So sehr mussten Sharon und Chiara leiden

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Krailling - Heute beginnt der Prozess um den grausamen Mord an Sharon (11) und Chiara (8) vor dem Landgericht München. Ihr eigener Onkel soll sie aus Habgier getötet haben.

Der Angeklagte konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Mussten deshalb seine Nichten Chiara (8) und Sharon (11) daheim in Krailling auf unvorstellbar grausame Art sterben? Am Dienstag beginnt vor dem Landgericht München II der Prozess gegen ihren Onkel. Die Staatsanwaltschaft München II wirft dem vierfachen Familienvater vor, die beiden Mädchen heimtückisch und aus Habgier ermordet zu haben.

Kreditlast zu hoch

Der Angeklagte führt offenbar ein normales Leben, als er vor gut fünf Jahren mit seiner Frau beschließt, ein Haus zu bauen. Er verdient als Postbote nicht viel, doch seine Frau hat Wertpapiere und eine Wohnung geerbt. Durch den Verkauf besitzt das Paar so viel Geld, dass es glaubt, den Hausbau mit einem 135 000 Euro-Kredit bewältigen zu können. Doch es kommt anders.

Als die Familie im Mai 2010 in den Neubau einzieht, gibt es weder fließend Wasser noch Böden. Zwar schafft der Mann den Ausbau nach und nach, doch spätestens im Juli, davon ist die Anklage überzeugt, ist ihm klar: Das Geld reicht nicht, er kann die 1000 Euro, die er jeden Monat an die Bank zahlen muss, nicht aufbringen.

Seine letzte Hoffnung: Seine Schwägerin, mit der seine Frau eine weitere Wohnung in Krailling besitzt. Er trifft sich im August mit ihr in einer Starnberger Wirtschaft und bittet sie, den Anteil der Wohnung seiner Frau zu kaufen – für 50 000 Euro. Doch seine Schwägerin weigert sich. Ein letzter Versuch kurz vor Weihnachten, er bietet ihr den Immobilienanteil für 40 000 Euro an. Wieder lehnt sie ab.

Letzte Hoffnung: Geld von der Schwägerin 

Die Situation für den Angeklagten spitzte sich zu, als die Bank sich die ausbleibenden Raten über den Gerichtsvollzieher holen will. Der Familienvater droht sein Haus zu verlieren, er überweist zwei Mal ein paar hundert Euro – doch er weiß, er braucht jetzt dringend Geld.

In der Anklage wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, am 4. März 2011 beschlossen zu haben, seine Schwägerin und ihre Kinder Chiara und Sharon zu töten. Dann, so sein angeblicher Plan, wäre seine Frau Alleinerbin der noch lebenden, mit 98 Jahren hochbetagten Oma.

Es sollte so aussehen, als ob die Mutter sich selbst und ihre beiden Kinder getötet habe. Er bereitet sich laut Anklage penibel vor, kauft sich knapp drei Wochen vor der Tat eine Plastikschnur, eine Lampe, eine Hantel. In der Nacht zum 24. März macht er sich in seinem Auto auf den Weg nach Krailling, um seinen Plan zu Ende zu bringen.

Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass sich der Angeklagte diesen Tag nicht zufällig ausgesucht hat. Der mutmaßliche Täter weiß, dass seine Schwägerin jeden Mittwochabend in der Kneipe um die Ecke ist, um an einem Quiz teilzunehmen, vor 2 Uhr kommt sie dann nicht heim. Er weiß, dass sie die zweigeschossige Wohnung nicht abschließt, dass Chiara und Sharon dann alleine sind. Er will die Mädchen töten, ihre Mutter in eine Falle locken und sie ebenfalls ermorden.

Todeskampf der Kinder

Laut Anklage spielt sich die Tat so ab: Chiara, acht Jahre alt, schläft, als ihr Onkel das Kinderzimmer im ersten Stock des Hauses betritt. Er würgt sie mit den Händen und schnürt ihr mit der Schnur die Luft ab, das Mädchen läuft blau an. Schwester Sharon, elf Jahre alt, wird im Zimmer nebenan wach. In der Küche treffen Onkel und Nichte aufeinander. Er schlägt sofort mit der Hantel auf ihren Kopf ein – zunächst kann Sharon ausweichen, das Metallteil erwischt sie nur am Körper. Das Kind wehrt sich, verletzt den Onkel an der Nase, er verliert Blut. Später wird dies eine der Spuren sein, die ihn schwer belastet und ihn zum Tatverdächtigen macht. Jetzt schnappt er ein Messer mit einer 12-Zentimeter-Klinge aus der Küche und sticht fünf Mal auf Sharon ein. Er verletzt ihre Lunge, ihr Herz, die Wunden sind zum Teil 17 Zentimeter tief. Die Elfjährige verblutet innerlich.

Chiara muss den Todeskampf ihrer Schwester miterleben. Sie will aus ihrem Zimmer flüchten, doch ihr Onkel kämpft draußen mit Sharon. Panisch hält sie die Tür zu ihrem Zimmer zu, damit er nicht reinkommt. Als Sharon sich nicht mehr wehrt, drückt er die Tür auf. Dann schlägt er der Kleinen den Schädel ein und treibt die Klinge elf Mal in ihren Körper. Bis auch Chiara nicht mehr atmet.

Dann schleppt der Angeklagte, so wirft es ihm die Staatsanwaltschaft vor, den Leichnam der Achtjährigen ins Bett der Mutter im zweiten Stock. Dort soll sie nach dem Entdecken der toten Sharon nach Chiara suchen – im gesamten Stockwerk demoliert er die Lampen, im Dunkeln will er seine Schwägerin überwältigen und ins Bad zerren. Dort hatte er zuvor Wasser in die Wanne gelassen und einen Küchenmixer eingesteckt, um Anette S. mit einem Stromschlag zu töten. Doch dazu kommt es nicht.

Der Angeklagte wischt das Blut gründlich auf und wartet stundenlang in der Wohnung. Dann gibt er auf. Er dachte wohl, Nachbarn könnten inzwischen wach sein. Als die Mutter um kurz vor 5 Uhr mit ihrem Partner heim kommt, findet sie ihre toten Töchter.

Ihr selbst retteten die drei Stunden Verspätung womöglich das Leben.

Carina Lechner / Münchner Merkur

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