Skulpturen zeigen zwei Gesichter

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Stadtführer Stefan Kirschner zeigte den Teilnehmern der Sonderstadtführung das andere Gesicht vieler Objekte und Skulpturen auf der Landesgartenschau.

Rosenheim - Nachts, im Schein der Fackeln, geht von den Objekten und Skulpturen auf der Landesgartenschau eine einzigartige Faszination aus, der sich die etwa 70 Teilnehmer der Fackelwanderung nicht entziehen konnten.

Es ist nicht der Zauber der farbenprächtigen Gärten- und Blumenarrangements, der tagsüber die Besucher in seinen Bann zieht, es ist eher so, als wolle die Ausstellung und hier besonders die Skulpturen suggerieren: "Schaut her, wir haben zwei Gesichter!"

Im Schein der Fackeln, im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, sprechen viele Objekte eine andere Sprache. Diese "andere sensibilisierende Sprache" kann allerdings nur von den Besuchern verstanden und nachvollzogen werden, die die Ausstellung schon vorher, bei Tageslicht kannten. Und das war bei fast allen Teilnehmern der Sonderstadtführung der Fall. Mit Stadtführer Stefan Kirschner nahmen die Teilnehmer mit ihren Fackeln das Ausstellungsgelände unter die Lupe. Was sie in der Dunkelheit nur schemenhaft oder gar nicht erkennen konnten, musste die Vorstellungskraft vervollständigen. Eigene Fantasie war auf jedem Falle gefordert.

Einzelne Objekte wie beispielsweise die eingezäunte "Quadriga" der vier Rasenmäher, die das "höchste Gefühl eines Kleingärtners" symbolisieren soll, wirkten im Fackelschein fast wie eine Drohkulisse, "nicht jeden Grashalm zu köpfen". Und die tagsüber farbenfreudig lachenden, gläsernen Blumenskulpturen, auch als "Gervais Joghurt Blumengarten" bekannt, glichen eher nächtlichen Wegelagerern.

Einen eigenartigen Eindruck vermittelten die in der Dunkelheit nur schemenhaft erkennbaren Bordwände der "Arche Noah", die zwar als Symbol der Schöpfung vor Ort fest verankert war, aber irgendwie im aufkommenden Nebel davon zu gleiten schien. Es schien durchaus nachvollziehbar, wie seinerzeit Noah nach 40 Tagen Dahintreibens nach Land Ausschau hielt. Und die im Dunklen gen Himmel strebenden Bordwände erinnerten daran, dass in der Bibel steht: "Wir sollen Gott fürchten, lieben und vertrauen."

Vertrauen war angesagt, als die Teilnehmer durch die den nächtlichen Auwald wanderten, der "Lebensraum, Lebensretter, Dreckfänger, Klärwerk, Kraftbrecher und Fünf-Sterne-Hotel" für Tiere und Menschen ist. Von den dort lebenden Bibern, war zwar nichts zu entdecken, wohl waren aber die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht zu übersehen. Ein besonderer Gruß der Fackelwanderer galt auch der "Oma", einer Betonskultur, die als traditionelles Wanderobjekt zu jeder Landesgartenausstellung gehört. Im Flackern der Fackeln erzählten zahlreiche Objekte zum Thema "Schule trifft Kunst und Natur" eine beredte Sprache, obwohl beispielsweise die "LandArt-Sitzgelegenheiten" nicht unbedingt zum Sitzen geeignet schienen, und von den unsichtbaren "Windspielen" waren nur leise "verspielte" Töne zu vernehmen. Am Tage über die für die Ausstellung typischen Brücken und Holzstege samt des zum Blumenkorso umfunktionierten Gervais-Steges zu schreiten, ist sicherlich reizvoll, doch nachts, wenn die Nebelgeister die Geländer einhüllen, regt das die Fantasie an und lädt zur nächtlichen Meditation im "Bambushaus" ein, um "die Seele baumeln zu lassen"

Eine nur schwerlich zu beschreibenden Faszination geht vom Kunstobjekt "Alpenkette" aus. Tagsüber als Klettermodul beliebt, beeindruckt es nachts als silberglänzendes "Tipizelt" oder als im Nebel dahin gleitender "Fliegender Holländer". Der "Leuchtenwald" präsentierte sich im vollen Strahlenglanz.

Am Innspitz bat der Stadtführer seine Gäste um Stille und um besondere Aufmerksamkeit, um dem Geflüster der "Wassergeister" und denen der "Hingerichteten" zu lauschen, denn dieser Platz diente dem Scharfrichter einst als Hinrichtungsstätte. Letztmalig wurde 1818 dort ein Raubmörder exekutiert. Bei diesem Gedanken bekamen einige Teilnehmer der Fackelwanderung eine leichte Gänsehaut, schon allein deshalb weil die vom Flusse herkommenden Nebelschwaden den wenige Meter weiter stehenden Aussichtsturm einhüllten und nur noch als "drohendes Skelett" schemenhaft erschienen ließen. "Der Fantasie seitens der Nachtwanderer waren keinerlei Grenzen gesetzt.

re/Oberbayerisches Volksblatt

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