„Meine Eltern haben so viele Kinder, weil sie dafür Kindergeld bekommen“

Prozess um Bub mit Verbrennungen: Unmenschliche Zustände im Haus der Eltern

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Prozess um lebensgefährlich verletzten Jungen.

Eine Mutter zündete im Garten Gegenstände an, wobei ihr fünfjähriger Sohn lebensgefährliche Verbrennungen erlitt. Anstatt ihn zum Arzt zu fahren, widmeten sich die Eltern lieber ihrem Liebesspiel. Zum Prozessauftakt kommen weitere schlimme Erkenntnisse ans Licht.

Regensburg - Die Pächterin einer Tankstelle im Landkreis Cham ahnt sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist, als im Herbst vergangenen Jahres ein Pärchen mit einem kleinen Jungen in das Geschäft kommt. Der Bub hat Brandverletzungen im Gesicht, zittert am ganzen Körper. Die Eltern scheint das nicht weiter zu kümmern. Sie geben seelenruhig Pakete in der Poststation der Tankstelle ab.

Die Pächterin informiert schließlich das Jugendamt über ihre Beobachtung - und rettet dem Kind damit wohl das Leben. Der heute Sechsjährige wird später von der Polizei in einem lebensbedrohlichen Zustand aus der Familie geholt und in ein Spezialkrankenhaus gebracht. Seit Mittwoch müssen sich die Eltern vor dem Landgericht Regensburg verantworten.

Sie sind unter anderem wegen versuchten Mordes an ihrem eigenen Kind angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Paar vor, den Jungen trotz seiner schweren Verletzungen aus Angst vor dem Jugendamt nicht zum Arzt gebracht zu haben. Noch heute leide der Junge unter den traumatischen Folgen der Brandverletzungen, sagt Oberstaatsanwältin Ulrike Klein bei der Verlesung der Anklagepunkte.

Der Junge soll vor Schmerzen geschrien haben

Die Polizei hat eine Zeit lang gebraucht, um annähernd rekonstruieren zu können, was am 30. September 2016 passiert ist - dem Tag, an dem das Martyrium des Jungen beginnt. Die Mutter fasst den Ermittlungen zufolge an diesem Tag den Entschluss, mehrere Gegenstände in Waldmünchen (Landkreis Cham) im Garten mit Benzin aus einem Kanister zu verbrennen. Dabei entzündet sich der Behälter. In Panik schleudert die 37-Jährige diesen von sich - herumspritzender Treibstoff trifft den Buben, dessen Körper sofort zu brennen beginnt. Der Mutter gelingt es, mit einer Jacke die Flammen zu ersticken.

Bis dahin wäre es wohl ein tragischer Unfall gewesen. Doch die Eltern überließen laut Anklage das Kind mit seinen schweren Brandverletzungen zweiten und dritten Grades mehr oder weniger sich selbst - einen Arzt suchten sie nicht auf. Daran änderte sich auch nichts, als sich der Zustand des Jungen in den Tagen nach dem Feuer dramatisch verschlechterte: In der Anklage ist von aufgeplatzten Wunden und Verkrustungen die Rede. Der Junge soll immer wieder vor Schmerzen geschrien und geweint haben, berichten seine Geschwister später der Polizei.

Hundekot im Kinderzimmer

Die für den Fall zuständige Kriminalbeamtin schildert im Zeugenstand unter welchen dramatischen Bedingungen der Junge mit seinen vier Geschwistern im Alter zwischen drei und zwölf Jahren aufwuchs: In den Betten der Kinder fanden die Beamten teilweise keine Matratzen. Ein Zimmer sei voll mit Hundekot gewesen. Ihr Frühstück hätten sich die Kinder häufig selbst machen müssen. Spielsachen habe es kaum gegeben.

Die Eltern, die keine Arbeit haben und auf staatliche Hilfe angewiesen sind, stifteten ihre Kinder zu Diebstählen an und nahmen sie zu Drogenfahrten nach Tschechien mit - weil sie glaubten, dass eine Familie mit Kindern nicht von der Polizei kontrolliert werde.

„Meine Eltern haben so viele Kinder, weil sie dafür Kindergeld bekommen“

Der blass wirkende Angeklagte schüttelt immer wieder den Kopf, als er die Vorwürfe hört. Seine Frau verharrt dagegen den ganzen Tag über nahezu regungslos auf ihrem Stuhl. Eines der Kinder beschrieb die Mutter gegenüber der Polizei als emotionslos. „Meine Eltern haben so viele Kinder, weil sie dafür Kindergeld bekommen“, gab ein Bruder des Opfers den Ermittlern zu Protokoll.

Immer wieder soll das Paar vor den Kindern Sex gehabt haben. Selbst als der schwer verletzte Junge zusammengekauert auf dem Sofa nur noch röchelt, sucht das Paar nach Darstellung der Staatsanwaltschaft im Internet nach Partnern für Sexspiele und macht dafür Fotos im Garten.

Mutter leide an Schizophrenie

Laut Verteidiger Jörg Meyer leidet die Mutter unter einer Art von Schizophrenie. Dies sei der Grund gewesen, weshalb sie keine ärztliche Hilfe geholt habe. Er gehe nicht davon aus, dass es zu einer Verurteilung seiner Mandantin wegen eines versuchten Tötungsdelikts komme. Michael Haizmann, der Verteidiger des ebenfalls 37 Jahre alten Vaters, hält die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft als „etwas zu hoch aufgehängt“.

Der Junge, der sich wie seine Geschwister in der Obhut des Jugendamtes befindet, hat von dem Brand neben Narben auch bleibende körperliche Schäden davon getragen. Er muss wahrscheinlich in den kommenden Jahren weitere Operationen über sich ergehen lassen. Als Polizeibeamte von ihm wissen wollten, ob es Zuhause denn schön gewesen sei, schrie er die Polizisten an: „Nein, Zuhause war es gar nicht schön.“ Für den Prozess sind zunächst zwölf weitere Prozesstage angesetzt.

Eine grausame Vorstellung ist auch der Fall aus Atlanta, wo eine Frau ihre beiden Kinder im Ofen verbrennen lässt.

dpa

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