19-Jähriger in Mitterfelden erstochen

Notwehr? Verteidiger fordern Freispruch

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Rechts der Angeklagte, links Pflichtverteidiger Dr. Florian Eder.
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Traunstein/Ainring - Durch Messerstiche in Herz und Hals verlor ein 19-Jähriger bei einer Feier in Ainring sein Leben. In dem Prozess um Totschlag wird nächsten Montag das Urteil verkündet.

Update, 15.25 Uhr - Plädoyers der Verteidigung und der Nebenklage

Plädoyer der Verteidigung

Nun holen die Verteidiger Korbinian Ortner und Dr. Florian Eder aus: Das spätere Opfer habe nach dem Streit nicht vom Angeklagten abgelassen, hätte ihn weiter mit dem Messer attackiert. Korbinian Ortner spricht vom "Angreifer", der provoziert und ein strafbares Verhalten an den Tag gelegt habe. Sein Mandant sei in der Situation dagegen "verängstigt und zitternd" gewesen. Er habe um sein Leben gefürchtet, argumentiert auch sein Kollege Dr. Eder.

"Mein Mandant hatte keine Tötungsabsicht, die Situation war für ihn bedrohend", sagt Ortner. Die Bisse ins Gesicht - vor den Messerstichen - hätten gezeigt, dass sich der Angeklagte nur wehren wollte. Ortner fordert einen Freispruch und eine Entschädigung für den Angeklagten wegen der erlittenen Untersuchungshaft seit November 2016.

Anwalt Dr. Eder rückt in seinem Plädoyer wieder das Polizeiverhör in den Mittelpunkt: "Es waren massive Verstöße gegen rechtsstaatliche Grundsätze", so Dr. Eder. Das Recht auf einen Anwalt sei beim Verhör bewusst unterwandert worden. "Ich verstehe das Verhalten der Polizisten, aber es geht darum, wie es rechtlich zu bewerten sei", so Dr. Eder.

Mit Druck und Suggestivfragen hätten die Beamten bei der Vernehmung das Geständnis des Angeklagten provoziert: "Es wurden ihm Sachen in den Mund gelegt." Dass die Polizisten dem Angeklagten drohten, seinen 13-jährigen Sohn zu verhören, sei als unerlaubter Druck zu werten. Auch Anwalt Dr. Florian Eder fordert einen Freispruch wegen Notwehr.

Plädoyer der Nebenklage

Der Nebenkläger Zürner sieht den Tathergang gänzlich anders: "Es gibt nicht den geringsten Ansatzpunkt dafür, dass das spätere Opfer überhaupt das Messer in der Hand hatte. Das ist reine Spekulation." Während der Beweisaufnahme sei auch kein Grund ersichtlich geworden, warum der 19-Jährige das getan haben soll, so der Nebenkläger in seinem eindringlichen Plädoyer.

Außerdem hätten verschiedene Zeugen - unter anderem Angehörige des Angeklagten und sein Nachbar - versucht, die Tat zu verschleiern, so die Nebenklage: Die Rede ist von Unwahrheiten und Auslassungen. "Der Angeklagte hat die Familie zerstört!", so das Fazit von Zürner, auch in Hinblick auf die Atteste der Eltern, die auch den Prozess nur schwer verkraften.

Die Nebenklage fordert die von der Staatsanwaltschaft vorgeschlagenen zehn Jahre Haftstrafe im Urteil nicht zu unterschreiten.

"Ich bedaure es sehr. Ich bin selbst Vater", sagt der Angeklagte in seinen letzten Worten. Er bricht in Tränen aus, bringt den Satz nicht mehr zu Ende.

Das Gericht wird am Montag, den 14. August, um 11 Uhr, das Urteil verkünden.

Update, 12.55 Uhr - Plädoyer der Staatsanwaltschaft

"Es steht jedem frei, wie er sich vor Gericht verteidigt. Aber es muss auch klar sein, wenn der Angeklagte mit der Strategie beim Gericht nicht durchdringt, könnten strafmildernde Umstände wegfallen", beginnt der Staatsanwalt sein Plädoyer mit Blick auf die Verteidiger des Angeklagten.

Es gäbe keinen Grund, die Aussagen des Angeklagten in der Polizeivernehmung nicht verwerten zu können, wie es die Verteidigung will. Die Belehrung sei korrekt gewesen: "Die Polizeibeamten wollten den Angeklagten nicht um seine Rechte berauben." Auch ein theoretischer Verstoß gegen eine richtige Belehrung müsse nicht zwingend ein Verwertungsverbot der Aussagen zur Folge haben.

Zuerst Bisse, dann ein Stich in Höhe der linken Schläfe, dann drei Stiche an den Hals und schließlich ein Stich "mit großer Wucht" in den Brustbereich - so konstruiert die Staatsanwaltschaft die Abfolge der tödlichen Auseinandersetzung.

"Bei diesen mehrfachen Stichen habe ich keinen Zweifel, dass es sich hier um einen bedingten Tötungsvorsatz handelt", sagt der Staatsanwalt. Auch Notwehr kann er nicht erkennen, denn der Angeklagte konnte dem 19-Jährigen ja das Messer entreißen, auch verletzt wurde er nicht. Zehn Jahre Haft wegen Totschlags fordert der Staatsanwalt.

Nach der Mittagspause folgen die Plädoyers von Nebenklage und Verteidigung.

Update, 12.15 Uhr

Der letzte Zeuge in der Verhandlung: Der Ermittlungsrichter des Amtsgerichtes Laufen, der bei der ersten Polizeivernehmung dabei war. Dort habe der Angeklagte die Tat gestanden: "Wir tranken und tranken. Es kann sein, dass ich etwas gesagt habe, weswegen das Opfer dann beleidigt war", sagte der Angeklagte in der damaligen Vernehmung laut dem Zeugen.

"Ich war wütend und böse, habe die Kontrolle verloren und auf ihn eingestochen", habe der angeklagte Altöttinger laut dem Ermittlungsrichter bei der Vernehmung gesagt. Der Angeklagte sei ihm in der Vernehmung weder eingeschüchtert vorgekommen, noch habe er sich über die Vernehmung beschwert.

Die Verteidigung stellt wieder einen Antrag auf ein Verwertungsverbot dieser Zeugenaussage, weil auf den Angeklagten bei der Vernehmung Druck ausgeführt worden wäre.

Auch wird klar, wie sehr das Verfahren die Eltern des erstochenen 19-Jährigen belastet: Mutter und Vater sind in psychologischer Behandlung.

Laut Attest von Ende Juli, das der Richter verliest, leidet die Frau unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, eine stationäre psychosomatische Behandlung sei dringend notwendig. Auch der Vater sei durch das "mitleidlose Verhalten vieler Zeugen erschüttert", so das Attest.

Jetzt werden die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung erwartet.

Vorbericht

Eine Geburtstagsfeier in einem der Wohnblöcke in Ainring-Mitterfelden lief von 18. auf 19. November 2016 völlig aus dem Ruder - ein 19-Jähriger verlor in dieser Nacht sein Leben. Ein 46-jähriger Russlanddeutscher aus Altötting muss sich deshalb vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Der Vorwurf: Totschlag.

2,24 Promille Alkohol im Blut hatte der Angeklagte zum Tatzeitpunkt, ergab ein medizinisches Gutachten, das beim jüngsten Prozesstag präsentiert wurde. Auch der Verstorbene war stark alkoholisiert: 2,69 Promille. Alle anderen Gäste der Geburtstagsfeier waren schon ins Bett oder nach Hause gegangen, als der Streit zwischen den beiden eskalierte. Direkte Zeugen der Tat gibt es also nicht.

Zum Nachlesen:
- 1. Prozesstag: Russische Identität Auslöser des Streits?

- 2. Prozesstag: Unfaires Verhör? Anwalt nimmt sich Polizisten vor

- 3. Prozesstag: Angeklagter wird zur Tat befragt

- 4. Prozesstag: Medizinische Gutachten

Die Plädoyers werden heute mit Spannung erwartet. Die Verteidiger des Angeklagten widerriefen ein Geständnis ihres Mandanten, das er kurz nach der Tat bei der Polizei abgab: Es sei unter unerlaubtem, "seelischen Druck" im Verhör zustande gekommen. Die Anwälte stellten deshalb wiederholt Anträge, dass die Zeugenaussagen der vernehmenden Beamten vor Gericht nicht verwertet werden dürften. Wird das Plädoyer der Verteidigung also auf Notwehr lauten? Schließlich war es das spätere Opfer, das das Messer zuerst in der Hand hatte - das sieht auch die Staatsanwaltschaft nicht anders. 

Der Prozess wird um 11 Uhr in Traunstein fortgesetzt. BGLand24.de berichtet aktuell aus dem Gerichtssaal.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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