Prozess gegen Messerstecher von Neumarkt-St. Veit

"Wenn ich die Tür nicht zubekomme, werde ich sterben!"

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Der wegen versuchten Mordes Angeklagte (l) sitzt zu Prozessbeginn im Landgericht in Traunstein (Bayern) neben der Gerichtsdolmetscherin Monika Stahuber-Toth und verbirgt sein Gesicht mit einem Briefumschlag.
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Neumark-Sankt Veit - Nach einer brutalen Messerattacke auf zwei Frauen im Juni 2016 muss sich seit Dienstagvormittag der mutmaßliche Täter vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Der erste Prozesstag im Überblick:

UPDATE, 16 Uhr:

Jetzt berichtet das zweite Opfer, die Mutter, als Zeugin dem Gericht: Durch ein "Glucksen" der Tochter sei sie auf den Überfall auf der Terrasse aufmerksam geworden. Dann ging alles blitzschnell, an einzelne Details kann sie sich nicht mehr erinnern: "Ich bin froh um jeden Augenblick, den ich vergessen kann."

Doch sie schildert den Kampf zwischen dem angeklagten 24-Jährigen und ihr, als sie nach den Attacken im Haus Schutz suchten und der mutmaßliche Täter nicht von der Tür abließ: "Ich wusste, wenn ich die Tür nicht zubekomme, dann werde ich sterben, dann werde ich diesen Kampf verlieren. Es war ein Albtraum."

Noch heute hat die Frau Gefühlsstörungen an Hals und Händen, leidet unter posttraumatischen Belastungsstörungen: "Es ist gruslig für mich, wenn Leute hinter mir gehen. Ich bin schreckhaft geworden." Doch sie bezeichnet sich selbst als tapfer.

Anschließend wurde der Prozess unterbrochen und auf Donnerstag, 9 Uhr, vertagt. Dann werden weitere Zeugen vernommen, unter anderem die Ersthelfer, die die beiden Frauen auf der Straße versorgten.

UPDATE, 15.10 Uhr - Aussage der 20-Jährigen

Nun wird die junge Frau vom Richter befragt, die als erste Opfer der Bluttat von Neumarkt-St.Veit wurde. 20 Jahre jung ist sie und schildert was passiert ist: "Es war schönes Wetter, ich habe mich auf die Terrasse gesetzt, habe Nachrichten auf dem Handy geschrieben. Plötzlich hat mich jemand an den Haaren gepackt, ich wusste überhaupt nicht was los war. Das kam wie aus dem Nichts." Zuerst dachte sie an eine Entführung.

Fünf Tage war die 20-Jährige nach der Messerattacke im Krankenhaus, wurde operiert. Noch immer sind die Narben an Hals und Brust zu erkennen - doch die junge Frau ist stark: "Psychologische Unterstützung haben wir danach nicht gebraucht." Alles ging schnell an diesem 27. Juni 2016: Die 20-Jährige erkennt den Angeklagten heute nicht wieder.

"Ich wollte mich wehren, aber das war komplett nutzlos", berichtet sie. Als dann ihre Mutter zur Hilfe kam blickte sie an sich hinunter: "Ich hatte eine schneeweiße Bluse an, die war total rot vom ganzen Blut. Ich dachte, dass es gleich zu spät ist." Die Schmerzen durch die Messerstiche hat sie im ersten Moment aber gar nicht gespürt.

Nachdem sich Mutter und Tochter im Haus vor dem Angeklagten schützen konnten und abwarteten, gingen die beiden auf die Straße - die 20-Jährige schrie um Hilfe: "So laut habe ich noch nie in meinem Leben geschrieben", so die junge Frau. Der Blick des Angeklagten richtet sich dabei unverändert stoisch nach unten.

Als nächstes wird die Mutter aussagen, die als zweite ebenfalls schwer verletzt wurde.

UPDATE, 12.34 Uhr: Selbstmordgedanken?

"Ich hatte eigentlich keinen Grund in den Garten hineinzugehen. Vielleicht hatte ich im Hinterkopf, mir dort Geld zu beschaffen. Es war Zufall, dass ich gerade diese Frau ausgesucht habe." So äußerte sich der Angeklagte bei der Vernehmung durch die Polizei nach der Tat. Heute vor Gericht äußert sich der Ungar nicht.

Bei der Vernehmung durch die Polizei zeigte sich der Angeklagte also weitgehend geständig - doch die Verletzungen mit dem Rasiermesser am Hals der Frau will er ihr nur versehentlich zugefügt haben, weil sie den Kopf drehte. Welche Motive hatte der Angeklagte? "Meine Freundin wollte mich verlassen, dann waren Rechnungen und Mahnungen, die ich nicht zahlen konnte. Ich war auf mich und die ganze Situation wütend", sagte der Angeklagte bei der polizeilichen Vernehmung nach der Tat.

Der ermittelnde Kripo-Beamte berichtet Richter Fuchs außerdem von Selbstmordgedanken des Ungarn: In den drei Stunden zwischen der Tat und der Festnahme versuchte er sich mit Glasscherben Hände und Handgelenke aufzuschneiden.

Während der Richter den Kripo-Beamten vernimmt sitzt der junge Ungar zitternd auf der Anklagebank. Er starrt ausnahmslos auf den Boden, hat die Hände verschränkt, scheint den Kopf in seiner Jacke vergraben zu wollen.

Der Prozess wird nach einer Mittagspause mit der Vernehmung der Opfer fortgesetzt.

UPDATE, 11 Uhr: Prozessauftakt

Gerade mal 24 Jahre ist der Angeklagte, der am heutigen Dienstag vor dem Traunsteiner Landgericht erscheint: Er trägt einen Kurzhaarschnitt und einen Oberlippenbart, wirkt unauffällig. Wie versteinert sitzt er auf der Anklagebank neben dem vorsitzenden Richter Erich Fuchs.

Der gebürtige Ungar äußert sich nicht zur Tat. 2012 kam er mit seiner Mutter nach Deutschland, wohnte mit ihr zusammen. Bei seinen Arbeitgebern im Landkreis Mühldorf gab es nach Angaben eines Kripo-Beamten keine Probleme. "Bei seiner Festnahme war er ruhig und zurückhaltend", so der Polizist, der als erster Zeuge vor Richter Fuchs aussagt.

"Er war bei klarem Bewusstsein", so der Beamte. Weder Alkohol noch Drogen seien bei einer Blutabnahmen am Tattag festgestellt worden. Richter Fuchs zeigt das Tatwerkzeug: Ein Rasiermesser mit einer Klingenlänge von sieben Zentimeter. Mit diesem Messer soll er am Nachmittag des 27. Juni 2016 in den Garten eines Hauses in Neumarkt-St. Veit eingedrungen sein und eine Bewohnerin des Hauses, die nichtsahnend auf der Terrasse saß, angegriffen haben.

Geld und Wertgegenstände wollte er nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft erbeuten. Er hatte den Vorsatz, "zum Abreagieren von Wut Menschen zu töten", so die Staatsanwaltschaft. "Der Angeschuldigte trat von hinten an die Geschädigte heran und packte sie mit der linken Hand an den Haaren und hielt ihr das Rasiermesser an die rechte Halsseite", so die Staatsanwaltschaft.

Es kam zum Gerangel, das Opfer habe lebensgefährliche Schnitte an Hals, Schläfe und Brust erlitten - Venen, Arterien und Muskeln wurden teils durchtrennt. Als durch die Schreie die Mutter zu Hilfe kam wurde auch sie vom Angeklagten mit dem Messer attackiert. Die beiden Frauen konnten sich schließlich ins Haus retten, der Angeklagte flüchtete und konnte wenige Stunden später von der Polizei aufgegriffen werden.

UPDATE, 10.10 Uhr: Prozess läuft

Mittlerweile läuft der Prozess gegen den mutmaßlichen Messerstecher von Neumarkt-St. Veit. Ein chiemgau24.de-Reporter ist für Sie live vor Ort.

Erste Infos vom Prozessauftakt folgen in Kürze.

Wir halten Sie auf dem Laufenden!

Vorbericht:

Ein 24-Jähriger war vergangenen Sommer "aufgrund seines Zorns über seine Lebensumstände" mit mehreren Messern auf einem Fahrrad losgezogen. Er hatte den Vorsatz gefasst "wahllos Menschen zu töten", wie es in der Anklageschrift heißt. 

Völlig überraschend griff er eine ihm unbekannte Frau und deren Tochter mit einem Messer an und verletzte beide schwer. Er konnte kurz darauf festgenommen werden. Heute muss er sich für seine Bluttat vor dem Landgericht Traunstein wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverlertzung verantworten. 

Fünf Verhandlungstage sind angesetzt, das Urteil wird für den 30. März erwartet.

Aus dem Archiv:

Bilder vom Tatort nach der Messerattacke

Blutiger Messerangriff in Neumarkt-Sankt Veit

Quelle: innsalzach24.de

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