen wichtigen Schritt in Richtung der Wiederherstellung vollständiger Artgemeinschaften."

Factbox: Was tun bei einer Wolfsbegegnung im Wald? 

Wolfs-Expertin Elli Radinger gibt auf ihrer Homepage folgende Tipps, wie man sich bei einer Begegnung mit dem Wolf richtig verhält:

Treten Sie selbstbewusst auf. Machen Sie sich groß, stellen sich breitbeinig hin, klatschen in die Hände und rufen laut „Hau ab“!

Werfen Sie KEINE Gegenstände nach dem Wolf. Diese oft gehörte Empfehlung können Freilandforscher nicht teilen. Das Werfen von Gegenständen könnte einen Jungwolf neugierig machen. Da Wölfe sehr sensibel auf Geräusche reagieren, ist auch ein einfaches Handtaschenalarmgerät praktisch. Wenn man einen Pin zieht oder einen Knopf drückt, ertönt ein sehr lauter, schriller Piepton.

Sind Sie mit dem Fahrrad unterwegs oder Joggen, bleiben Sie bei einer Wolfsbegegnung stehen. Wölfe folgen schnellen Bewegungen. Dann verjagen Sie den Wolf wieder wie oben beschrieben.

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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