Biathlon-Experte soll nun für Aufklärung sorgen

Todesschüsse: Gutachten sorgt für Kopfschütteln

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In der Herderstraße fand der 33-jährige Andre B. am 25. Juli 2014 den Tod durch eine Polizeikugel.
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Burghausen - Neun Monate sind vergangen, seit Andre B. sein Leben durch die Kugel eines Zivilfahnders verloren hat. Alle aktuellen Informationen zum Ermittlungsstand:

Am 25. Juli 2014, vor über neun Monaten, verlor Andre B. in der Herderstraße sein Leben - die Kugel eines Zivilfahnders traf ihn in den Hinterkopf. Gegen den 33-Jährigen lag ein Haftbefehl vor, ihm wurde der mehrfache Handel mit größeren Mengen Marihuana vorgeworfen.

Das Landeskriminalamt übernahm die Ermittlungen, bereits Ende Oktober lagen die Berichte der Staatsanwaltschaft Traunstein zur Prüfung vor.

Geprüft werden muss vor allem eine Frage: Wird sich der Zivilfahnder, aus dessen Pistole der tödliche Schuss abgefeuert wurde, vor Gericht verantworten müssen?

Da die bislang zusammengetragenen Ermittlungsergebnisse wohl nicht ausreichend genug sind, beantragte die Staatsanwaltschaft Traunstein bereits Anfang Februar ein neues Gutachten, wie Rechtsanwalt Erhard Frank aus Burghausen gegenüber unserer Redaktion bestätigt. Frank wird im Falle einer Anklage gegen den Todesschützen die Interessen von Andres Mutter vertreten - gemeinsam mit Steffen Ufer, einem bekannten Münchner Strafrechtler.

Das neue Gutachten sorgt bei dem Burghauser Anwalt für Kopfschütteln: Laut Frank wurde ein Biathlon-Experte, der in Ruhpolding die Schießergebnisse auswertet, beauftragt - er soll herausfinden, in wie weit für den Zivilfahnder absehbar war, dass die Kugel Andres Hinterkopf treffen wird. "Der Sinn des Gutachtens ist für mich nicht einleuchtend", äußert sich der Anwalt.

Hätte es überhaupt zum Einsatz einer Schusswaffe kommen müssen?

Der Einsatz einer Schusswaffe ist im Polizei-Aufgabengesetz verankert. Wenn eine Person eines Verbrechens verdächtig ist, ist es laut Auskunft des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd grundsätzlich möglich, von der Dienstwaffe Gebrauch zu machen. Um einen Flüchtigen fluchtunfähig zu machen.

In diesem Fall sei die Notwendigkeit der Pistole jedoch nicht gegeben gewesen, wie Anwalt Frank zu Bedenken gibt. "Es handelte sich ja nicht um einen Massenmörder, der weiter gemordet hätte, wenn man ihn nicht sofort aus dem Weg geräumt hätte", begründet der Anwalt seine Einschätzung. Selbst in solch einem Fall würde ein Schuss auf die Beine vollkommen ausreichen.

Beamte aus Burgkirchen hätten eine Woche später auf mildere Maßnahmen gesetzt, um einen mutmaßlichen Straftäter zu schnappen, erzählt Frank weiter. Anstatt durch eine Schusswaffe wurde der Mann, der an einem Raubüberfall beteiligt gewesen sein soll, durch einen Polizeihund gestoppt.

Wie wahrscheinlich ist eine Anklage gegen den Zivilfahnder?

"Traunstein (Anm. d. Redaktion: Staatsanwaltschaft Traunstein) kann es sich eigentlich nicht leisten, dass der Fall klammheimlich eingestellt wird", gibt Anwalt Frank zu bedenken. Die lange Dauer der Ermittlungen begründet der Anwalt darin, dass kein Beschleunigungsgebot vorliegt.

Dieses verlangt eine größtmögliche Beschleunigung von Ermittlungs- und Strafverfahren solange sich ein Beschuldigter in Haft befindet. Da keine Haftsituation vorliegt, besteht kein Grund, schneller zu ermitteln.

Welche Strafe könnte der Schütze vor Gericht bekommen?

Sollte es zu einer Anklage gegen den 36-jährigen Zivilfahnder kommen, hält Frank eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung am wahrscheinlichsten. Der Strafrahmen bei einer fahrlässigen Tötung ist breit gefächert: Er beginnt bei einer Geldstrafe und endet bei einer Haftstrafe von fünf Jahren.

Im Fall der tödlichen Festnahme von Burghausen könne man laut Frank mit einer Freiheitsstrafe mit Bewährung rechnen. Der Fahnder würde somit seinen Beamtenstatus behalten.

Ob es aber überhaupt zur Anklage gegen den Zivilbeamten kommt, steht weiterhin noch nicht fest. 

Wie geht es dem Schützen?

Der 36-Jährige wurde wenige Tage nach der missglückten Polizei-Aktion aus dem Dienst suspendiert - jedoch nicht aus disziplinarischen Gründen, sondern aus Fürsorge- und Schutzgründen ihm gegenüber.

Laut der Pressestelle des Polizeipräsidiums soll der Schütze bis heute massiv bedroht werden.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein war auf Anfrage unserer Redaktion zu keiner Auskunft bereit - weder über den Stand des laufenden Ermittlungsverfahrens noch über die Beantragung des neuen Gutachtens.

Quelle: innsalzach24.de

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