Schwere Vorwürfe an den Nationalpark Berchtesgaden

Tote Hirschkälber am Königssee: Wurden die Mütter erschossen?

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Der Fund von einigen toten Hirschkälbern im Gebiet des Berchtesgadener Nationalparks.
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Schönau am Königssee - Der Verein “Wildes Bayern e.V.“ erhebt nach dem Fund einiger toter Hirschkälber rund um den Königssee schwere Vorwürfe gegen den Nationalpark Berchtesgaden.

Erst Anfang des Jahres warf der Abschuss von drei Hirschen in den Chiemgauer Alpen viele Fragen auf, jetzt sorgt der Fund von einigen toten Hirschkälbern am Königssee für viel Aufsehen. Der Verein „Wildes Bayern e.V.“ erhebt schwere Vorwürfe gegen den Nationalpark Berchtesgaden und dessen Jagdpraxis. Die Pressemitteilung im Wortlaut:

Stumme Zeugen

Verhungerte Hirschkälber säumen zu Beginn der Wandersaison das Ufer des Königssees. Experten überlegen, ob wohl die Jagdpraxis im Nationalpark zu der Tiertragödie geführt hat.

Tausende von Urlaubsgästen und Besuchern wanderten am Osterwochenende im Nationalpark Berchtesgaden entlang der Ufer von König- und Oberersee. Doch was sie nicht sahen waren die Überreste von knapp einem Dutzend verhungerter Rotwild-Kälber, die erschöpft nur Wochen zuvor am Ufer der beiden Gewässer qualvoll gestorben sind.

Die Kadaver liegen meist in kleinen Gruppen direkt am Ufer des Sees. Ein Hinweis darauf, dass es sich hier nicht um einen zwar grausamen aber normalen Vorgang in der Natur handelt. „Diese Kälber waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verwaist, das heißt, sie mussten sich ohne ihre Muttertiere durch den Winter schlagen. Das endet für die Kälbchen im Gebirge fast immer tödlich“, davon ist Dr. Christine Miller überzeugt. Sie ist Biologin und Expertin für heimische Wildtiere und hat die Hirschkälber am Osterwochenende entlang der Wanderwege im Nationalpark entdeckt.


Für ein junges Rotwildkalb ist die Mutter der absolute Garant für das Überleben. Auch wenn die Jungen nicht mehr auf die Milch der Hirschkühe angewiesen sind, sorgt die Mutter dafür, dass die Kälber in der strengen Rotwild Gesellschaft nicht untergehen. Ein Kalb alleine darf erst ganz zum Schluss dem Rudel folgen und an einer Fütterung erst dann zur Raufe, wenn alle anderen satt sind.

Die Wege durch das Hirschrevier lernt ein Kalb auf den Spuren seiner Mutter. Das ist besonders für die Berghirsche wichtig, die nicht mehr in ihre alten Winterquartiere in den Flussauen vor den Bergen ziehen können. Sie überstehen den Winter an den Fütterungen, die es auch im Nationalpark gibt. Doch den Weg zu den Winterfütterungen muss jedes Tier erst lernen. Erfahrene Hirschkühe leiten ihre Kälber und älteren Töchter und Söhne zu den Futterstellen. Die alten Hirsche folgen.

Christine Miller ist überzeugt: „Nach all unseren auf Beobachtungen und wissenschaftlichen Forschungen beruhenden Erfahrungen, die wir über das Verhalten von Rotwild haben und auch aus der Kenntnis des Gebietes kann es für die vielen, verhungerten Kälber nur eine plausible Erklärung geben: Die Kälber haben den Anschluss an das Rudel verloren, weil ihre Mütter nicht mehr lebten.


Üblicherweise schließen sich dann die Waisen zu kleinen Paaren oder Gruppen zusammen. Vermutlich sind die gefundenen Kälber im Laufe des Winters immer weiter nach unten gewandert, bis sie am Südufer des Sees gefangen waren. Den Weg zur Fütterung bei St. Bartholomä kannten sie nicht und konnten ihn auch nicht durch Zufall finden. So haben sie die Winterwochen dort verharrt, bis sie erschöpft waren und am Ufer zusammenbrachen und starben.“

Doch wo waren die Mütter der toten Hirschkälber? Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist so eng, dass ein freiwilliges Verlassen des Kalbes für eine Hirschkuh ausgeschlossen ist. Dass so viele Hirschkühe abstürzen, ist unwahrscheinlich, zumal das Kalb dann mitgestürzt wäre. Bleibt als einzige plausible Todesursache für ausgewachsene, vitale Muttertiere die Jagd. Und gejagt wird nicht zu wenig im Nationalpark. „Wir haben versucht, die Abschusszahlen im Nationalpark einzusehen“, so Miller. „Bisher ist uns das nicht gelungen.

Vielmehr sagte uns einer der zuständigen Förster in der Parkverwaltung, Zahlen und Informationen zur Jagd würden nicht herausgegeben. Da frage ich mich schon, ob man hier den Spruch zitieren muss: ein Schelm, wer Böses dabei denkt?“

Zudem hat die Öffentlichkeit ein gesetzlich verbrieftes Recht zu erfahren welche Tiere, wann und wo geschossen worden sind. „Wir befürchten, dass es im Park wichtiger erscheint, viel zu schießen als sorgfältig sicherzustellen, was man erlegt und warum. Da kann es dann passieren, dass Hirschkälber ihre Mütter verlieren und so einem langsamen, qualvollen Tod ausgeliefert werden“, bedauert Miller.

Gerade in einem Nationalpark sollte doch das Augenmerk darauf gerichtet sein, mit den vorhandenen Populationen der heimischen Wildtierarten pfleglich umzugehen. Die toten Rotwildkälber stehen eher für eine andere Sicht- und Denkweise der Verwantwortlichen im Nationalpark.

„Es ist zu befürchten, dass wir hier nur die Spitze des Eisberges gesehen haben“, meint Christine Miller und appelliert an Wanderer, Urlauber, Bergsteiger und alle Besucher des Nationalparks: „Bitte haltet die Augen offen und meldet die Überreste von toten Wildtieren und die Fundorte bei uns unter info@wildes-bayern.de! Wahrscheinlich sind die Dutzend toten Kälber an Südufer des Königssees nur die Spitze des Eisberges.“

Pressemitteilung „Wildes Bayern e.V.“

Nationalpark weist Vorwürfe zurück

Das Team von BGLand24.de hat den Nationalpark Berchtesgaden mit den Vorwürfen konfrontiert. Carolin Scheiter, Stabstelle für Kommunikation, weist die Anschuldigungen vehement zurück: "Wir können den Fund der Kälber bestätigen, aber weder die Anzahl noch die Todesursache. Den Vorwurf die Mütter erschossen zu haben und der resultierenden Verwaisung der Kälber weisen wir zurück". 

Die komplette Stellungnahme des Nationalparks Berchtesgaden lesen Sie hier.

Schreiben auch Sie uns ihre Meinung. Leserbriefe bitte per E-Mail an jens.zimmermann@ovb24.de.

jz

Quelle: BGland24.de

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