Die zwei Rebellen vom Königssee

"Wir wollen das Bundesladenschlussgesetz kippen"

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Die Rebellen des Einzelhandels vom Königssee v.l. , Marcus Zeitz
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Schönau am Königssee - Die Diskussion um Ladenschluss, und Sonntagsverkauf ist eigentlich nichts Neues. Trotzdem sorgt dieses Thema regelmäßig für jede Menge Sprengstoff. Vielleicht, weil häufig am Thema vorbei diskutiert wird?

In vielen Familien gibt es am Sonntagmorgen frische Semmeln vom Bäcker. Oder von der Tankstelle. Aber diese werden in der Regel auch vom Bäcker gebacken. Und zwar am frühen Sonntagmorgen. Das ist aber nicht das einzige Produkt, das es an Sonn- und Feiertagen zu kaufen gibt

Das Gartencenter verkauft Blumen und Geschenkartikel, der Kiosk an der Ecke verkauft Zeitungen, die Bahnhofsläden verkaufen Lebensmittel und wer Sonntags ausgiebig shoppen gehen möchte, der macht einen Ausflug zum nächstgelegenen Flughafen und kann alles kaufen, was das Herz begehrt. Vom Online-Handel, für den der Sonntag mittlerweile der umsatzstärkste Tag der Woche ist, mal abgesehen.

Das bedeutet überall in Deutschland sperrt der Einzelhandel am Sonntag seine Pforten auf und verkauft was des Kunden Herz begehrt. Überall in Deutschland? Nein in einer kleinen oberbayerischen Gemeinde im Berchtesgadener Land blicken den Touristen dunkle Auslagen, abgeschlossene Läden oder großflächig abgedeckte Verkaufsflächen entgegen

Hinter Schloss und Riegel, bzw. weißen Leinentüchern verbergen sich Produkte, die laut der Bayerischen Staatsregierung nicht an einem Sonntag verkauft werden dürfen. Die Gemeinde heißt Schönau am Königssee.

Was darf am Sonntag verkauft werden?

Das Bundesladenschlussgesetz schreibt ganz genau vor, welche Produkte wann und wo verkauft werden dürfen. Die Einhaltung des Gesetzes wird vom Landratsamt überwacht, das von der Bayerischen Staatsregierung als oberstem Dienstherr kontrolliert wird. Dieses gilt seit 1956 für Bayern.

Auch für Verkaufsstellen wie auf der touristisch geprägten Ladenzeile gibt es genaue Vorschriften. So dürfen "Geschäfte in Touristengegenden Souvenirs, alkoholfreie Getränke sowie Bademoden und -artikel verkaufen". Souvenirs bedeutet per Definition des Gesetzgebers: "ortskennzeichnende" Artikel.

Wie teuer ein Verstoß werden kann, hat Vera Thiel vor einiger Zeit erfahren. Sie verkauft seit Jahren Murmeltiersalbe und Pins, Schmuck und Bekleidung und Zollstöcke mit lustig-bunten Aufdrucken. Für einen Zollstock, den sie ohne Hinweis auf den Königssee verkauft hat, musste sie 1.000 Euro Strafe zahlen. Seitdem werden die Zollstöcke mit einem passenden Schriftzug graviert und sind für den Sonntagsverkauf zugelassen.

"Nicht unter das Verkaufsverbot in den Geschäften am Königssee fallen übrigens auch Produkte die einen kirchlichen Bezug haben", so Franz Schoen und ergänzt: "Wie zum Beispiel Rosenkränze, Heiligenfiguren, Weihwasserkessel oder Produkte mit sakralem Charakter".

Am Thema vorbei diskutiert?

"Du sollst den Sonntag heiligen". "Der Sonntag gehört der Familie", so in der Art klingen die Argumente derjenigen, die sich auf kirchliche Argumente berufen, wenn gegen sonntägliche Öffnungszeiten gewettert wird. "Das bringt doch eh nix, man kann doch das Geld, das man zur Verfügung hat nur einmal ausgeben. Warum braucht es da dann längere Öffnungszeiten?". 

Aber geht es in der Diskussion am Königssee wirklich darum, dass Kunden mehr Geld ausgeben, als sie eigentlich zur Verfügung haben? Oder dem Arbeitnehmer den Sonntag zu klauen? Oder laufen die Diskussionen nicht häufig komplett am Thema vorbei, weil nur allgemein gegen etwas geschimpft wird, anstatt mal auf den Punkt zu kommen und zu thematisieren worum es bei der Diskussion am Königssee überhaupt geht?

Darum geht es bei dieser Diskussion wirklich

"Uns geht es darum, dass der Einzelhandel am Königssee den Touristen ihre Produkte anbieten und verkaufen kann, die diese gerne in ihrem Urlaub kaufen möchten", so Markus Zeitz, im Gespräch mit BGLand24.de. Seit 1998 verkauft der 58-Jährige in Schönau Trachten und Landhausmode auf der Ladenzeile am Königssee. 

Und ergänzt: "Wir sind darauf erpicht, dass entweder die Gleichbehandlung aller Geschäftsleute in Bayern durchgesetzt wird und die Königsseer Geschäftsleute wieder aufsperren dürfen oder dass das Bundesladenschutzgesetz fällt. Unser Landrat hat sich sehr für uns eingesetzt, aber ist von der Bayerischen Staatsregierung total abgeschmettert worden".

Keine einheitliche Linie in Bayern

Circa 25 Ladengeschäfte am Königssee sind von dem Verkaufsverbot am Sonntag betroffen. "Wie Leichentücher liegen da sonntags die weißen Baumwolltücher über einem Großteil der Gegenstände in den Läden", so Franz Schoen. Und ergänzt: "Als ob den Waren Burkas auferlegt worden sind". Schoen betreibt seit 25 Jahren ein Geschäft am Königssee. Bis vor 10 Jahren verkaufte er Souvenirs, seit 10 Jahren Bergsport- und Outdoorartikel, da rein mit Souvenirs das Geschäft nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben war.

Zeitz und Schoen gelten als "Die Rebellen vom Königssee", die sich gegen diese Verbote wehren. Beide dürfen Sonntags ihre Produkte nicht verkaufen. Zumindest am Königssee. Testkäufe in anderen Gegenden wie zum Beispiel in Füssen oder Rothenburg ob der Tauber zeigen, dass hier genau diese Produkte verkauft werden. Wo aber liegt der Unterschied in einem Paar Wanderstiefel aus einem Geschäft in Füssen und am Königssee?

Haben Mitarbeiter im Einzelhandel mehr Schutz verdient wie in anderen Berufsgruppen?

Nach einer Umfrage des Infratest-Instituts Dimap sprechen sich zwar rund 73 Prozent der Deutschen gegen eine Ladenöffnung am Sonntag aus, aber davon sind 61 Prozent der Meinung, dass die Händler selber entscheiden sollen, ob sie öffnen oder nicht. 

Gegner der Sonntagsöffnung argumentieren häufig damit, dass eine Erweiterung des Sonntagsverkaufs familienfeindlich sei. Aber gilt dieses Argument dann nur für den Einzelhandel und nicht auch für Ärzte oder Krankenschwestern, Taxifahrer und Hoteliers, Gastronomie oder Rettungskräfte? 

Oder kann es sein, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird?

Lachnummer Königssee?

"Das Berchtesgadner Land lebt zu über 80% vom Tourismus. Der Sonntag ist der Tag in der Woche, an dem die meisten Touristen kommen. Durch die Verbote hat der Einzelhandel massive Einbußen", so Peter Juhre, Inhaber des Ferienparadies Alpenglühn.

Und ergänzt: "Viele Gäste beschweren sich regelmäßig in welch hinterwäldlerischer Gegend sie sich befinden, wenn sie in unserer Touristenhochburg am Königssee am Sonntag nicht einkaufen können. Wir Vermieter und Hoteliers bekommen das allwöchentlich von unseren Gästen zu hören

Das ist die reinste Lachnummer am Königssee. Modern, zeitgemäß und publikumsnah sieht anders aus. Selbst in Rom am Petersplatz floriert der Einzelhandel Sonntags bestens".

Das sind die Argumente der Verantwortlichen

BGLand24.de hat beim Landratsamt Berchtesgadener Land, sowie zahlreichen Politikern nachgefragt, wie es zu solch unterschiedlichen Bewertungen und Handhabungen rund um ein und desselben Gesetzes kommen kann.

Lesen Sie nächste Woche auf BGLand24.de, was die hiesige Politik zu diesem Thema sagt.

Quelle: BGland24.de

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