Minister reagiert auf Brandbrief

Piazolo-Nein zu Forderung von Lehramts-Studenten - so lautet sein Vorschlag

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Bayerns angehende Lehrer lassen mit deutlicher Kritik am Ministerium aufhorchen. Dieses reagiert nun - und unterbreitet einen Lösungsvorschlag.

Update, 7. Mai, 10.15 Uhr: Kultusminister Piazolo kündigt Sonderregelung an

Im Streit um die Abhaltung des Staatsexamens hat Kultusminister Michael Piazolo nun seinerseits einen Lösungsvorschlag unterbreitet. Er geht zwar nicht auf die Forderung von Lehramtsstudierenden ein. Diese hatten in einem offenen Brief gefordert, den Prüflingen mindestens die Note zu geben, die zum Bestehen des Ersten Staatsexamens erforderlich ist (wir berichteten). Piazolo schlägt demgegenüber vor, den Studierenden einen "Freiversuch" zu ermöglichen -  also eine zusätzliche Möglichkeit zur Wiederholung der Prüfung. 


Die Pressemitteilung im Wortlaut:

Lehramtsstudierende in Bayern sollen bei der Vorbereitung und Durchführung der bereits verschobenen Prüfungen zum ersten Staatsexamennicht durch die auf Grund der Corona-Pandemie verursachten besonderen Rahmenbedingungen benachteiligt werden: „Es ist mir wichtig, dass unsere angehenden Lehrerinnen und Lehrer durch diese Ausnahmesituation nicht unnötig unter Druck geraten. Deswegen möchte ich den Prüfungsteilnehmerinnen und Prüfungsteilnehmern einen Freiversuch eröffnen, also eine zusätzliche Möglichkeit zur Wiederholung der Prüfung“, betont Kultusminister Michael Piazolo heute in München.


Die Erste Staatsprüfung für die Lehrämter an öffentlichen Schulen zum Prüfungstermin Frühjahr 2020 musste auf Grund des dynamischen Infektionsgeschehens zum 19. März 2020 ausgesetzt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Studierenden bereits alle universitären Vorbereitungskurse und Veranstaltungen vollständig abgeschlossen und einen großen Teil der schriftlichen Prüfungen abgelegt. Um den Prüflingen gleichwohl die Sorge vor Nachteilen zu nehmen und den besonderen Umständen Rechnung zu tragen, beabsichtigt das Kultusministerium, allen Studierenden des Prüfungstermins Frühjahr 2020 einen Freiversuch zu ermöglichen. Den Studierenden kann so die Möglichkeit eröffnet werden, die abgelegten Prüfungen einmal öfter zu wiederholen als vorgesehen. Auf diese Weise kann die bayerische Lehrerausbildung in ihrer hohen Qualität erhalten werden, von der die angehenden Lehrerinnen und Lehrer im bundesdeutschen Vergleich profitieren.

„Das Erste Staatsexamen steht für eine ausgezeichnete universitäre Lehrerausbildung in Bayern – und diesem Qualitätsanspruch wollen wir auch in diesem Jahr gerecht werden“, so Piazolo. „Natürlich verstehe ich die Sorgen unserer Studierenden und nehme ihr Anliegen sehr ernst. Sie können ihre Studienleistungen mit dem Staatsexamen zu einem guten Abschluss bringen. Dafür wünsche ich ihnen viel Erfolg!“

Pressemitteilung Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Vorbericht:  "Unzumutbar": Bayerns angehende Lehrer schreiben Brandbrief

Bayerns angehende Lehrer haben sich mit einem geharnischten öffentlichen Brief an das Ministerium für Unterricht und Kultus gewandt. Inhalt der Kritik: Die Informationspolitik um die Prüfungen des Ersten Staatsexamens. Ursprünglich hätten diese bis auf die mündlichen und praktischen Prüfungen bereits Anfang April abgeschlossen worden sein sollen. Doch dazu kam es Aufgrund des Ausbruchs der Corona-Krise nicht, die Prüfungen wurden "bis auf weiteres" ausgesetzt. Sechs Wochen seien dann vergangen, ehe man am 29. April erfahren habe, dass die Prüfungen ab dem 18. Mai weitergeführt würden, so die Verfasser des Briefs. 

Bemängelt wird zudem die "mangelnde Transparenz" von Seiten des Ministeriums. So habe es weder auf schriftliche noch individuelle Anfragen reagiert. 

Durch die momentane Pandemiesituation, argumentieren die angehenden Lehrer, sei keine angemessene Prüfungsvorbereitung möglich. Die Lösung bestünde darin, die Prüfungen zwar abzuhalten, den Prüflingen aber zumindest jene Note zu geben, die zum Bestehen des ersten Staatsexamens notwendig sei. 

Das stelle sicher, dass alle Absolventen und Absolventinnen im Herbst 2020 an den Schulen eingesetzt werden können. Die Möglichkeit der Notenverbesserung am folgenden Prüfungstermin sollte natürlich weiterhin gegeben sein.

Der offene Brief im Wortlaut

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind eine Gruppe von mittlerweile über 1350 Lehramtsstudenten, die sich mit einem äußerst wichtigen Thema an Sie wenden möchte. 

Die Prüfungen des Ersten Staatsexamens hätten Anfang April bis auf die mündlichen und praktischen Prüfungen bereits abgeschlossen sein sollen. (Allgemeine Information: Neben den Leistungen im Studium - inklusive wissenschaftlicher Abschlussarbeit - und der Ablegung der Ersten Staatsexamensprüfung muss in der Lehrerausbildung in Bayern noch das Zweite Staatsexamen nach dem Referendariat abgeschlossen werden.) 

Am 18.3.2020 wurden die Prüflinge informiert, dass alle Prüfungen bis auf weiteres ausgesetzt sind, mit dem Hinweis, die Vorbereitungen weiter fortzusetzen. Am 29.4.2020 erhielten wir nach sechs Wochen Unsicherheit die Auskunft, dass die Prüfungen ab dem 18.5.2020 in Form einer Stundung der ursprünglichen Prüfungen weitergeführt werden. Ein Staatsexamen (beispielsweise 6 Prüfungen von bis zu 5 Stunden) hat normalerweise eine Vorbereitungszeit von mindestens einem Semester (6 Monaten) auf einen festen Zeitpunkt. Dieser fixe Zeitpunkt dient als mentales und emotionales Ziel. 

Stellen Sie sich vor Sie trainieren über Monate hinweg auf einen Marathon. Dieser wird am Tag vorher abgesagt (was unter diesen Umständen verständlich ist). Dann sollen Sie aber weiter trainieren, ohne zu wissen, wann der Wettkampf genau stattfindet. Plötzlich bekommen Sie die Information, dass der Wettkampf in zwei Wochen stattfinden soll. Werden Sie an diesem Tag Ihre Bestzeit laufen? Sicher nicht. Kommen Sie ins Ziel? Vielleicht. 

Durch die aktuelle Ausnahmesituation aufgrund der Pandemie sowie der fehlenden Transparenz und Kommunikation seitens des Bayerischen Ministeriums für Unterricht und Kultus sehen wir, die Prüflinge der Ersten Staatsprüfung für Lehramt, die Chancengleichheit und vor allem die sichere Durchführung der Prüfungen massiv gefährdet. 

Da das Ministerium seit Wochen weder auf schriftliche Anfragen (z.B. durch den Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband BLLV) noch auf individuelle Anfragen durch Einzelpersonen reagiert, wenden wir uns jetzt an die Presse, um die Öffentlichkeit auf unsere Situation aufmerksam zu machen: 

Wir fordern ein Überdenken und Anpassen der aktuellen Regelungen durch das Kultusministerium. Es kann und darf nicht sein, dass wir in der momentanen Ausnahmesituation genauso behandelt werden, als gäbe es keine Pandemie. Die einzige Erleichterung, die uns gegeben wird, ist die Möglichkeit, mit triftigen Gründen von der Prüfung zurückzutreten (mit der Konsequenz, ein halbes Jahr warten zu müssen und zum nächsten Prüfungstermin anzutreten und die in den meisten Fällen bereits abgelegten Prüfungen zu wiederholen). Die weitere Konsequenz wäre hieraus – bei allen Schularten außer Gymnasium (halbes Jahr) – ein ganzes Jahr bis zum Eintritt ins Referendariat warten zu müssen. 

Durch die momentanen Rahmenbedingungen ist keine adäquate Prüfungsvorbereitung möglich. Hinzu kommt, dass uns sechs Wochen lang (im Gegensatz zu den Abiturprüfungen) kein voraussichtlicher Prüfungstermin genannt wurde. Alle Anfragen und Lösungsvorschläge von Seiten der Studierenden wurden vom Ministerium ignoriert und nicht beantwortet. Diese Unsicherheit war für die meisten von uns eine starke psychische Belastung in der sowieso schon schwierigen Zeit der Pandemie mit all ihren Einschränkungen des täglichen Lebens wiez.B. Kinderbetreuung, Jobverlust oder Wohnungsverlust. Viele Prüflinge haben ihr finanzielles Standbein verloren und sind durch die momentane Situation privat sehr belastet. Der Zugang zu Fachliteratur sowie die Arbeit in Lerngruppen waren aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht möglich. Hinzu kommt die Belastung aufgrund der Prüfungsgegebenheit selbst. Die Examensprüfungen zählen 60% der Gesamtnote des Ersten Staatsexamens und können nur einmal wiederholt werden. Bei zweimaligem Nicht-Bestehen kann so ein mitunter fünfjähriges Studium (in dem so viele Prüfungen bereits abgelegt wurden) ohne Abschluss beendet werden. Ein Zweitversuch unter den momentanen Bedingungen ist ebenfalls alles andere als vergleichbar mit anderen Prüfungsjahrgängen. 

Unserer Meinung nach kann das Kultusministerium in dieser Ausnahmesituation mit Folgendem reagieren: Die vom Kultusministerium angesetzten Prüfungstermine werden von allen wie geplant wahrgenommen und dem Korrekturverfahren zugeführt. Den Prüflingen wird jedoch mindestens die Note gegeben, die zum Bestehen des Ersten Staatsexamens erforderlich ist. Das stellt sicher, dass alle Absolventen/innen im Herbst 2020 an den Schulen eingesetzt werden können. Die Möglichkeit der Notenverbesserung am folgenden Prüfungstermin sollte natürlich weiterhin gegeben sein. Diese Lösung betrachten wir als Win-Win-Situation: Den Prüflingen wird Wertschätzung entgegen gebracht, indem man sie in Bezug auf den Bestehensdruck entlastet und gleichzeitig profitieren die Schulen, die Schülerschaft und auch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, da junge, motivierte Lehrkräfte in dieser herausfordernden Zeit ins Referendariat starten können. So stünden Ihnen mehr Referendare/innen zur Verfügung, die Lehrerinnen und Lehrer entlasten können, die zur Risikogruppe gehören. Diese Lösung wäre schnell prüfungsrechtlich umsetzbar. 

Wir möchten erreichen, dass das Kultusministerium sich mit diesen Optionen befasst und auf jeden Fall dazu Stellung nimmt. Wichtig ist eine transparente und direkte Kommunikation mit uns Betroffenen. Die Chancengleichheit bei der Durchführung der diesjährigen Examensprüfung ist aufgrund der aktuellen Ausnahmesituation im Vergleich zu den Vorjahren sicher nicht gegeben. Daher müssen entsprechende Anpassungen des Kultusministeriums erfolgen. In Baden-Württemberg ist die Situation eine ähnliche. Von Seiten des BLLV wird am Dienstag eine offizielle Pressemitteilung über dieses Thema veröffentlicht. Bitte helfen Sie uns Gehör zu verschaffen! Wir sind die Lehrerinnen und Lehrer der Zukunft. Die Situation ist für alle schwer. Sie muss aber nicht noch unnötig schwerer gemacht werden. Bei Fragen kontaktieren Sie mich gerne. 

Danke, viele Grüße und bleiben Sie gesund! 

Ihre zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in Bayern

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