Anwohner-Aufstand wegen Asylbewerberheim

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In dem ehemaligen Telekom-Schulungsgebäude in Geißing ist die Unterbringung von Asylbewerbern vorgesehen. Die Stadt Traunstein informierte kurzfristig zu dem Vorhaben, Bürger in der ruhigen Wohngegend sind verunsichert und beunruhigt.

Traunstein - Unter den Anwohnern im Traunsteiner Ortsteil Geißing herrscht helle Aufregung: Im ehemaligen Post-Gebäude in der Nussbaumerstrasse sollen Asylbewerber einziehen.

In den noch freien und unvermieteten Teilen des in den 1970er Jahren gebauten ehemaligen Post- und späteren Telekom-Gebäudes tut sich was: Die Flächen sollen nun vom Landkreis Traunstein für Menschen, die in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, angemietet werden und diese dort untergebracht werden. Handwerker führen derzeit bereits die notwendigen Arbeiten aus. Die Räumlichkeiten des ehemaligen Lehrlingswohnheims der früheren Post benötigen dabei insbesondere noch die Zusagen der städtischen Genehmigungsbehörden, wobei hier der Brandschutz das größte Problem sein dürfte. In dem massiven Betonklotz sind neben der Montessori Schule auch der Zoll untergebracht.

Anonyme Flyer in Geißing verteilt

Die Stadt Traunstein informierte heute zusammen mit dem Landratsamt Traunstein in einer am Dienstagmittag im Rathaus kurzfristig einberufenen Pressekonferenz über den Sachstand. Die Stadt sah sich dazu veranlasst zu reagieren und zu informieren, als in dem Ortsteil anonyme Flyer in den Briefkästen auftauchten, in der von der Schaffung von Plätzen für 150 Asylanten die Rede ist.

Nachdem es von Bürgern in den vergangenen Tagen und verstärkt am Dienstag diverse Anfragen in Richtung der Stadtverwaltung gegeben habe, wolle man „umfassend und sachlich informieren“ sagte Oberbürgermeister Manfred Kösterke. Dass die Thematik neben der räumlichen Brisanz aber vor allem auch eine zeitliche Brisanz hat, wurde alleine dadurch deutlich, dass bei der Pressekonferenz mitgeteilt wurde, dass für 12 Personen, die bisher in Inzell untergebracht sind, bereits zum 11. Juli eine neue Bleibe gefunden werden müsse.

"Wir Anwohner fühlen uns überfahren"

Eine Anwohnerin aus der Saalachstraße wandte sich besorgt an chiemgau24: "Wir Anwohner fühlen uns überfahren. Vor den Plänen haben wir am Freitag das erste Mal gerüchteweise gehört." Sowohl sie als auch ihre Nachbarn fühlen sich gespalten. Sie glauben nicht, dass die Unterbringung von Asylbewerbern mit dem Wohngebiet vereinbar sei. Bis zu 38 Flüchtlinge könnten in dem Gebäude in der Nussbaumerstraße untergebracht werden. "Einige Nachbarn sind auf 180. Besonders diejenigen, die sich dort gerade ein neues Haus gebaut haben", sagt die Anwohnerin. Sie wirft Stadt und Landkreis mangelnde Informationspolitik im Vorfeld vor.

Dazu stellt Bürgermeister Kösterke klar: "Wir haben ebenfalls erst vor Kurzem von den Plänen erfahren. Hier handelt es sich außerdem um ein Privatgrundstück. Da haben die Anwohner grundsätzlich keinen Anspruch darüber informiert zu werden, was die Eigentümer vorhaben."

Landkreis unter Druck

Florian Amann, Vertreter des Landrats im Amt warb in der Pressekonferenz um Verständnis: „Wir stehen unter einem enormen Druck.“ Dieser komme von der Regierung von Oberbayern, die dem Landkreis Traunstein nunmehr – nicht zuletzt aufgrund völlig überfüllter bayernweiter Auffanglager – mehr Asylbewerber zuweise, als bisher. Derzeit seien 224 Asylsuchende im Landkreis, der Sollstand für das Jahr 2013 liege bei 250 Menschen, wobei auch Zahlen von bis zu 311 Menschen im Raum stünden. Derzeit sind im Landkreis in den zentralen Einrichtungen in Engelsberg 98, in Grassau 94 und in Inzell 32 Menschen untergebracht. Die restlichen Personen haben in vom Landkreis angemieteten privaten Wohnungen über den ganzen Landkreis verteilt eine Bleibe gefunden.

Der Landratsvertreter räumte ein, dass die soziale Betreuung der derzeit im Landkreis wohnenden Asylsuchenden nur eingeschränkt sichergestellt sei. Letztlich würden sich zwei Personen teilweise und nicht in Vollzeit darum kümmern. Man gehe aber davon aus, dass aus dem Bereich eines Sozialverbandes hier ein Mitarbeiter dazu komme.

Von links: Rudolf Mühlbauer (Sachgebietsleiter Soziales und Senioren im Landratsamt), Florian Amann (Vertreter des Landrats im Amt) und Oberbürgermeister Manfred Kösterke. 

Rudolf Mühlbauer in dessen Ressort Fragen des Asylrechts im Landratsamt fallen sagte, dass die Asylsuchenden überwiegend aus dem Bürgerkriegsland Syrien, dem Senegal, Nigeria, dem Irak und aus Afghanistan kommen würden. Der Landkreis habe die Notwendigkeit der Aufnahme weiterer asylsuchender Menschen am 12. Juni im Kreisausschuss öffentlich gemacht und im Nachgang eine Markterkundung durchgeführt. „Die Angebote haben nicht viel Auswahl gebracht“ betonte der Sachgebietsleiter. Ein Angebot darunter sei das ehemalige Telekom-Gelände in der Nussbaumerstrasse in Traunstein, mit dessen Eigentümer man nun in konkreten Verhandlungen stehe. Ergänzend betonte er aber auch, dass eine ländliche Gemeinde im Landkreis nach Bekanntwerden der Markerkundung durch das Landratsamt umgehend angeboten habe, bei sich zentral im Ort eine Unterbringungsmöglichkeit anzubieten.

Landrats-Vertreter im Amt Amann sagte er sei froh über die „tollen Signale“ der Stadt Traunstein, man müsse „den armen Menschen, die nun bei uns landen, helfen“ so Amann der hinzufügte: „So eine Stadt wie Traunstein muss das schaffen, die nötige Hilfestellung zu geben.“

An die Geschichte Traunsteins erinnert

Oberbürgermeister Kösterke sagte, man wolle sicherstellen, dass sich „alle Menschen in Traunstein gut aufgehoben fühlen – sowohl die schon lange hier wohnen, als auch alle, die jetzt kommen werden.“ Gleichzeitig erinnerte er an die Geschichte Traunsteins nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die Stadt zu rund einem Viertel aus Flüchtlingen bestanden habe. Jeder sei damals froh gewesen, wenn er irgendwie untergebracht werden konnte.

Hitzige Info-Veranstaltung für Anwohner erwartet

Erwartungsgemäß hitzig dürfte es bei einer von der Stadt Traunstein angesetzten Informationsveranstaltung abgehen, die im Pfarrsaal Heilig Kreuz am Donnerstag Abend (Beginn 18.30 Uhr) insbesondere mit den direkt angrenzenden Nachbarn vorgesehen ist. Dort wolle er „Vorbehalte aus der Diskussion herausnehmen“ so der Oberbürgermeister und ergänzte weiter, es gehe „nicht um eine Bedrohung, sondern um eine menschenwürdige Unterbringung für die nun nach Traunstein kommenden Menschen.“ Man stehe mit den Kirchen und Sozialverbänden in Kontakt und wolle gemeinsam dafür sorgen, dass sich die Menschen in Traunstein gut aufgehoben fühlten. Dies gelte „sowohl für diejenigen, die schon lange hier wohnen wie auch für alle, die jetzt noch kommen werden.“

Er hoffe, dass nach der Informationsveranstaltung die Gerüchteküche aufhören werde. Ihm sei es aber insbesondere auch wichtig, die Bedenken der Anliegerschaft ernst zu nehmen. Wenn Gewohntes geändert werde, mache sich schnell Unsicherheit breit zeigte der Oberbürgermeister Verständnis für die Bedenken einzelner Anlieger gab aber seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Thematik in einem guten Miteinander gelöst werden könne: „Vielleicht kriegen wir es hin, den Menschen ein vernünftiges Willkommen zu bereiten“ so das Stadtoberhaupt.

von Andreas Wittenzellner/ck

Quelle: chiemgau24.de

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