Wie viele Stellen sind bedroht?

Krise kostet Metall- und Elektrobranche in Südostbayern wohl Arbeitsplätze

(vl) Frank Eberle,
Dr. Peter Schöttl, Andreas Bublak und Oberbayern-Geschäftsführer Marc Hilgenfeld von den
Branchenverbänden „bayme vbm“
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Wie viele der 28.000 Arbeitsplätze in Südostbayern bedroht sind, wollten (vl) Frank Eberle, Dr. Peter Schöttl, Andreas Bublak und Oberbayern-Geschäftsführer Marc Hilgenfeld von den Branchenverbänden „bayme vbm“ nicht beziffern. Ein Lob für die Reaktion auf die Situation ging jedenfalls auch an die Arbeitnehmer, welche Maßnahmen, wie Kurzarbeit, hingenommen haben.

Südostbayern - Die Metall- und Elektrobranche in Südostbayern befindet sich in einer tiefen Rezession. „Es ist schlimmer, als zu Spitzenzeiten der Finanzkrise im Sommer 2009!“, verdeutlichte Vorstandsmitglied Dr. Peter Schöttl von den beiden Branchenverbänden „bayme“ und „vbm“ in Südostbayern die Lage.

Die sommerliche Konjunkturumfrage unter den Arbeitgebern der Branche fällt so schlecht aus, wie noch nie: 71,3% von ihnen beurteilen das Inlandsgeschäft derzeit als schlecht, 68,2% auch den Export. Eine gute Situation auf dem Inlandsmarkt erkennen lediglich noch 13,7% der Mitgliedsfirmen. Bedingt durch den globalen Shutdown und der Angst vor einem Zweiten sehen aktuell nur 6,9% in den Auslandsmärkten Gewinnchancen.

Hier waren es, zum Vergleich, im August 2019 noch 30,9%. „Was hilft mir eine nagelneue Maschine in der Werkhalle, wenn ich sie nicht ausliefern darf?“, fragt „bayme vbm“-Südost-Vorstandsmitglied Frank Eberle. Bei den absoluten Ergebnissen, bei denen die Branche schon im Vorjahr ein Umsatzminus von 6,1% im Vergleich zu 2018 hinnehmen musste, geht man trotz der Stabilisierung in den ersten beiden Monaten dieses Jahres nun davon aus, dass die Branche insgesamt deutlich weniger Umsätze als 2019 erwirtschaften wird.

„Es gibt zwar auch Anzeichen von Bodenbildung, aber das Vorkrisenniveau erreichen wir wohl frühestens 2022“, blickt Dr. Peter Schöttl, kaufmännischer Geschäftsführer des Tittmoninger Maschinenbauunternehmens Siloking, vorsichtig in die Zukunft. Zwar sind die Erwartungen der Unternehmer in der Branche im Vergleich zum Vorjahr zumindest für den August nun deutlich besser. Dies ist wohl aber auch der Tatsache geschuldet, dass es schlechter, als in den Vormonaten, auch gar nicht mehr laufen kann: beispielsweise im April sank der Export im Vergleich zum Vorjahr um 52,4%, im Mai betrug das Minus immerhin noch 43%. Mehr als ein Viertel der Mitgliedsunternehmen(28,8%) erwartet daher, 2020 nur mit Verlusten abschließen zu können, die gleiche Zahl hält allerdings trotz der Krisenmonate immer noch mehr als 4% Nettoumsatzrendite für möglich.

Der Großteil der restlichen Unternehmen(19,2%) rechnet, mit einer schwarzen Null aus dem Geschäftsjahr zu gehen und das restliche Fünftel erwartet nach Steuern immerhin noch Gewinne von 1-4% des Umsatzes. Der Hauptgrund dafür, dass noch nicht alles im Argen liegt, sind dabei die Arbeitnehmer: etwa die Hälfte der 850.000 Arbeitnehmer der Branche ist momentan in Bayern auf Kurzarbeit.

Die positiven Erwartungen im Vergleich liegen vor Allem an den schlechten Vormonaten: die Elektro- und Metallbranche steckt auch in der Region Südostbayern in einer tiefen Rezession.

Wie viele der insgesamt 28.000 Beschäftigten in der Region Südostbayern davon betroffen sind, konnte am Dienstagvormittag im Mühldorfer Schreinerhof nicht genauer beziffert werden. Trotz der mehrheitlich im positiven Bereich liegenden Ergebniserwartungen spekulieren aber 54% der Arbeitgeber mit Personalabbau. Immerhin rund ein Drittel will den Personalstand auf jeden Fall erhalten und 13,9% suchen sogar nach Mitarbeitern.

Die Vorsitzenden der Verbände „bayme“ und „vbm“ in Südostbayern fordern, um Insolvenzen zu vermeiden, dass sich die Gewerkschaften weiterhin der Situation angemessen verhalten und wünschen sich von der Politik auch über die Soforthilfen hinaus, die Schaffung von günstigen Kreditmöglichkeiten. „Im Herbst wird es den Moment der Wahrheit geben“, prognostizierte der Geschäftsführer der oberbayerischen „bayme vbm“-Geschäftsstelle in München, Marc Hilgenfeld.

Seiner Meinung nach sollten die Firmen in der Region aber zusehen, ihre Mitarbeiter zu halten. Unternehmen mit einer solchen Strategie seien auch aus der Finanzkrise von 2009 am besten heraus gegangen, erinnert Hilgenfeld. Sollte es allerdings einen weiteren Shutdown geben, dann seien in der vom Export abhängigen Branche Insolvenzen unvermeidlich, so Dr. Peter Schöttl. Denn auch wenn etwa die Hälfte der Branche in der zweiten Jahreshälfte die Produktion schon wieder erhöhen kann, so muss ein Viertel der Unternehmen diese weiter verringern.

Zwar gibt es auch Gewinner der Krise, wie „bayme vbm“-Vorstandsmitglied Andreas Bublak berichtet: sein Unternehmen mit rund 200 Mitarbeitern hat das beste Halbjahresergebnis in 30 Jahren Firmengeschichte erzielt. „Jetzt haben die Firmen erkannt, wo sie in den letzten Jahren geschlafen haben“, erklärte der Vorstand der Burghauser IT-Firma COC AG. Allerdings befürchtet auch er angesichts der allgemein schlechten Geschäftszahlen, infolge derer 34,5% der Mitgliedsunternehmen aus der Region Südost ihre Investitionen in der zweiten Jahreshälfte 2020 weiter zurück fahren müssen, dass die Aufträge auch in der IT-Branche in den nächsten Monaten und Jahren zurück gehen werden.

Nur 10% der Unternehmen wollen ihre Investitionen erhöhen. Bublak fordert, dass die IT-Branche gerade in der jetzigen Situation mehr als Innovations-, denn als Kostenfaktor begriffen werden müsse. Dass sie, besonders auch wegen der nach wie vor rückständigen Infrastruktur in Bayern, kein Allheilmittel sei, verdeutlichte wiederum sein „bayme vbm“-Vorstandskollege: „Auch mit drei-vier verschiedenen Kameraeinstellungen kann ich eine komplexe Maschine nur schwer per Video verkaufen!“, führte Frank Eberle aus. Er ist einer von zwei Geschäftsführern der Firma ALPMA aus Rott, dessen Firma sich auf Maschinen der Milchverarbeitung spezialisiert hat.

Er bedauert vor Allem, dass die Branchenmessen inzwischen zu Regionalveranstaltungen verkommen seien, sofern sie nicht komplett ausgefallen seien. Die Firmen der Elektro- und Metallbranche nutzen die aktuellen Investitionen jedenfalls mehrheitlich zukunftsgewandt: 29% der geplanten Investitionen sollen nämlich für Produktinnovationen aufgewendet werden. Mit 24% landen Ersatzbeschaffungen auf Platz zwei und mit 18% soll rationalisiert werden. Immerhin für 17% der Investitionen soll noch erweitert werden.

pbj

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