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Kein reines Corona-Problem

„Stodara“ versus „Bauern“: Streit und Hass - München drängt weiter ins Oberland

Autos von Ausflüglern stehen auf einem voll belegten Parkplatz. (Symbolbild)
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Autos von Ausflüglern stehen auf einem voll belegten Parkplatz. (Symbolbild)

Pfingstferien - und weiter nur wenig Chancen auf Urlaub in der Ferne. Viele Menschen zieht es dieser Tage wieder in die nahen Berge. Schon im Winter klagten Einheimische über parkende Autos und Müll - und gerade Münchner spürten: Sie sind nicht immer willkommen. Dieser Trend setzt sich fort und der Streit spitzt sich zu.

Das „M“ war zuletzt nicht immer gern gesehen im Oberland. Das Münchner Autokennzeichen hat einen Makel: Es taucht zu oft auf. „Warum müsst ihr hierherkommen? Ihr könnt bei euch im Wald spazieren gehen“, war als Gipfelgruß für Münchner zu hören.

München und das Oberland: Beide gehören unlösbar zusammen, zugleich herrscht teils eine erhebliche Distanz. Die Corona-Krise hat das verschärft. Ausflüge waren für die Münchner im Lockdown oft der einzige Lichtblick, Einheimische fühlten sich überrannt. Sie klagten über Müllberge und rücksichtloses Parken. An Pfingsten blieb Chaos aus, der Andrang hielt sich in Grenzen - allerdings war das Wetter in den Bergen vielfach schlecht.

Gastronomie und Hotels locken Münchner an

Hatten Lokalpolitiker im vergangenen Frühjahr und auch im Winter verlangt, den Zustrom aus München zu drosseln, so stehen die Zeichen zu Pfingsten wieder auf Grün: Gastronomie, Hotels und Lifte dürfen bei einer Inzidenz unter 100 öffnen - die Betreiber freuen sich über die Rückkehr der Touristen. Das klang schon einmal anders.

Mit einem Brandbrief hatten Bürgermeister im Tegernseer Tal vor gut einem Jahr verlangt, in der Corona-Krise Ausflüge behördlich zu beschränken. „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Verwaltungen auch in zwei Monaten noch arbeitsfähig sind. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer hinter den „Münchnern“ den Dreck wegräumen soll“, hieß es von einem der Bürgermeister.

Das Verhalten der Gäste das Problem

Oft sei das Verhalten der Gäste das Problem, klagte der Garmischer Landrat Anton Speer im März. „Wenn im Halteverbot geparkt wird, private Einfahrten zugestellt werden, die Landschaft zugemüllt und das Wild aufgescheucht wird, Trampelpfade im Naturschutzgebiet entstehen, Chemietoiletten von Wohnmobilen im Wald entsorgt werden und Ausflügler beziehungsweise Touristen teils überaus gereizt reagieren, wenn sie auf ihre Handlungen angesprochen werden, dann trägt das nicht sonderlich zum guten Miteinander bei.“

Auch in Miesbach, wo sich an schönen Tagen der Ausflugsverkehr staut, hatten Unbekannte kurz vor dem Jahreswechsel ein großformatiges Schild platziert. Es zeigte einen Stinkefinger unter einem Münchner Kennzeichen, darüber der Satz „Wir wollen Euch nicht“ und ein nicht druckreifer Ausdruck. Daneben die derbe Aufforderung: „Bleibt’s dahoam, wo’s higherts“. Die Polizei hatte das Schild mit der unflätigen Aufschrift schnell einkassiert. Via FacebookInstagram und What‘sApp verbreitete sich das Hass-Schild wie ein Flächenbrand.

Es war der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die mit dem ersten Lockdown begonnen hatte und die Frontenbildung immer weiter schärfte. „Aber so kann man die Situation, die sicher schwierig ist, nicht meistern“, mahnte Miesbachs Bürgermeister Gerhard Braunmiller. Die Schild-Aktion war für ihn „in keinster Weise akzeptabel“.

Zettelbotschaften sorgen für Ärger

Weiter sorgte im vergangenen Winter ein Zettel eines Münchners, der am Auto einer einheimischen Bergwanderin auf dem Wanderparkplatz zum Hochgern angebracht war, für Unmut. „Wenn hier jetzt auch noch jeder einheimische parkt, ist hier bald bald kein Platz mehr für uns Tagestouristen. Bitte geht doch zu Fuß auf den Berg, das ist auch besser für die Umwelt. MfG aus München“.

Die Forderung, dass Einheimische doch bitte nur zu Fuß anreisen sollen, sorgte nicht nur für Kopfschütteln und Stirnrunzeln bei der Wanderin, sondern befeuert auch die angespannte Situation auf den Parkplätzen.

Münchner mit Retourkutsche

Die Münchner reagierten allgemein pikiert: Solange man Geld bringe, sei man willkommen. Kaum seien Gastronomie, Läden und Lifte dicht, solle man daheimbleiben. Und schließlich kämen die Menschen aus dem Oberland sonst auch in Scharen nach München und verstopften hier die Straßen: Zehntausende pendeln täglich zur Arbeit in die Landeshauptstadt. Auch zur Wiesn, zu Messen, zum Shoppen fährt man gerne nach München.

Kein Corona-Problem, sondern historisch gewachsen

Die Reiberei zwischen Stadt und Land ist kein Corona-Problem, sondern historisch gewachsen. Arrogante Städter, einfache Landbevölkerung: Die Klischees halten sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert. „Das Thema ist eingebunden in eine prinzipielle Bipolarität zwischen Stadtbewohnern und Landbewohnern. Das ist nichts Neues - und auch nichts speziell Bayerisches“, sagt Oberbayerns Bezirksheimatpfleger, Norbert Göttler. „Es gibt viele Regionen in der Welt, in denen es viele Spannungen zwischen Stadt und Land gibt.“

Dazu gehöre das lächerlich machen des Landbewohners, der wiederum auf die „Stodara“ (Städter) schimpfe, weil sie „von nichts eine Ahnung haben und durchgefüttert werden müssen“. Früher gab es Bildungsunterschiede, da Bauern ihre Kinder nicht gern zur Schule schickten - Städter wiederum fuhren zum Nahrung-Hamstern aufs Land.

Im 19. Jahrhundert kamen die Sommerfrischler. Ihre Gastgeber setzten bauernschlau und profitorientiert in ihren Bauernstücken das Image um, das die Gäste erwarteten. „So entstand ein Bild vom Bauernlackl, der nichts tut als saufen, raufen und fensterln“, sagt Göttler.

Wer vom Land in die Stadt übersiedelte, musste aufpassen, dass ihn nicht der Dialekt verriet. „Es gab eine Liste von Begrifflichkeiten, die man nicht verwenden durfte - um nicht als Landpomeranze zu gelten“, sagt Göttler. Der späteren Autorin Lena Christ habe der Großvater beim Gang von Glonn nach München „haufenweise“ Wörter mitgegeben, die sie vermeiden sollte, da sie aufsteigen wollte.

Kein bezahlbarer Wohnraum für Einheimische

Heute sorgt der massive Druck von der Stadt nach draußen ins Grüne für Unmut - auch jenseits der Pandemie. Betuchte Münchner kaufen Ferienwohnungen am Tegernsee oder im Chiemgau, treiben so die Preise in die Höhe - Einheimische finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr.

Vor zwei Jahren hatten einige Gemeinden - allen voran Berchtesgaden - Satzungen erlassen, die keine neuen Zweitwohnungen mehr zulassen. Der Wohnraum solle denen zur Verfügung stehen, die im Ort leben und arbeiten. Das Vorgehen sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit. Für dicke Luft sorgen auch die Staus. Denn am Wochenende drängt München ins Grüne.

Lesen Sie dazu: Kampf den Zweitwohnungen: Ruhpolding plant künftiges Verbot

Gebäck und Espresso für Münchner

Doch es geht auch anders: Anfang des Jahres erreichte unsere Redaktion der Anruf einer Ausflüglerin aus dem Münchner Raum. „Ich war mit meinem Lebensgefährten am Rande der Stadt unterwegs, die Sonne schien und wir wollten uns auf einer kleinen Anhöhe auf ein Bankerl setzen“, schildert Christa Herold ihren Ausflug. Beim Näherkommen entdeckten die beiden, dass in einer Halterung zwei Styroporplatten als Sitzunterlagen steckten.

„Wir dachten noch: Das ist aber nett. Wer macht denn so was? Und als wir dort so saßen und die Sonne genossen, kam plötzlich ein Mann mit einem Tablett mit zwei Tassen mit Espresso, Zucker und Spitzbubengebäck. Er wünschte uns mit herzlichen Worten ein gutes neues Jahr und meinte, dass wir es uns schmecken lassen sollten.“

Taskforce sollte Probleme lösen

Bereits zu Beginn des Jahres kam es aufgrund der Rebereien zu einem Krisengespräch: Eine Taskforce aus Tourismusvertretern sollte Ideen entwickeln, damit Münchner und Oberländler mehr Verständnis füreinander aufbringen. Die Herausforderung sei, die Interessen von Stadt und Land zu vereinen - „am besten so, dass es nur Gewinner gibt“, sagte Miesbachs Landrat Olaf von Löwis (CSU).

Im Januar hatte von Löwis per SMS einen Hilferuf an Ministerpräsident Markus Söder geschickt: Der Tagestourismus vor allem an Spitzingsee und Schliersee ufere aus. Der Appell, zu Hause zu bleiben, müsse durch Regeln bei der Ausgangsbeschränkung untermauert werden. Als die Inzidenz stieg, sperrte der Landkreis - wie einige andere Landkreise auch - Ausflügler komplett aus. Zu Pfingsten allerdings rangen von Löwis und sein Landkreis darum, es unter die Inzidenz von 100 zu schaffen - damit Hotels und Gaststätten für Touristen öffnen können.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) mahnte kürzlich, vor allem das Miteinander zu betonen. „Denn die Stadt profitiert vom Land und das Land von der Stadt.“

mz/dpa

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