Nach tödlicher Schlägerei in Passau

Maurice erstickte an eigenem Blut: Erster Prozesstag bringt schockierende Details

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Kerzen und Blumen liegen vor der Fußgängerpassage in Passau, wo der 15-Jährige nach einer Prügelei verstarb.
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Passau - Der Tod von Maurice K. hat viele Menschen in Passau erschüttert. Der 15-Jährige hatte sich - so die Ansicht der Staatsanwaltschaft - mit einem anderen Jugendlichen in der Innenstadt verabredet, um einen Streit auszutragen. Am Ende erstickte er an seinem Blut. Der Prozess soll nun die Frage klären: Wer war schuld daran?

Update, Freitag 6.40 Uhr: Prozessbeginn am Donnerstag

Zu Prozessbeginn zogen sich die Angeklagten die Kapuzen ihrer Sweatshirts ins Gesicht oder versteckten sich hinter Aktenordnern. Ihnen gegenüber saß als Nebenklägerin die Mutter des Opfers. Sie war an jenem Apriltag zufällig in der Nähe des Tatortes und kam gerade hinzu, als der Notarzt versuchte, ihren Sohn zu reanimieren.

Die Angeklagten wirkten angespannt, die noch Minderjährigen unter ihnen wurden von Erziehungsberechtigten begleitet. Zwei verweigerten die Aussage, zwei ließen ihre Anwälte eine Erklärung verlesen und zwei machten selbst Angaben zum Geschehen.

Sie hätten sich erst seit wenigen Monaten gekannt, sagte der Kontrahent von Maurice. Warum sie sich nicht mochten und warum sie schlecht übereinander redeten, kann er nicht sagen. Als sie sich wie vereinbart an einer Unterführung in Passau trafen, um den Streit „1 gegen 1“ auszutragen, hätten bereits zahlreiche andere junge Leute herumgestanden. Über soziale Netzwerke im Internet und Weitererzählen hatte sich herumgesprochen, dass er dort „Stress geben“ würde, wie sich die Angeklagten ausdrückten.

Der inzwischen 16-jährige Gegner von Maurice sagte, er sei auf diesen zugegangen und habe gesagt, er solle aufpassen, was er über ihn rede. „Dann habe ich ihm eine Watschn gegeben.“ Es wurde geschubst, geschlagen. Beide gingen zu Boden, so schilderte es der Jugendliche. Er habe Maurice in den Schwitzkasten genommen. Dann rappelten sie sich auf und schlugen weiter. Als er erneut zu Boden ging, habe Maurice ihn treten wollen. Wie es weiterging, konnte er nicht genau sagen. Jedenfalls sei eine Frau mit Hund gekommen und habe gedroht, die Polizei zu rufen. Da sei er mit anderen davongelaufen. Maurice ebenso. Später am Abend, als ihn die Polizei daheim abholte, habe er von dessen Tod erfahren.

Einer der Angeklagten, ein 17-Jähriger, ließ über seinen Anwalt berichten, wie er versucht habe, Maurice abzuhalten, als dieser mit dem Fuß gegen den am Boden liegenden Kontrahenten ausgeholt habe. Da sei er von Maurice geschubst worden und habe versucht ihn, mit der Faust zu treffen. Als Maurice erneut mit dem Fuß ausholte, „bin ich hin und habe gesagt: Treten macht man nicht“. Es kam zum Gerangel, in das sich zwei Cousins des 17-Jährigen einmischten. Der Ältere der Cousins, ein 25-Jähriger, verpasste Maurice nach eigener Aussage dann je einen Faustschlag gegen die Schläfe und in den Nierenbereich. Als die Frau mit Hund auftauchte, seien sie abgehauen.

Später, so ließ der 17-Jährige seinen Verteidiger berichten, habe er Polizeifahrzeuge in der Nähe des Tatortes gesehen und die Beamten gefragt, ob das mit der Schlägerei zu tun habe. Er habe sich als Beteiligter gestellt und dann im Streifenwagen über Funk gehört, dass Maurice gestorben sei. „Da habe ich geweint.“ Sein 15-jähriger Cousin sagte über seinen Anwalt aus, er habe es nicht fassen können, als er von Maurices Tod erfuhr. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an diese Tragödie denke.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

dpa

Vorbericht

Sieben Monate nach dem gewaltsamen Tod eines 15-Jährigen bei einer Schlägerei in Passau müssen sich ab November mehrere Verdächtige vor Gericht verantworten. Wie das Passauer Landgericht in einer Pressemitteilung bekannt gab, legt die Staatsanwaltschaft fünf Angeklagten unter anderem Körperverletzung mit Todesfolge und einem sechsten Beihilfe zur Last. Demnach waren die Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren Mitte April an der Schlägerei in der Innenstadt beteiligt. 

Zu Schlägerei "1 gegen 1" verabredet

Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge hatte sich Maurice mit einem der Angeklagten um 18 Uhr zu einer körperlichen Auseinandersetzung nach dem Motto "1 gegen 1" verabredet. Ein weiterer Angeklagter, ein 17-Jähriger, lud über soziale Netzwerke im Internet zu dem geplanten Kampf ein. Etwa 20 Leute kamen. Der 17-Jährige soll auch an der Organisation des Kampfes beteiligt gewesen sein.

Hier lesen Sie weitere Berichte zum Fall Maurice K.

Laut Anklage mischten sich Umstehende in den Streit ein. Insgesamt sollen letztlich vier der Angeklagten den Geschädigten K. mit Schlägen und Tritten traktiert haben. Derjenige Angeklagte, der zuvor an der Organisation der Auseinandersetzung beteiligt gewesen sein soll, soll durch Zurufe diese vier Personen angefeuert haben. Ein weiterer, damals bereits erwachsener Angeklagter soll zwar selbst nicht tätlich eingegriffen haben, ihm legt die Anklage jedoch zur Last, dass er vor Beginn der Auseinandersetzung verbal deren „Leitung“ übernommen und dann nicht eingegriffen habe, als mehrere Personen auf Maurice K. einschlugen. Zudem soll dieser Angeklagte versucht haben, anwesende Zeugen durch Drohungen von einer Aussage bei der Polizei abzuhalten.

Das droht den Angeklagten bei Verurteilung

Der Schüler Maurice K. wurde dabei so schwer verletzt, dass er an seinem Blut erstickte. Er verstarb um 19.32 Uhr im Klinikum Passau. Im Falle einer Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge drohen den erwachsenen Angeklagten Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren. Für den Prozess sind zunächst zwölf Verhandlungstermine angesetzt; Auftakt ist am 8. November.

mh

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