Zugunfälle: Wie traumatisiert sind Lokführer?

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Landkreis – Der Zugunfall an der Bahnstrecke zwischen Gars und Mittergars vor zwei Wochen sowie der Zugunfall am Wochenende in Weilheim-Tutzing war für alle Beteiligten eine Grenzerfahrung. Wie geht es den Lokführern?

Die verletzte Frau, die vor zwei Wochen nach einem Zugunfall nahe Mittergars schwer verletzt wurde, ist auf dem Weg der Besserung. Nach einem Zusammenprall mit einem Zug im Bereich Tutzing am Wochenende kam für eine Frau jedoch jede Hilfe zu spät. Immer wieder kommt es zu Zugunfällen mit Personenschaden.

Alle Beteiligte, darunter auch die engagierten Rettungskräfte, die Bahnreisenden und die Triebwagenführer haben oftmals lange Zeit mit den Erlebnissen des Bahnunfalls zu kämpfen.

Wie es den unmittelbar betroffenen Zugführern geht, konnte weder die Polizei noch die Deutsche Bahn selbst gegenüber wasserburg24.de mitteilen. Im Interview erklären Verantwortliche der zuständigen Abteilung der DB, dass die Triebfahrzeugführer sowie Zugbegleiter bereits während der Ausbildung sowie in Fortbildungsmaßnahmen schon auf besondere Belastungssituationen vorbereitet und geschult werden. Dennoch ist jeder Mensch im Akutzustand mit den psychischen Folgen nach einem Zugunfall immer in einer Belastungssituation. Bemessen an den rund 20.000 Lokführern bei der DB und einer jährlichen Rate von etwa 700 Fällen in Deutschland erleben Lokführer statistisch gesehen alle 20 Jahre einen Zugunfall mit Personenschaden. Auf Nachfrage von wasserburg24.de nimmt die DB ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern, die während ihrer Tätigkeit traumatischen Ereignissen ausgesetzt sein können, sehr ernst. Im Mittelpunkt steht ein umfassendes Betreuungsprogramm zur Vermeidung posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS). Es entspreche dem aktuellen Stand der Traumapsychologie und werde konzernweit angewendet, heißt es aus der Personalabteilung der Deutschen Bahn. „Betroffene Mitarbeiter erfahren umfassende Hilfe durch ein Team von vielen in psychischer Erster Hilfe geschulter Kollegen. Dazu gehören derzeit 35 Psychologen sowie Betriebsärzte der ias-Gruppe, die zu Deutschlands führenden Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört und seit Jahren mit der DB eng zusammenarbeitet. Das Programm selbst besteht aus den Modulen: Prävention, Maßnahmen in der Akutsituation, Maßnahmen in der Nachsorge, Unterstützung der Wiedereingliederung am Arbeitsplatz. Die Richtlinie gilt unternehmensweit für Lokführer sowie für alle Mitarbeiter, die Opfer von beruflich bedingter Traumatisierung werden“, so die Verantwortlichen der DB.

Präventive Maßnahmen schon während der Ausbildung

Die Prävention – die gedankliche Auseinandersetzung mit den Folgen eines möglichen traumatischen Ereignisses ist sowohl Teil der Ausbildung als auch des Fortbildungsunterrichts. Das Seminar ist Pflicht in der Berufsausbildung. Geschult werden auch diejenigen, die im Not- oder Krisenfall in direktem Kontakt zu den Lokführern stehen. Zum einen sind das Ersthelfer, Notdienste, Disponenten und Leitstellenmitarbeiter. Für die Betreuung nach traumatischen Ereignissen bestehen bei der DB seit vielen Jahren Regelungen, die mit der betrieblichen Interessenvertretung vereinbart sind. Betroffene Mitarbeiter werden vor Ort unmittelbar von einem Notfallmanager bzw. durch Personal für die psychologische Erste-Hilfe professionell betreut. Lokführer werden bei Personenunfällen ausnahmslos von einem Kollegen abgelöst und nach Hause begleitet. Und bleiben solange außer Dienst, bis die aus dem Ereignis resultierenden Belastungsreaktionen bei ihnen abgeklungen sind.

Wiedereinstieg als Lokführer?

Bei den ersten Fahrten nach dem Wiedereintritt in den Dienst hat der Lokführer die Möglichkeit, sich von einem Gruppenführer, einer Vertrauensperson oder einem Psychologen begleiten zu lassen. Entwickelt sich eine PTBS, erhält der Lokführer über die gesetzliche Unfallversicherung (das Ereignis zählt als Arbeitsunfall) eine umfassende und individuell abgestimmte Therapie. Wird ein Lokführer aufgrund der Folgen einer Traumatisierung und trotz Therapie dauerhaft fahruntauglich geschrieben, kann er innerhalb der DB in eine andere Tätigkeit wechseln. Laut Deutscher Bahn seien davon pro Jahr rund 30 Lokführer betroffen. Bei wie vielen Mitarbeitern die PTBS die Hauptursache für die Berufsunfähigkeit darstellt, und wie oft andere psychische Erkrankungen eine Rolle dafür spielen, ist für die DB als Arbeitgeber aus Gründen des Datenschutzes nicht erkennbar.

Intensive Nachbetreuung

Für eine intensivere Nachbetreuung betroffener Mitarbeiter, stehen ebenfalls Ärzte sowie Psychologen der ias-Gruppe zur Verfügung. Die Fachkräfte haben umfassende Erfahrung mit der Betreuung und können auch Spezialisten am Wohnort des Mitarbeiters benennen. Ziel auch der intensiven Nachbetreuung durch die DB und ihre Partner ist es, die Risiken für eine mögliche PTBS zu verringern. Betroffene werden dazu individuell von Ärzten und Psychologen beraten, um Spätfolgen vorzubeugen und die bei Therapiebedarf geeigneten externen Psychotherapeuten zu vermitteln.

Hilfe für Reisende - Das CareNet Programm der Deutschen Bahn

Bei größeren Ereignissen, die auch Reisende betreffen, kümmert sich der Betreuungsdienst CareNet der Deutschen Bahn noch am Ereignisort um Fahrgäste, die verunglückt, aber unverletzt geblieben sind. Die CareNet-Teams umfassen bundesweit rund 1.300 freiwillige Bahnmitarbeiter sowie Psychologen.

Quelle: innsalzach24.de

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