"Skrupellos Vertrauen erschlichen"

Bruckmühl/Rosenheim - Millionen ließ der ehemalige Rosenheimer Vermögensberater Albert H. (Name von der Redaktion geändert) verschwinden - und plante sein Vorgehen offenbar von langer Hand. 

Diese bittere Erfahrung musste auch das Ehepaar Heinle aus Bruckmühl machen: H. erschlich sich das Vertrauen des kinderlosen Paares und riss sich das gesamte Ersparte unter den Nagel: 1,7 Millionen D-Mark. "Unsere Altersvorsorge", ist Kurt Heinle (76) verzweifelt.

Jahrzehntelang hatten Richard und Maria Heinle, gebürtige Münchner und seit langem in Götting (Bruckmühl) lebend, hart gearbeitet, betrieben Gaststätten und eine Kantine. Die Tageseinnahmen brachte Richard Heinle Abend für Abend mit nach Hause - er traute keiner Bank. "Ich hatte all mein Geld bei mir im Haus, weggesperrt in einem Tresor", so der ehemalige Gastwirt im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wind bekam davon offenbar Albert H., der in einer örtlichen Bank beschäftigt war. Dort hatte Maria Heinle ihre Bankgeschäfte getätigt. "Er muss erfahren haben, dass wir ein nicht unerhebliches Vermögen haben", vermutet Maria Heinle. Eines Tages sei Albert H. mit Hörnchen und Kuchen vor der Tür der Heinles aufgetaucht, daraus seien regelmäßige Besuche entstanden, erinnert sich die 76-Jährige.

Sympathisch, offen, aufmerksam - so erschlich sich Albert H. das Vertrauen des Ehepaares. Bald folgten Tipps, wie sie ihr Geld anlegen sollten, erst über Wertpapiergeschäfte, Mitte der 90er-Jahre erbat er sich schließlich eine Vollmacht. "Von dem Zeitpunkt an kümmerte er sich um unsere finanziellen Angelegenheiten", erinnert sich Richard Heinle. Die Gelder wurden in die Schweiz transferiert, regelmäßig erschien sogar ein Banker aus Basel und erstattete Bericht. Von den Erträgen sahen die Heinles allerdings nichts - sie wurden "gewinnbringend" angelegt, hieß es damals.

Um 1,7 Millionen D-Mark betrogen: Richard Heinle aus Bruckmühl, hier mit seiner Hündin Ella, verlor an den ehemaligen Vermögensverwalter Albert H. viel Geld.

Doch wieso traute Richard Heinle jahrzehntelang keiner Bank und legt dann sein ganzes Vermögen in die Hände von Albert H.? Zuletzt waren es 1,405 Millionen Mark in Wertpapieren und weitere 100.000 US-Dollar in bar, die das Gastronomenehepaar in seiner schmucken Doppelhaushälfte aufbewahrte. "Genau diese Frage habe ich meinem Kurt auch gestellt", schüttelt Maria Heinle den Kopf, skeptisch sei sie damals schon gewesen. Doch ihr Mann war nicht zu überzeugen: "Ich glaubte felsenfest, der würde uns nicht übers Ohr hauen", gestand der 76-Jährige. Nach all den Jahren des Ärgers ist er mittlerweile gesundheitlich angeschlagen, ebenso seine Frau.

Die Skrupellosigkeit des Albert H., der zwischenzeitlich für wechselnde Banken tätig war und zuletzt zusammen mit einem Partner in Rosenheim eine Vermögensberatung betrieb, schien keine Grenzen zu kennen: Er war offenbar auch auf das Haus der Heinles aus. "Ein Notartermin war bereits vereinbart, kam aber nicht mehr zustande", blickt Maria Heinle zurück. Denn: Zum Jahreswechsel 2001/2002 müssen bereits die Vorbereitungen auf die Flucht gelaufen sein, wie der von der Münchner DAB-Bank beauftragte Wirtschaftsfahnder Erich S. vermutet. Was folgte, ist bekannt: Der Transfer von 1,65 Millionen Euro von DAB-Bankkunden über gefälschte Zahlungsanweisungen auf Konten in Kufstein und Reutte (wir berichteten). Albert H. selbst setzte sich mit gefälschten Papieren ab. Seine Originalpapiere samt 120500 Euro an Bargeld entdeckte schließlich Ende März 2002 ein Hobbyarchäologe in der Nähe der Kirche von Ampass bei Innsbruck. Mit einem Metallsuchgerät hatte er die vergrabene Geldkassette geortet.

Festnahme und Verurteilung ihres Vermögensberaters verfolgten die Heinles fassungslos - und glaubten ihm dennoch weiter: "Noch während des Prozesses in Traunstein versicherte er uns, dass wir unser Geld zurückbekämen", erinnert sich der ehemalige Gastwirt. Das Ehepaar wartet ab: Besuche in der Justizvollzugsanstalt habe Albert H. stets abgewiesen. Nach der Entlassung im Herbst 2008 die nächste Enttäuschung: wieder kein Geld. Erst auf unermüdliches Drängen folgte 2009 eine geringe Entschädigung: In drei Raten über neun Monate erhielten die Heinles via Strohmann 100.000 Euro, teils in modrigen 500 Euro-Scheinen, die möglicherweise aus dem Wald bei Ebbs stammen könnten - auf den Rest warten sie noch immer.

Doch die Geduld des Ehepaares ist nun endgültig zu Ende, sie ziehen vor Gericht: Am Landgericht Traunstein ist derzeit ein Zivilverfahren zwecks Schadensersatz anhängig, wie der Rechtsanwalt der Heinles, Wolfgang Distler aus Nürnberg, bestätigte. Trotz der gesetzlichen Verjährungsfrist von drei Jahren geht er optimistisch ans Werk: Er sieht Schlupflöcher im Gesetzestext, auf die man sich in diesem Fall berufen könnte. Die Heinles wollen zwar die Hoffnung nicht aufgeben, bemerken aber: "Wir haben wohl umsonst unser Leben lang gearbeitet."

re/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © Mischi

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