"Ich hatte Angst um meinen Führerschein"

Altötting - Drei Stunden lang wurde im Amtsgericht der Fall "Robert M." verhandelt. Der Täter Christoph M. zeigte sich reuevoll und entschuldigte sich mehrfach. Trotzdem muss er ins Gefängnis.

"Ich möchte mich nochmal bei allen entschuldigen. Ich wollte das nicht und es tut mir sehr leid. Ich hoffe, ich bekomme eine Strafe auf Bewährung." Bei seinem letzten Wort zittert die Stimme von Christoph M. Mit traurigem Blick schaut er in den Zuschauerraum im Amtsgericht, dann zur Mutter von Robert M., den er am 4. Juli 2009 mit dem Auto überrollt, mehr als 20 Meter mitgeschleift und so getötet hat.

Dass er seine Tat wirklich bereut, sei dem Angeklagten anzusehen und könne ihm geglaubt werden, da waren sich die Anwesenden im Gerichtssaal einig. Trotzdem mildere das nicht die Tatsache, dass sich Christoph M. mit seinem Verhalten nach dem Unfall schwer schuldig gemacht habe, so Richter Dieter Wüst. Sein Urteil - ein Jahr und sechs Monate - könne er darum nicht auf Bewährung geben. Der 28-jährige Burghauser ist zudem seinen Führerschein für vier Jahre los und trägt die Kosten des Verfahrens.

Während der Beweisaufnahme gab es nicht viele Überraschungen. Christoph M. hatte die Tat schon gestanden. Die sechs Zeugen, die gehört wurden, bestätigten das Geständnis des 28-Jährigen. Zeuge Ferdinand R. aus München hatte zuletzt mit Robert M. gesprochen - über das Handy. "Wir haben telefoniert, während er auf dem Heimweg war. Ich habe ihm mehrfach gesagt, er soll sich ein Taxi rufen. Das hat er aber nicht gemacht." Der 24-Jährige soll am Telefon noch gescherzt haben, ein Wahrsager habe ihm prophezeiht, er würde 87 Jahre alt werden, weshalb sich sein Freund Ferdinand keine Sorgen machen solle.

Zeugin Katja B. fuhr kurz vor Christoph M. an dem auf der Straße liegenden Robert M. vorbei. "Ich dachte erst, es ist ein Straßenpfosten, dann habe ich erkannt, dass da ein Mensch liegt. Ich bin ausgewichen und habe die Polizei verständigt." Dann fuhr die 21-Jährige weiter. Fakt ist aber: Wäre auch Christoph M. wie die Burghausenerin mit den erlaubten 60 Km/h gefahren, hätte er Robert M. ebenfalls ausweichen können.

"Ich bin ungefähr 80 Km/h gefahren", räumte der Angeklagte ein. Hinzu kommt der erhebliche Alkoholeinfluss, unter dem der Todesfahrer zur Tatzeit stand - zwischen 1,14 und 2,16 Promille. Vier bis sechs Bier, zwei Cocktails, ein Flügerl und einen Schnaps habe der Gerüstbauer auf der Rocknacht in Mehring getrunken. Trotzdem setzte er sich noch hinters Steuer. "Ich habe etwas auf der Straße liegen sehen und bin erschrocken. Ehe ich reagieren konnte, bin ich schon drübergefahren", erklärt Christoph M. den Unfallhergang im Gerichtssaal. "Was haben Sie im ersten Moment gedacht?", fragt Richter Dieter Wüst. "Ich habe gedacht: Scheiße, jetzt habe ich was überfahren."

Warum ist er einfach weitergefahren?

Die Frage, die allen im Gericht auf der Zunge brennt: Warum hat der 28-Jährige nicht angehalten, warum ist er nicht ausgestiegen und hat nach dem Opfer gesehen? Wie konnte er danach einfach nach Hause fahren und sich schlafen legen?

"Dass es ein Mensch gewesen sein könnte, kam mir erst später. Dann dachte ich, er muss auf jeden Fall tot sein, so weit wie ich ihn mitgeschleift habe." Der Burghauser habe unter Schock gestanden, habe sich zu Hause erstmal beruhigen müssen. "Dann hatte ich Angst um meinen Führerschein und was halt noch so passiert." Am nächsten Morgen habe sich Christoph M. der Polizei stellen wollen. Fest steht aber: Er fuhr zunächst in die Waschanlage und wusch sein Auto. Als er danach Zuhause am Unterboden noch Gewebe- und Körperreste entdeckte, machte er sich sogar noch ein zweites Mal auf den Weg zur OMV-Tankstelle und reinigte dort den Unterboden. Als er danach wieder zu seiner Wohnung fuhr, war die Polizei schon da. "Er hat uns gleich gesagt, dass er einen Unfall hatte und man hat es ihm auch angemerkt. Er war kreidebleich, hat geschwitzt und ich dachte, er klappt jeden Moment zusammen", berichtet Polizeihauptkommissar Dieter L.

Die gesamte Gerichtsverhandlung über bleibt die Mutter von Robert M. ruhig. Sie hört zu, zeigt keine Reaktion. Nur ihre Finger trommeln nervös auf einem kleinen Holzkreuz, das sie mitgebracht hat und fest umklammert hält. Als Richter Dieter Wüst den Obduktionsbericht vorlesen möchte, verlässt Renate M. fluchtartig den Saal. Ihr Sohn ist auf "gewaltsame Weise gestorben" so heißt es in dem Bericht.

Strafverteidiger Erhard Frank betonte, dass die Mitschuld des Opfers nicht außer Acht gelassen werden dürfe. Letztlich habe sich durch das Entfernen von Christoph M. auch nichts geändert, weil das Opfer schon tot war. 18 Monate auf Bewährung war sein Urteilsvorschlag. Sein Mandant sei nicht vorbestraft und habe auch einen dreiwöchigen Aufenthalt in der Psychiatrie in Wasserburg hinter sich. Außerdem habe er sich mehrfach bei der Familie entschuldigt und seine Tat gestanden. 

Letztlich wurde Christoph M. wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung und unerlaubtem Entfernen vom Unfallort in Tateinheit mit vorsätzlicher Trunkenheit im Verkehr zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. "Es kann nicht sein, dass jemand betrunken einen Menschen überfährt, tötet und dann die Tat zu vertuschen versucht und dafür eine Strafe zur Bewährung bekommt", so Richter Wüst. "Es muss ein Zeichen gesetzt werden."

Die Fotos vom Unfall

Anette Mrugala

Rubriklistenbild: © dpa/re

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