Im schlimmsten Fall könne sich die Lage sogar verschlechtern

„Panikgetrieben und wenig sinnvoll“ - Experten zerpflücken Söders FFP2-Maskenpflicht

Bayern - In Bayern müssen die Menschen im Einzelhandel und Nahverkehr ab Montag eine FFP2-Maske tragen. Wie sinnvoll ist die Regel? Experten sind sich uneins.

Das bayerische Kabinett hat am Dienstag die FFP2-Maskenpflicht beschlossen. Vom kommenden Montag an sind damit einfache Community-Masken und einfacher medizinischer Mund-Nasen-Schutz in Bussen, Bahnen und Geschäften im Freistaat verboten. Oberstes Ziel sei ein noch höherer Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus. In der ersten Woche sollen allerdings noch keine Sanktionen und Bußgelder verhängt werden, sondern erst vom 25. Januar an - Söder sprach von einer „Kulanzwoche“. Die Höhe des Bußgeldes ist zunächst noch offen.

FFP2-Maskenpflicht gilt für Jugendliche ab 15 Jahren

Zugleich ist nun klar, dass die FFP2-Maskenpflicht erst für Jugendliche ab 15 Jahren gelten wird. Kinder bis einschließlich 14 Jahre bleiben nach Worten des Ministerpräsidenten Markus Söder ausgenommen. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek erläuterte zudem, dass auch Schutzstandards erlaubt sein werden, die als gleichwertig zu FFP2 gelten, etwa Masken mit der Kennung KN95. Im Einzelhandel wird die FFP2-Maskenpflicht nach Worten Holetscheks lediglich für Kunden gelten, nicht aber für die Beschäftigten.

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Gegenüber den ganzen löchrigen Schals, die da zum Teil sind, und ungefähr acht Monaten getragenen Community-Masken die man findet gerade im ÖPNV, ist eine FFP2-Maske in jeder Beziehung eine deutliche Verbesserung“, rechtfertigte Söder die angekündigte FFP2-Maskenpflicht und fügte an: „Die normalen Community-Masken sind der Schutz des Anderen, die FFP2 ist auch der Schutz für sich selber.“ Die Verfügbarkeit im Handel sei ausreichend gewährleistet, zum Teil seien die Masken im Überfluss vorhanden.

„Aufwand und Kosten stehen in keinem Verhältnis“

Diese Vorschrift kommt aber nicht bei allen gut an und sorgt für viel Kritik. „Die Maßnahme kommt mir panikgetrieben und wenig sinnvoll vor“, sagte Verfassungsrechtler Stefan Huster von der Ruhr-Universität Bochum im Gespräch mit web.de. Demnach gebe es keine Untersuchungen, die Supermärkte oder den Nahverkehr als Infektionsherde identifizierten - eine valide Grundlage für die Verschärfung der Maskenpflicht fehle somit. „Es ist zwar besser, wenn die Menschen FFP2-Masken anstelle von Alltagsmasken tragen, aber der erhebliche Aufwand und die möglicherweise erheblichen Kosten stehen in keinem Verhältnis„, meint der Experte.

Das bedeute jedoch nicht, dass die Verschärfung nicht rechtens sei: „Der Gesetz- oder Verordnungsgeber hat einen gewissen Einschätzungsspielraum. In der Pandemiesituation ist es sehr schwierig zu entscheiden, was sinnvoll, wirksam und angemessen ist“, so Huster. Aktuelle handele die Politik oft nach dem Prinzip „Trial and Error.“

Könnte die bayerische Maßnahme also noch vor Inkrafttreten wieder gerichtlich gekippt werden? „Ministerielle Verordnungen können als solche gerichtlich in der Regel nicht angegriffen werden“, informiert Huster. Wenn einer Einzelperson aber der Zutritt zum Supermarkt verwehrt würde oder Bußgelder anfielen, könne sie dagegen vorgehen - jedoch mit geringen Erfolgschancen.

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Kann FFP2-Maskenpflicht die Lage sogar verschlechtern?

Auch andere Virologen äußerten Bedenken. „Ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied macht“, sagte Johannes Knobloch, Leiter des Bereichs Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der Deutschen Presse-Agentur. „Im schlimmsten Fall kann sich die Lage sogar verschlechtern, weil sich die Leute geschützter fühlen und weniger vorsichtig sind.“

Der Pandemiebeauftragte des Klinikums rechts der Isar in München hält die FFP2-Maskenpflicht ebenfalls für problematisch. „Damit sie zusätzlichen Schutz bieten, müssen sie dicht sitzend getragen werden, was die Mehrheit der Nutzer schon mit den normalen Masken kaum schafft“, gab Christoph Spinner, Oberarzt für Infektiologie zu bedenken. „Daher verspreche ich mir kaum zusätzlichen Schutz.

Kostenlose Masken für Bedürftige

Die Arbeiterwohlfahrt forderte währenddessen kostenlose Masken für alle: „Wenn Fachleute FFP2-Masken nur zur Einmalnutzung zulassen und das Stück mindestens zwei Euro kostet, dann überfordert der Freistaat Bayern nicht nur Grundsicherungsempfänger und Menschen mit wenig Einkommen, sondern auch Familien und alle Arbeitnehmer, die täglich mit dem ÖPNV pendeln müssen“, argumentierte der Landesvorsitzende Thomas Beyer.

Darauf reagierte Söder prompt. Bayern will 2,5 Millionen FFP2-Schutzmasken für Bedürftige kostenlos zur Verfügung stellen - zunächst fünf pro Person. Die Masken für Bedürftige sollen aus dem bayerischen Pandemiezentrallager vom Technischen Hilfswerk an die Kommunen geliefert und von dort verteilt werden, etwa an Hartz-IV-Empfänger. Aber ob fünf Masken pro Person wirklich reichen? Schließlich ist eine FFP2-Maske ein Einmalprodukt und sollte laut Experten nach spätestens acht Stunden oder starker Befeuchtung gewechselt werden. Als Tragedauer am Stück empfiehlt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) maximal 75 Minuten, dann wird eine 30-minütige Pause empfohlen.

Die Kosten bleiben der größte Kritikpunkt, denn verglichen mit Alltagsmasken oder selbstgenähten Masken kosten FFP-Masken mehr: Im Handel liegen die Preise zwischen einem und zwei Euro, Apotheken verlangen bis zu fünf Euro. Bei Amazon sind die Preise mittlerweile gestiegen.

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Menschen ab 60 Jahren und Risikopatienten hatten bereits ab November 2020 die Möglichkeit, FFP2-Masken kostenlos oder vergünstigt in Apotheken zu erhalten. Schon damals bildeten sich teilweise lange Schlangen vor den Ausgabestellen.

Unterstützung für Söder

Mehrere Experten halten die Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken aber grundsätzlich für sinnvoll. Eine FFP2-Maske schütze nur, wenn sie korrekt angelegt und verwendet werde, sagte etwa der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. Sie müsse dicht abschließen, die Außenfläche dürfe auch beim Ablegen nicht berührt werden. Korrekt verwendet, biete aber eine solche Maske anders als die einfachen Einweg- und Baumwollmasken viel Eigenschutz. 

Auch der Virologe Alexander Kekulé hält die Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken im öffentlichen Nahverkehr und Einzelhandel grundsätzlich für sinnvoll. „Natürlich ist eine FFP2-Maske deutlich sicherer als ein Mund-Nasen-Schutz, der oft auch nur sehr locker getragen wird.“

mz/dpa

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