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Pandemie wütet wieder mit voller Wucht

Wo Corona-Zahlen explodieren: Was ist los in Deutschlands Hotspots und der Region?

links: Ein Mann atmet durch eine Sauerstoffmaske. rechts: Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und behandelt einen Patienten.
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links: Ein Mann atmet durch eine Sauerstoffmaske. rechts: Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und behandelt einen Patienten.

Worte wie „dramatisch“ oder „alarmierend“ wie zu Beginn der Corona-Pandemie wollte eigentlich niemand mehr so schnell hören, doch sie sind Anfang November wieder in aller Munde. Die Pandemie wütet wieder mit voller Wucht. Die ersten Krankenhäuser können keine Patienten mehr aufnehmen, die Inzidenzen erreichen Rekordwerte, die Impfbereitschaft stockt. Speziell in Bayern und der Region ist die Situation besonders prekär - doch warum eigentlich?

Südostbayern - Am InnKlinikum Burghausen können bis auf Weiteres in der Zeit zwischen 20 Uhr abends und 7 Uhr morgens keine Notfallpatienten mehr versorgt werden. Ein erster Vorgeschmack auf das, was bald in vielen Kliniken Bayerns der Fall sein könnte. „Die vierte Welle Corona rollt durch Deutschland und auch ganz besonders durch Bayern“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Mittwoch in München. Corona sei „mit aller Macht zurück“.

Die Pandemie wütet wieder mit voller Wucht. In ganz Deutschland explodieren die Fallzahlen, doch nirgends so wie in Sachsen, Thüringen und Bayern. „Das sind die drei Hotspots, die wir in Deutschland haben“, erklärte auch Petra Köpping, Sachsens Gesundheitsministerin, in dieser Woche. „Ich habe echt die Nase voll mit Corona, aber das interessiert das Virus nicht“.

Corona-Zahlen explodieren

Die Deutschlandkarte des Robert Koch-Instituts zeigt vor allem den Südosten dunkelrot. Bundesweit gab es am Freitag den traurigen Rekord von 37 120 gemeldeten Neuinfektionen. Die Sieben-Tages-Inzidenz erreichte 169,9. In Thüringen aber lag sie mit 386,9 mehr als doppelt so hoch. Sachsen war fast gleich auf mit 385,7, danach Bayern mit 256,8. In etlichen Landkreisen der drei Länder liegt der Wert über 500, im oberbayrischen Landkreis Miesbach sogar über 700. In unserer Region hat die Stadt Rosenheim mit 360,1 noch den niedrigsten Wert.

Die drei Länder wollen mit verschärften Regeln für Ungeimpfte das Ruder herumreißen - ein Vorgeschmack auf das, was bundesweit kommen könnte. Die Gesundheitsminister der Länder einigten sich am Freitag darauf, für den Zugang zu Restaurants und Veranstaltungen zumindest 3G durchzusetzen - also nur Geimpfte, Genesene und Getestete einzulassen.

In Regionen mit besonders hoher Infektionszahl und vollen Kliniken soll wie in Bayern zudem 2G „eine regelhafte Option“ sein, wie der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) formulierte. Dann öffnen sich viele Türen nur noch für Genesene und Geimpfte, ein Test nützt nichts. Genau das will Sachsen und Bayern ab kommender Woche bzw. Samstag (6. November) - und zwar, um noch härtere Maßnahmen zu vermeiden. „Wenn wir uns jetzt zu viel Zeit lassen, endet das wie im vergangenen Jahr in einem Lockdown“, warnte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) im Deutschlandfunk. „Wir dürfen nicht überreagieren, aber wir dürfen auch nichts auslassen“, rechtfertigte Söder die neuen Maßnahmen, der von „bedrückenden und aufrüttelnden Berichten aus dem Krankenhaus-Bereich“ sprach.

Rote Corona-Ampel in der gesamten Region

In Bayern ist vor allem unsere Region - das Grenzgebiet zu Österreich - hart getroffen. Nachdem schon mehrere Kommunen in Südostbayern (Kreise Miesbach, Rosenheim, Mühldorf am Inn, Altötting, Traunstein und Berchtesgadener Land) die Corona-Regeln regional verschärft hatten, zog die Staatsregierung am Mittwoch nach: Für Hotspots mit einer Inzidenz von mehr als 300 und einer Auslastung der Intensivstationen von 80 Prozent - wie das in der gesamten Region der Fall ist - gelten ab dem Wochenende die schärfsten Regeln der Corona-Ampel (rot) im Freistaat. Vieles ist dann nur für Geimpfte und Genesene zugänglich. Ausgenommen sind aber Gastronomie und körpernahe Dienstleister wie Friseure, wo auch ein negativer PCR-Test reicht, sowie öffentlicher Nahverkehr und Handel. Des Weiteren wird die Quarantäne der engen Kontaktpersonen - Geimpfte und Genesene ausgenommen – generell auf mindestens zehn Tage mit Abschlusstestung verlängert. Es besteht keine Möglichkeit mehr zur Freitestung nach sieben Tagen.

Bayernweit müssen Schüler nach den Herbstferien auch wieder Masken tragen. Die Landkreise Miesbach und Mühldorf legten mit einer gemeinsamen Allgemeinverfügung am Freitag noch nach: Dort gilt ab sofort für öffentliche und private Veranstaltungen in nicht-privaten Räumlichkeiten die 2G-Regelung. 

Rätselhaft: Wo stecken sich so viele Menschen an?

Rätselhaft bleibt oft auch für die Behörden, wo sich so viele Menschen mit Corona anstecken. „Das Infektionsgeschehen ist diffus“, heißt es schlicht aus dem Landratsamt im Hotspot Miesbach. Kontrollieren könne man das nicht mehr, die Zahlen stiegen exponentiell. Kontakte würden nicht mehr nachverfolgt, auch Quarantäne-Anordnungen nicht mehr überprüft.

Ähnlich sieht es in Sachsen aus. Über die Gründe für die dramatische Welle in seinem Land wollte Kretschmer vergangene Woche nicht mehr so viel reden. Aber für Experten sind die Zusammenhänge klar. „Das korreliert ganz eindeutig mit dem Impfniveau“, sagt der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz, der vor allem die Lage in Sachsen analysiert. Niedrige Impfquote bedeute hohe Infektionsrate. Sachsen ist beim Impfen Schlusslicht: 57 Prozent der Bevölkerung waren Stand Freitag voll geimpft, im Vergleich zu 67 Prozent bundesweit. Thüringen lag mit 60,9 Prozent ebenfalls unterm Schnitt, ebenso wie Bayern mit 64,9 Prozent.

Laut Söder gebe es nicht nur ein bundesweites, sondern auch ein bayernweites Nord-Süd-Gefälle bei den Impfquoten. Allerdings: In Landkreisen mit besonders hohen Inzidenzen liegt die Impfquote teils über dem bayerischen Schnitt. Es sei aber nach wie vor eine „Pandemie der Ungeimpften“, so Söder. „Alle Covid-Patienten hier auf Intensiv waren schwer erkrankt, dem Tod näher als dem Leben. Alle jung, von 28 bis 48 Jahre alt. Alle ungeimpft“, schrieb Schauspieler Jan Josef Liefers nach seinem Einsatz auf einer Corona-Intensivstation bereits Mitte Oktober in einem Gastbeitrag bei „bild.de“.

75 Prozent der Patienten auf Intensivstationen Ungeimpft

Laut dem aktuellen Wochenbericht des Robert Koch-Isntitut lagen im Zeitraum der Kalenderwochen 40-43 insgesamt 1173 Covid-19-Patienten mit Angaben zum Impfstatus auf einer Intensivstation. 310 dieser Patienten haben einen vollständigen Impfschutz, das entspricht einem prozentualen Wert von 26,42. Das heißt knapp 75 Prozent der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen sind ungeimpft.

Das ist aber nicht der einzige Erkläransatz. Bei früheren Corona-Wellen wurde vermutet, dass der hohe Altersdurchschnitt in Sachsen und Thüringen eine Rolle spielen könnte. Die ländlichen Strukturen wurden angeführt, die engeren Familienbande, die gesellige Vereinskultur. Auch der Grenzverkehr zu Tschechien und Österreich könnte eine Rolle spielen, denn in den Nachbarländern ist die Corona-Lage noch schlimmer als in Deutschland. Thüringen aber liegt nicht an der Grenze.

Das Erfurter Gesundheitsministerium sieht neben der niedrigen Impfquote vor allem zwei Gründe für die hohen Zahlen: die Häufung von Corona-Fällen in Kindergärten und Schulen und das späte Ende der Sommerferien. Neben Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg gehörte Thüringen zu den Bundesländern mit dem spätesten Ferienende. Die Inzidenzen bei den 6- bis 17-Jährigen lagen dort nach Angaben des Ministeriums in den letzten Wochen über 600. Drei Effekte könnten zusammenspielen: die späte Reiserückkehr, der Beginn der kalten Jahreszeit und der engere Kontakt in Innenräumen.

„Booster“ soll helfen

Thüringen versucht ebenfalls wie Bayern und Sachsen, die Zügel zu straffen, wenn auch etwas weniger strikt. Die thüringische Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) setzt auf 3G und somit auf Einschränkungen für Ungeimpfte, zumal sich auch die Lage in den Kliniken des Landes zuspitzt. In Pflegeheimen will sie die Testpflicht für Beschäftigte ausweiten. Darauf einigten sich dann am Freitag auch die Gesundheitsminister aller Länder. Und sie setzten ein klares Signal für Auffrischungsimpfungen sechs Monate nach der ersten Immunisierung.

Epidemiologe Scholz hält das für richtig, denn auch Geimpfte sollten sich nicht allzu sicher fühlen. Der Impfschutz nehme nach sechs Monaten deutlich ab, am schnellsten bei älteren Menschen. „Die geimpften Risikogruppen sind jetzt wieder gefährdet, da muss man aufpassen“, sagt der Leipziger Wissenschaftler.

Deshalb bräuchten Menschen über 70 Jahre jetzt dringend einen „Booster“, und auch für alle anderen sei eine solche Auffrischung sinnvoll. „Ich verstehe nicht so ganz, dass man da so lange zögert“, sagt Scholz. „Das ist jetzt wirklich höchste Eisenbahn.“ Mit diesen Worten spricht er Markus Söder wohl aus der Seele. „Der Booster ist der beste Schutz“, so Söder. Der Freistaat will deswegen möglichst jedem Bürger ein Angebot zu einer dritten Impfung machen - und nicht nur den Menschen in der Altersgruppe über 70.

mz mit Material der dpa

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