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Wiener Virologe im Interview

„Um wieder zu einem normalen Leben zurückkehren zu können, hilft nur die Impfung“

Virologe Prof. Dr. Norbert Nowotny zum aktuellen Pandemiegeschehen
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Professor Dr. Norbert Nowotny forscht am Institut für Virologie in Wien und steht uns im Interview Rede und Antwort zum aktuellen Pandemiegeschehen.

Seit eineinhalb Jahren leben wir nun mit der Pandemie und ihren Folgen. Wie wird es uns weiter ergehen? Wird es erneut einen Lockdown geben oder kommen wir dank Impfungen dieses Mal glimpflicher durch den kommenden Winter? Virologe Professor Dr. Norbert Nowotny aus Wien schätzt die Lage für rosenheim24.de aus wissenschaftlicher Sicht ein.

Herr Professor, die Infektionszahlen waren über die letzten Wochen bundesweit auf einem stabilen niedrigen Niveau, nun steigen sie wieder an: Was bedeuten die hohen Inzidenzen in der aktuellen Phase der Pandemie?

Die neuen Infektionszahlen steigen - mit wenigen Ausnahmen - weltweit an. Der Grund ist die um circa 60 Prozent ansteckendere Delta-Variante, die an die 100 Prozent aller Neuinfektionen ausmacht. Obgleich viele Experten auf einen guten Corona-Sommer mit niedrigen Fallzahlen gehofft haben, kam der Anstieg im heurigen Sommer früher als im vergangenen. Das lässt sich mit der ansteckenderen Delta-Variante erklären.

In welcher Relation stehen die aktuellen Zahlen im Vergleich zu den Zahlen von vor einem Jahr?

Heuer gibt es einen ganz wesentlichen Unterschied und der heißt: Impfung. Vor einem Jahr gab es noch keine Impfstoffe. Eine britische Studie besagt, dass wir bei gleicher Zahl an Neuinfektionen nur mehr ein Viertel an Menschen registrieren werden, die aufgrund schwerer Verläufe stationär in Kliniken behandelt werden müssen. Die Durchimpfungsraten helfen uns also im Kampf gegen die Pandemie. Durch diese Raten werden wir bei gleichen Fallzahlen definitiv weniger Krankenhaus-Patienten haben.

Was bedeutet der Fortschritt der Geimpften/Genesenen für den weiteren Pandemie-Verlauf?

Genesene und Geimpfte sind natürlich nicht von einer Neuinfektion ausgeschlossen. Auch doppelt Geimpfte können sich infizieren (Impfdurchbrüche). Hier erkennen wir aber überall milde Verläufe, was uns zu der Annahme führt, dass eine zweifache Grundimmunisierung sehr gut vor Delta schützt und schweren Verläufen Einhalt gebietet.

Sie haben gerade die Impfdurchbrüche angeschnitten: Brauchen wir vielseitigere Impfstoffe, um uns vor Mutationen ausreichend zu schützen?

Einige Impfstoffe sind bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) noch in der Pipeline - darunter anders geartete Vollvirus- oder Tot-Impfstoffe. Dennoch wirken alle bisher zugelassenen Impfstoffe ausreichend gegen Delta, wenngleich um etwa zehn Prozent weniger gut als gegen die ursprüngliche Virus-Basis.

Die Delta-Variante wird voraussichtlich nicht die letzte Mutation des Virus sein: Wie viele kommen da noch?

Es kommen noch weitere Varianten, das liegt an der Evolution des Virus. Es versucht noch ansteckender zu werden, was nicht unbedingt zu schwerem Krankheitsverlauf führen muss. Delta ist bereits ein sehr erfolgreiches SARS-CoV-2-Virus. Im Moment sehe ich keine gefährlicheren Varianten kommen, die sich in nächster Zeit weltweit ausbreiten. Delta wird sich durchsetzen. Wenn eine Virus-Variante erfolgreich ist, besteht nicht die Notwendigkeit noch erfolgreicher zu werden - aber wir können nichts ausschließen. Unser Vorteil ist, dass wir inzwischen mehr über das Virus gelernt haben, seine Gewohnheiten kennen und wissen, welche Aminosäuren im Spike-Protein dazu führen, dass das Virus ansteckender wird. Im Grunde hat es bereits die allermeisten dieser Aminosäuren-Mutationen „ausprobiert“ - und die Impfstoffe haben bis dato alle gewirkt.

Welche Rolle spielt der Inzidenzwert zum gegenwärtigen Zeitpunkt? Sollten weitere Indikatoren für die Betrachtung des Infektionsgeschehens einfließen?

Die Inzidenz sagt uns, wo Cluster entstehen. Definitiv sollten aber mehr Indikatoren in die Bewertung einfließen. Mathematiker und Modellierer der Pandemie verwerten ohnehin schon die Zahl der Krankenhaus- und Intensivstationspatienten sowie den Impffortschritt. Ich glaube, wir brauchen eine Gesamtbetrachtung aller Zahlen. Schließlich ist die Situation eine andere als noch vor einem Jahr als noch niemand geimpft war. Wir können uns höhere Infektionszahlen leisten, müssen aber trotzdem vorsichtig sein.

Ist die Impfung wirklich das einzige Mittel, um im Kampf gegen die Pandemie zu bestehen?

Ja. Natürlich helfen die sogenannten „Nonpharmaceutical Interventions“ (NPI‘s) wie Abstand halten und bevorzugt FFP2-Maske tragen. Um wieder zu einem normalen Leben zurück kehren zu können, hilft aber nur die Impfung.

Können Impfskeptiker überzeugt werden?

Impfangebote wurden an alle Impfwilligen gemacht. Ich fürchte, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem sich nur mehr wenige Skeptiker umstimmen lassen - vielleicht mit Ausnahme von jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Hier haben wir vermutlich noch Potential, wenn die Impfung quasi zu den Menschen kommt wie bei Konzerten, in Schwimmbädern und Fitnessstudios. Bei Hardcore-Verweigerer aber hilft auch keine Überzeugungsarbeit mehr - höchstens sanfter Druck.

Würde denn dann eine generelle Impfpflicht Sinn machen?

Eine generelle, staatlich verordnete Impfpflicht allerdings bringt in meinen Augen nichts. Ich bin nach wie vor für Überzeugungsarbeit und wir werden weiter wissenschaftlich fundierte Werbung für die Impfung machen. Alle Argumente liegen auf dem Tisch und wer sich nicht impfen lassen will, soll sich nicht impfen lassen. Nicht-Geimpfte werden irgendwann die Infektion bekommen und danach immun sein. Daher werden wir in Richtung Herdenimmunität steuern.

Plädieren Sie für Impfungen von Menschen in bestimmten Berufen?

Ja, ich bin dafür, dass sich Bürger, die in der Medizin oder Pflege arbeiten, impfen lassen sollten. Sie haben es mit der hochvulnerabelsten Gruppe zu tun. Wenn sich Menschen aus dieser Gruppe infizieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie schwer erkranken. Daher ist hier eine Impfung im Sinne der Gesellschaft - aber nur für Neuanstellungen oder nach Möglichkeit für bestehende Verträge.

Aktuell liegen wir bundesweit bei rund 55 Prozent: Was schätzen Sie persönlich, welche Impfquote erreicht werden sollte?

Wir sollten so viel wie möglich erreichen, an die 80 bis 85 Prozent. Insgesamt hoffen wir eine bessere Durchimpfungsrate zu erreichen gen Jahresende.

Was bringt die 2G/3G-Regel?

Eine indirekte Impfpflicht durch kostenpflichtige Tests (2G/3G) verursacht Widerstand bei jenen, die sich partout nicht impfen lassen wollen. Und auch unter doppelt Geimpften finden sich Non-Responder, die keinen oder nur einen geringen Impfschutz aufbauen und so schwere Krankheitsverläufe hervorrufen können.

Wie sieht es aus mit Medikamenten? Gibt es hier Forschungsfortschritte?

Mit Medikamenten schaut es derzeit noch nicht so gut aus. Es gibt kein antivirales Mittel, das erfolgsversprechend ist und unmittelbar vor der Zulassung steht. Was die klinischen Kollegen im Zuge der letzten eineinhalb Jahre Pandemie aber gelernt haben ist, dass je nach Zeitpunkt und Schweregrad einer Covid19-Erkanknung bereits bekannte und zugelassene Medikamente eingesetzt werden können. Wir wissen, dass Remdesivir als antivirales Medikament in den ersten zwei Tagen einer Infektion etwas bringt oder gewisse antientzündlich wirkende Corticosteroide bei schweren Verläufen helfen. Dadurch ist es gelungen die Todesrate deutlich zu senken gegenüber den ersten Fällen im Frühjahr 2020.

Wie blicken Sie gen Herbst/Winter? Wird sich die Situation verschlimmern und droht wieder ein Lockdown?

Die Infektionszahlen werden raufgehen - aber wir alle hoffen, dass kein weiterer Lockdown kommt und diese Hoffnung beruht auf der Impfung. Abhilfe schaffen könnten in der vierten Welle regional strengere Maßnahmen - je nach Cluster-Entwicklung. Gerade in der Nähe von Grenzregionen wird sich die Situation aufgrund von Reiserückkehrer verschlimmern. Hier müsste man mit Testungen ansetzen.

Wagen wir abschließend einen Blick in die Zukunft: Werden wir Maske, Abstand & Co. irgendwann wieder dauerhaft los oder ist das jetzt der neue Alltag?

Jede Pandemie hat irgendwann ein Ende und wir werden wieder einen normalen geregelten Alltag haben ohne Einschränkungen. Sicher kann man sich bei diesem Virus zwar mit keiner Prognose sein, doch der Impffortschritt wird weiter steigen. Die, die sich nicht impfen lassen wollen, infizieren sich gehäuft und werden so immun. Wir werden im Herbst und Winter vermehrt Infektionen sehen, doch im Frühling sinken die Zahlen. Zudem stellt sich da ein saisonaler Effekt ein. Ich glaube, dass wir ab dem ersten Viertel des neuen Jahres zurück zu einem normalen geregelten Leben kehren werden - wohlwissend, dass wir Auffrischimpfungen benötigen.

Herr Professor, herzlichen Dank für das Interview.

mb

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