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Stereotypen auf der Wiesn so weit das Auge reicht

„Layla“ löst Sexismus-Debatte aus – aber „Joana“ geht klar: Wie politisch korrekt ist das Oktoberfest?

Oktoberfest München
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Der umstrittene Party-Song „Layla“ steht bei den Oktoberfestbesuchern hoch im Kurs.

Debatten um Sexismus und politische Korrektheit: In den letzten Wochen und Monaten beherrschen diese Themen – auch genährt durch den umstrittenen Puffmutter-Song „Layla“ – die Schlagzeilen und es scheint so, als ob es auch noch länger an der Tagesordnung stehen wird. Weil sich die Maßstäbe geändert haben, kommt alles auf den Prüfstand. Auch die Wiesn bekommt nun ihr Fett ab und wird infrage gestellt.

München – Neben dem Bier ist das Oktoberfest auch unter anderem für das Flirten, Anbandeln, zünftige Lederhosen und Besucherinnen hübsch im Dirndl, dazu manche Derbheit und alkoholbedingte Enthemmung bekannt. Nun hat der Song „Layla“ die Debatte um Sexismus und politische Korrektheit neu angeheizt. Außerdem geht es auch um Schaumküsse, die früher anders hießen. Und allzu tiefe Dekolletés – jedoch nicht bei Besucherinnen, sondern bei aufgemalten Damen, die Buden und Maßkrüge zieren.

„Layla“ wird zum Wiesn-Hit

Man erinnere sich zurück: Vor der Wiesn wurde diskutiert, ob „Layla“ verboten werden kann – wie es tatsächlich Würzburg für das Kiliani-Volksfest tat. Doch die Wiesn-Leitung kam zu dem Schluss: keine rechtliche Handhabe und Kunstfreiheit. Die Wirte wiederum kündigten aber an, auf das Lied verzichten zu wollen. Und Kapellmeister dichteten auch extra einen entschärften Text (rosenheim24.de berichtete). Doch das schmeckte den Besuchern des Oktoberfestes ganz und gar nicht. Nachdem „Layla“ es bereits auf den ersten Platz der deutschen Charts schaffte und auf der Wiesn eigentlich nicht gespielt werden sollte, kristallisiert es sich nun als Favorit für den Wiesn-Hit heraus.

„Layla“ löst Sexismus-Debatte aus

Den Nerv des Publikums hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beim Anstich mehr denn je getroffen, als er – unter lautstarkem Applaus – rief: „Jeder soll singen können, was er will“. Er sei schließlich dafür, „dass es keine Verbote von Liedern gibt“. Die Wiesn sei ein „Fest von Freude und Freiheit“. Die Münchner Polizei machte sich das zunutze und twitterte: „Zwischen den Liedern der Bands wird in den Zelten jedes Mal ein Frauenname skandiert. Es ist nicht Rosi…“.

… aber „Joana“ geht klar

Daraus resultierend stellt sich die Frage, ob speziell die Wiesn sexistisch und derb ist – oder gar der Mensch an sich? Stören sich die Gäste wirklich daran? Während „Zicke, zacke – Prost ihr Säcke“, durchs Bierzelt schallt, stutzen Neulinge, die es dann doch nicht nett finden. Gehört aber halt nun mal dazu. Das Lied „Joana“ von Peter Wackel beispielsweise, welches mit dem Refrain „du geile Sau“ versehen ist und ganz und gar nicht eine Hommage an Frauen ist, löste aber bisher wiederum keine „Layla“-Debatte aus.

Die Wiesn versetzt Besucher „in eine Art Trance“

„Manchmal wollen die Leute im Bierzelt ein bisschen über die Stränge schlagen“, sagt Wirtesprecher Peter Inselkammer. Alkohol, rasante Fahrgeschäfte, Massen-Ekstase, erotische Avancen: Die Wiesn sei grundsätzlich ein „rauschhaftes, dionysisches Fest“ mit archaischen Riten und erzeuge bei den Teilnehmern eine Art Trance, erläuterte die Psychologin Brigitte Veiz schon vor Jahren in ihrer Studie „Das Oktoberfest – Masse, Rausch und Ritual“.

Beim immer wieder gut besuchten „Teufelsrad“ belustigen sich seit jeher die Zuschauer, wie andere Besucher von einer drehenden Scheibe rutschen, während der Moderator auch mal die Unterwäsche der mit fliegenden Röcken herumwirbelnden Damen kommentiert.

Aus „Mohrenkopf“ wird „Theresienbussal“

Vieles hat sich aber schon geändert. Das frühere Café Mohrenkopf – eine Wiesn-Institution – nennt sich nun Café Theres‘. Und über die mehrfach umgetaufte Süßigkeit: „Die Spezialität unseres Hauses heißen jetzt Theresienbussal.“ Ein Wiesn-Wirt, der in einer Sendung mehrfach das frühere Wort verwendete, entschuldigte sich.

Auch der Masskrug im Visier

Was früher anstandslos durchging, aus heutiger Sicht aber keinen Anstand hat, wird genau beobachtet. Ins Visier geriet auch der Masskrug der Wiesn-Wirte. Das Trinkgefäß ziert die karikaturhafte Zeichnung einer vollschlanken, zufrieden wirkenden Bedienung mit Doppelkinn und gut gefülltem Dirndl-Dekolleté.

Das Portal „faz.net“ sah darin eine lebensfrohe Frau, „deren rosiger Gesichtsausdruck Body-Positivity durch und durch ausstrahlt“. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitierte die grüne Wiesn-Stadträtin Anja Berger, die sich gewünscht hätte, dass „nicht immer dieses Motiv“ genommen wird. Berger hat versprochen, sich die Darstellungen auf der Wiesn genau anzusehen. „Mir liegt das Thema am Herzen. Ich finde, es gibt Darstellungen auch ohne nackte Körperteile von Frauen.“

Stereotypen so weit das Auge reicht

An manchen Buden und Fahrgeschäften prangen traditionell Frauen im Dirndl mit tiefem Ausschnitt, mal auch eine blanke Brust. Abgebildet sind auch andere Stereotype: Ältere Frauen als Hexen, Männer mit Bierbauch – oder eine Voodoo-Gestalt mit Lendenschurz und Knochen am Kopfschmuck.

„Wenn man die Wiesn ganz weichspült, dann…“

Aber es geht auch anders: Eine neue Schießbude mit Pfeil und Bogen bleibt neutral – hier werden keine Stereotype der amerikanischen Ureinwohner abgebildet. „Richtig, politisch korrekt“, sagt Wiesn-Chef Baumgärtner. Er meint mit Blick auf gemalte Dekolletés: Der Übergang zwischen Kunst und Pornografie sei fließend. Davon könne man sich in Museen überzeugen.

Das Fest sei weder sexistisch noch homophob oder in anderer Weise ausgrenzend. Die Betriebsbestimmungen verbieten Rassismus, Antisemitismus, Nazi-Symbolik und Gewaltverherrlichung. Baumgärtner hat aber eine klare Meinung zu der ganzen Debatte und bringt es für den ein oder anderen auf den Punkt: „Wenn man die Wiesn ganz weichspült, ist es nicht mehr die Wiesn.“

dpa/mck

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