Verbreitung von „Pornselfies“

Wenn Kinder Kinderpornos herstellen: Alarmierende Zunahme in Landkreisen Rosenheim und Traunstein

Südliches Oberbayern - Immer öfter teilen Kinder und Jugendliche Kinderpornografie in Chats und Messengern – und machen sich damit strafbar. Die Polizei möchte nun verstärkt auf diesen Umstand hinweisen. Besonderen Grund zur Besorgnis geben indes Zahlen aus den Landkreisen Traunstein und Rosenheim.

Es ist ein ernstes Thema, und die Zahlen sind besorgniserregend: Um 54,7 Prozent stieg die „Verbreitung pornografischer Schriften“ im Vorjahr in Bayern an. Die Entwicklung ist, wie ovb24.de bereits berichtete, vor allem auf die gestiegenen Fallzahlen bei der Verbreitung von Kinderpornografie unter den Jugendlichen zurückzuführen. Im südlichen Oberbayern sind die Zahlen teils noch dramatischer. In Prozent ausgedrückt betrug die Steigerung im Landkreis Berchtesgadener Land 61,5 Prozent, in der Stadt Rosenheim 133,3 Prozent und im Landkreis Traunstein alarmierende 142,9 Prozent. Die Zunahme in Oberbayern insgesamt: 66,2 Prozent.

Die Zahlen für die einzelnen Landkreise im südlichen Oberbayern. Bei der Stadt Rosenheim und dem Landkreis Traunstein liegt die Zunahme jenseits der 100 Prozent.

Dass man die Zahlen auch von Seiten der Polizei äußerst ernst nimmt, zeigen die vergangenen Tage. Gleich drei Presseaussendungen wurden in dem Zeitraum zu der Thematik versendet, verfasst vom Bayerischen Landeskriminalamt, der polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes und dem Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Auch das durch das Weiterversenden der Nackt- und Masturbationsaufnahmen verursachte menschliche Leid wird darin herausgestrichen. „Viel schwerer“ als etwa mögliche disziplinäre- oder strafrechtliche Konsequenzen, so das Polizeipräsidium Oberbayern Süd, wögen „die damit verbundenen Folgen für die Opfer: Angst ,Scham, Traumatisierung, Schlaflosigkeit und Probleme im Alltagsleben.“

Oft stelle sich laut Polizei folgender beispielhaft geschilderter Tatablauf dar: „Ein 14-jähriges Mädchen ist verliebt in einen 16-jährigen Jungen. Aus Liebe schickt sie ihm ein Nacktfoto von sich und denkt dabei nicht an die Folgen. Wenige Wochen später beendet sie die Beziehung zu ihm. Da „Er“ nicht damit einverstanden ist, erpresst er „Sie“ damit zu sexuellen Handlungen. Andernfalls würde er das Nacktfoto von ihr, das er nach wie vor auf seinem Handy hat, über soziale Medien oder Chats verbreiten.“

>>>Hier nachlesen: Wenn ich den Verdacht habe, dass mein Kind Nacktfotos von sich versendet...<<<

Gravierend sind auch jene Fälle, in denen die Opfer ihren vermeintlichen Partner oder ihre Partnerin nur über das Internet kennen, quasi eine Cyber-Beziehung führen würden, ohne sich jemals persönlich kennengelernt zu haben. Im Chatverlauf komme es dann irgendwann zum gegenseitigen Austausch von persönlichen Fotos, sogar Nacktfotos. „Der oder die Täter am anderen Ende der Internetleitung forderten dann immer mehr, bis zu Videos von sexuellen Handlungen der Opfer an sich selbst. Ansonsten, so drohen die Täter, würden die bereits verschickten Fotos offen ins Internet gestellt oder über soziale Medien geteilt“, warnt die Polizei.

So erst kürzlich geschehen im Landkreis Traunstein. Ein jugendliches Mädchen verfügt über einen öffentlichen Account eines weltweit bekannten sozialen Mediums. Über die damit verbundene Chatfunktion erhielt sie vor geraumer Zeit Nachrichten eines angeblichen „Jason“ (Anm. Name geändert), mit dem sie sich in der Folge eine Cyber-Beziehung entwickelte. In einem Video-Chat mit „Jason“ nahm das Mädchen schließlich sexuelle Handlungen an sich selbst vor. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: „Jason“ hatte das Video aufgezeichnet, bedrohte und erpresste die Teenagerin damit in der Folge. Wenn sie ihm nicht mehr solche Videos zukommen lasse, werde er alle bisherigen Bilder und Videos über das Internet und soziale Medien verbreiten, um der Welt zu zeigen, was sie für ein schlechter Mensch sei.

Das Mädchen vertraute sich schließlich ihren Eltern an und erstattete Anzeige bei der Polizei. Solche oder ähnlich gelagerte Fälle erreichen die zuständigen Fachkommissariate der Kriminalpolizeidienststellen beinahe täglich. Den Tätern, die meist anonymisiert aus dem Ausland agieren und es auf Gelderpressung angelegt haben, werden die Ermittlungsbehörden kaum habhaft. Gleiches gilt für die verschickten Fotos und Videos, die auf ausländischen Computerservern gespeichert und zur Weiterverbreitung gelagert sind.

>>>Hier nachlesen: Nackte Tatsachen bei Bayerns Jugendlichen - Wenn es blöd läuft, sieht es das ganze Internet<<<

Die Polizei möchte nun verstärkt Bewusstseinsarbeit leisten. Wir haben mit Kriminalhauptmeister Fabian Puchelt, Pressesprecher beim Bayerischen Landeskriminalamt, über die Thematik gesprochen.

Herr Kriminalhauptmeister Puchelt, ist es eigentlich erlaubt, dass Jugendliche Aufnahmen mit sexualisiertem Inhalt von sich selbst herstellen? Ab welchem Punkt machen Jugendliche sich strafbar? Und: Wann wird ein Nacktfoto zur Pornografie?

Fabian Puchelt: Grundsätzlich machen sich Jugendliche, die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind, nicht strafbar, wenn sie von sich selbst Nacktaufnahmen herstellen und diese an andere meist Gleichaltrige senden. Hierbei handelt es sich um das sogenannte „Sexting“ mit Fokus auf erotische Abbildungen oder freizügige Videos, wie beispielsweise Aufnahmen in Badehose, Bikini oder von unbekleideten Körperpartien.

Problematisch wird es erst, wenn die Grenze zur Pornografie überschritten wird. Dies geschieht insbesondere dann, wenn die Abbildungen darauf abzielen, die Sexualität oder den Sexualakt Jugendlicher in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise hervorzuheben; häufig in Form einer detaillierten Darstellung der Geschlechtsorgane. Die Herstellung, der Erwerb und Besitz sowie die Verbreitung solcher Abbildungen sind nach § 184c StGB mit Strafe bedroht.

Davon ausgenommen sind Fälle, in denen jugendpornografische Abbildungen ausschließlich zum persönlichen Gebrauch und mit Einwilligung der dargestellten Personen hergestellt werden (s. § 184c Abs. 4 StGB).

Können Sie die Rechtslage bei Pornselfies genauer erklären?

Fabian Puchelt: Für den Begriff „Pornselfie“ gibt es keine einheitliche Definition. Im vorliegenden Bericht fallen unter dem Begriff sämtliche Abbildungen (Bilder oder Videos), die ohne kommerziellen Hintergrund als Amateurpornografie von Kindern oder Jugendlichen selbst produziert worden sind. Dabei lag der Fokus auf Genitalien oder sexuellen Handlungen (z. B. Masturbation), die heimlich, ohne das Wissen einer oder mehrerer dargestellten Personen (z. B. heimlich gefilmte Sextapes) als auch selbst gewollt aufgenommen wurden.

Viele Opfer, deren Aufnahmen verbreitet wurden, trauen sich aus Scham nicht, Anzeige zu erstatten. Welche Wege gibt es aus diesem Dilemma?

Fabian Puchelt: Zunächst sollten sich Betroffene an eine Person ihres Vertrauens wenden. Neben den Eltern können das Lehrkräfte (z. B. Vertrauenslehrer) oder auch Angehörige der Schulsozialarbeit sein. Gemeinsam sollte dann eine nachhaltige Lösung gefunden werden. Dies beinhaltet unter Umständen auch eine Anzeigenerstattung bei der Polizei. Daneben bietet die „Nummer gegen Kummer“ (www.nummergegenkummer.de) neben einer telefonischen Beratung auch eine Onlineberatung an.

Worauf müssen Lehrende achten, wenn ein solches Video in der Klasse im Umlauf ist?

Fabian Puchelt: Grundsätzlich gibt es hier Vorgaben seitens der Schule bzw. des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus. Unter Umständen ist es demnach angezeigt, die Polizei bzw. den zuständigen Schulverbindungsbeamten oder die zuständige Schulverbindungsbeamtin der Polizeiinspektion zu informieren. Dies sollte allerdings in Abstimmung mit allen Beteiligten (z. B. Schulleitung, betroffene Schülerin/betroffener Schüler und Eltern) erfolgen.

Was passiert mit den Schülerinnen und Schülern?

Fabian Puchelt: Es hat sich gezeigt, dass die Weiterleitung von Pornselfies häufig mit Imponiergehabe und Prahlerei der männlichen Tatverdächtigen sowie der gezielten Bloßstellung der Betroffenen meist 13- bis 15-jährigen Mädchen in Verbindung stand. Vor allem erfolgte die Verbreitung oftmals in der eigenen Schulklasse oder nicht selten innerhalb des gesamten Schulumfeldes. Dementsprechend schwerwiegend können bei den Opfern die psychischen Folgen sein. Sie leiden unter Hilflosigkeit und Kontrollverlust einhergehend mit großen Schamgefühlen. Des Weiteren geben sich die Opfer für die Verbreitung der pornografischen Abbildungen häufig selbst die Schuld, wenn sie diese selbst gefertigt und versendet haben. Aus diesen Gründen vermeiden die Opfer häufig sich an ihre Eltern oder die Polizei zu wenden.

Ein weiteres Thema ist das Cyber-Grooming: Erwachsene machen sich an Jugendliche über digitiale Medien heran mit dem Ziel, sie sexuell zu belästigen. Wo liegen hier die größten Gefahren?

Fabian Puchelt: Hierzu muss zuvor erwähnt werden, dass für den Straftatbestand „Cyber-Grooming“ bzw. § 176 Abs. 4 Nr. 3 u. 4 StGB nur Kinder als Opfer in Betracht kommen. Jugendliche sind davon ausgenommen, obwohl auch sie Opfer sein können. Ergebnisse aus der MiKADO-Studie[1] weisen darauf hin, dass die Gefahr einer Viktimisierung der Kinder und Jugendlichen im Sinne des Cyber-Groomings auch hierzulande nicht zu unterschätzen ist, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie tagtäglich und intensiv digitale Kommunikationsmedien nutzen. Entscheidend dabei ist, dass von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden muss. Einerseits fehlt den jungen Menschen das Problembewusstsein: Sie sehen die sexuelle Online-Annäherung mehr als ein Abenteuer, welches spannend und interessant erscheint. Zudem vermeiden viele Kinder und Jugendliche bei sexuellen Grenzverletzungen aus Scham, Furcht vor Unverständnis oder empfundener Mitschuld, sich Eltern oder anderen Bezugspersonen zu offenbaren. Andererseits wissen viele Eltern nicht, dass allein schon die Vorbereitungshandlung eines sexuellen Missbrauchs strafbar sein könnte, weshalb sie es auch nicht zur Anzeige bringe.

Was sollen Jugendliche machen, wenn sie bereits erpresst werden?

Fabian Puchelt: Hier ist ganz klar eine kriminelle Energie der Täter zu erkennen. Wir raten in diesen Fällen den Betroffenen zur Anzeigenerstattung. Zum einen muss dieser „Zustand“ schnellstmöglich beendet werden, zum anderen wird damit auch ein Zeichen gesetzt.

Sind diese Probleme – sprich Cyber-Grooming und Weiterverbreitung von Pornselfies von Kindern und Jugendlichen – in Zeiten des Social Distancings größer geworden?

Fabian Puchelt: Hierzu müsste ein Vergleich zwischen den Jahren 2019 und 2020 angestellt werden, der derzeit aber nicht möglich ist, da die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für 2020 erst nächstes Jahr vorliegen werden.

Die Vermutung liegt aber nahe, dass während des Lockdowns und den Kontaktverboten Straftaten mit dem Tatmittel Internet und damit auch Cyber-Grooming sowie die Verbreitung von Pornselfies unter Jugendlichen hierzulande stärker zugenommen haben dürften als noch vor Beginn der Corona-Zeit.

Wie oft – in Prozent ausgedrückt – kamen männliche Jugendliche wegen Pornselfies im Jahr 2019 mit dem Gesetz in Konflikt? Wie oft Mädchen? Gibt es Unterschiede bei den Altersgruppen?

Fabian Puchelt: Von den im Jahr 2019 registrierten 621 jugendlichen Tatverdächtigen (TV) waren 83,6 % Personen männlichen Geschlechts (519 TV) und 16,4 % weiblichen Geschlechts (102 TV). Dabei waren 66,3 % und damit zwei Drittel der jugendlichen Tatverdächtigen 14 und 15 Jahre (412 TV) und 33,7 % 16 und 17 Jahre alt (209 TV).

Können Sie Webseiten empfehlen, die Schülerinnen und Schüler zu Sexualität in digitalen Medien informieren?

Fabian Puchelt: Polizeiliche Informationen zu den verschiedensten Phänomenen in diesem Bereich finden Jugendliche unter www.polizeifürdich.de. Darüber hinaus hält auch klicksafe (www.klicksafe.de) entsprechende Informationen für Jugendliche bereit.

Wohin können sich Betroffene wenden, deren Nacktaufnahmen ohne ihr Wissen weiterverbreitet wurden? 

Fabian Puchelt: Das kommt natürlich auf die Art und Weise der Verbreitung an. Wenn Nacktaufnahmen auf Social-Media-Plattformen veröffentlicht werden, sollten sich Betroffene an die entsprechenden Betreiber wenden. Diese sind verpflichtet die Bilder zu entfernen. Ansonsten raten wir auch in diesen Fällen zur Anzeigenerstattung bei der Polizei.

Herr Puchelt, wir danken für das Gespräch!

dp

[1] MiKADO steht für Missbrauch von Kindern: Aetiologie. Dunkelfeld. Opfer. Dabei handelt es sich um ein deutschlandweites vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend gefördertes Verbrundprojekt (2011 bis 2014) mit mehreren Forschungszentren, das zum Ziel hatte, den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im realen Leben und in digitalen Medien aus der Perspektive Betroffener und Täter systematisch zu erfassen.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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