Gedenkorte für ehemaliges KZ-Außenlager

"Erinnerung an die Opfer hat nun weithin sichtbare Anlaufpunkte"

Von links nach rechts: Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Rabbiner Shmuel Aharon Brodman und Kultusminister Bernd Sibler
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Waldkraiburg - Am Freitagvormittag wurden die neu errichteten Gedenkorte auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers im Mühldorfer Hart der Öffentlichkeit übergeben. 

Update, 18.30 Uhr: Reden auf dem Festakt

"Heute, am Tag dieser Einweihungsfeier wirkt es hier direkt romantisch", begann Kultusminister Bernd Sibler seine Ansprache beim anschließenden Festakt, "Doch die Menschen damals erlebten hier, besonders im Winter 1944/45 das Grauen." Geradezu symbolisch sei, wie für die Gedenkstätte einiges an Überwucherungen hätte beseitigt werden müssen. "Wir haben hier sprichwörtlich verhindert, dass Gras über die Sache wächst."

Stiftungsdirektor und Landtagsabgeordneter Karl Freller (CSU).

Zuvor betonte Stiftungsdirektor und Landtagsabgeordneter Karl Freller (CSU) in seiner Ansprache, dass beim Gedenken an die NS-Verbrechen auch an die Außenlager der KZs erinnert werden müsse. "Ihre Existenz ist der eindeutige Beweis, wie verbreitet dieses System war und es daher unmöglich war, dass viele davon nichts mitbekommen haben, wie später behauptet." 

Bund und Land müssen helfen

Er ging außerdem auf die  Probleme beim Bau der zentralen Gedenkstätte am Bunkerbogen ein, die Anfang März bekannt wurden. Auf dem Gelände, das nach dem Krieg als Sprengplatz zur Vernicht von tausenden Tonnen Munition genutzt wurde, waren erhebliche Mengen an Kampfmitteln gefunden worden. Deren Beseitigung wird sich schwierig gestalten, da sie über eine weite Fläche verteilt sind und auf Grund einer späteren Verfüllung sehr tief nach ihnen gegraben werden muss. Außerdem wurden erhebliche Altlasten im Boden festgestellt.

Bilder von der Einweihung der Gedenkstätte im Mühldorfer Hart

Daher wird laut den Verantwortlichen eine großflächige Räumung des gesamten Geländes notwendig sein. Nun soll nun eine finanziell tragfähige Lösung für die beiden Probleme gefunden werden."Wir werden hierbei die Unterstützung sowohl von Land wie auch Bund brauchen", betonte Freller. 

Überlebender berichtete

Daneben sprachen auch die Vorstände des Arbeitskreis Gedenkorte Mühldorfer Hart, sowie Bundestagsabgeordneter Stephan Mayer (CSU) sowie der ehemalige Münchner Bürgermeister und Bundesminister Hans-Jochen Vogel (SPD), die sich für die Errichtung der Gedenkstätte eingesetzt hatten. 

Sie alle betonten die Bedeutung dieses Tages, bedauerten aber, dass Max Mannheimer, der verstorbene Präsident der Lagergemeinschaft Dachau Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, diesen nicht mehr erleben konnte. Auch sie betonten die Bedeutung der Gedenkstätte in den Zeiten eines erneuten Erstarkens rechtsextremer Ideologien.

Zum Abschluss des Festaktes las Mordechai Henrik Gidron, einer der Überlebenden des KZ-Außenlagers Mühldorfer Hart, die an diesem Tag anwesend waren aus seinen Erinnerungen an das Grauen dort. Jeder im Saal lauschte ergriffen seinem Bericht. 

Gedenkorte wurden der Öffentlichkeit übergeben

"Die Erinnerung an die Opfer der KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart hat nun weithin sichtbare Anlaufpunkte. Mit zwei Gedenkorten stemmen wir uns hier gegen das Vergessen", betonte Kultusminister Bernd Sibler am Vormittag in Waldkraiburg.

Dort übergab er in Vertretung für Ministerpräsident Dr. Markus Söder gemeinsam mit Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, und Überlebenden die Gedenkorte „Waldlager“ und „Massengrab“ des KZ-Außenlagers Mühldorf der Öffentlichkeit. Am Festakt nahmen Überlebende der Mühldorfer Lager sowie Vertreter des Arbeitskreises KZ-Außenlager Mühldorfer Hart und des Vereins „Für das Erinnern“ teil, die durch ihre langjährigen ehrenamtlichen Vorarbeiten den Weg für die eingeweihten Gedenkorte bereitet hatten.

„‚Nie wieder‘ muss mehr als selbstverständlich sein“

Kultusminister Bernd Sibler erklärte: „Die Aufgaben, die diese Gedenkorte uns heute vorgeben, sind eindeutig: Unsere freiheitliche, auf die unveräußerlichen Menschenrechte gegründete demokratische Ordnung garantiert uns seit drei Generationen Frieden und Freiheit – diese Ordnung müssen wir schützen! Das ‚Nie wieder‘ muss für uns mehr als selbstverständlich sein. Jeder menschenverachtenden Ideologie müssen wir den Kampf ansagen!“

Die beiden Gedenkorte sind Teil eines weitläufigen Areals, das im Sommer 1944 als zweitgrößter Außenlager-Komplex des Konzentrationslagers Dachau errichtet wurde. Dort sollte ein gigantischer halbunterirdischer Bunker für die Rüstungsindustrie entstehen. Für die Bauarbeiten wurden Tausende von Zwangsarbeitern nach Mühldorf verschleppt, darunter 8.300 KZ-Häftlinge. In nur zehn Monaten bis April 1945 kam fast die Hälfte der meist jüdischen Häftlinge ums Leben.

Bilder Einweihung

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, dankte dem Freistaat Bayern für das Engagement wider das Vergessen: „Das ist gerade heute, da es in gewissen Kreisen en vogue geworden ist, lauthals unsere Geschichte zu relativieren oder umzudeuten von elementarer Bedeutung.“ Knobloch appellierte daran, die Lehren aus der Geschichte ernst zu nehmen: „Es ist an jedem Einzelnen Antisemitismus und andere Formen der Menschenverachtung in allen Formen zu benennen, zu ächten und zu bekämpfen.“

Relikte über Besucherweg aus nächster Nähe sichtbar

Überlebende, Vereine und Institutionen hatten sich seit Langem dafür eingesetzt, die Erinnerung an die Mühldorfer KZ-Außenlager zu bewahren. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten hat nun mit Mitteln des Freistaats die Realisierung von zwei der insgesamt drei Gedenkorte an den wichtigsten historischen Arealen im Mühldorfer Hart abgeschlossen.

Stiftungsdirektor Karl Freller betonte: „Die Erinnerung an die Verbrechen in den Konzentrationslagern wandelt sich, wenn keine Zeitzeugen mehr unter uns sind. Dann wird es wichtiger denn je sein, an den historischen Orten über das damalige Geschehen zu informieren und an die Opfer zu erinnern. Dafür haben wir hier im Mühldorfer Hart mit zwei eindrücklichen Dokumentationsorten den Grundstein gelegt.“ Gerade an den Orten ehemaliger KZ-Außenlager habe die Stiftung Bayerische Gedenkstätten in den letzten Jahren ihr Engagement verstärkt, so Freller.

Die Relikte des Waldlagers, in dem über 2.000 männliche und weibliche Häftlinge in provisorischen Erdhütten untergebracht waren, sind nun erstmals für Besucher über einen fest installierten Weg aus nächster Nähe sichtbar. In einem Informationsraum am ehemaligen Hauptzugang des Lagers geben Texte und Bilder Auskunft über den gesamten Lagerkomplex und das Waldlager. Zitate von ehemaligen Häftlingen vermitteln entlang des Besucherweges, was es bedeutete, in diesem Lager ums Überleben kämpfen zu müssen. Der zweite Gedenkort befindet sich am Massengrab. Über 2.200 Tote waren hier notdürftig verscharrt und wurden nach Kriegsende auf Friedhöfen in der Umgebung beigesetzt. Auch dieser Gedenkort ist nun mit einem Informationsraum und einem festen Besucherweg versehen.

In Planung: Gedenkort Rüstungsbunker

Als letztes und bedeutendstes historisches Areal soll der ehemalige Rüstungsbunker zum Gedenkort gestaltet werden. Der Bunker, der bei Kriegsende nicht fertiggestellt war, wurde nach dem Krieg gesprengt, lediglich ein gigantischer Bunkerbogen blieb stehen. Im Umfeld der Bunkerruine wurden nach dem Krieg Sprengmittel und Kriegsmunition gesprengt. Diese Kampfmittel müssen erst beseitigt werden, bevor der Gedenkort für Besucher gefahrenfrei zugänglich gemacht werden kann. Die Architekten sehen vor, am gesprengten fünften Bunkerbogen einen Besuchersteg auf die Ruine zu führen, von dem sowohl ein Blick über das gigantische Trümmerfeld wie auch zum stehenden Bogen möglich ist. Zentrales Anliegen ist es, den Besuchern die schrecklichen Entstehungsbedingungen dieses technisch ambitionierten Bauwerks zu verdeutlichen.

Die Gedenkorte sind ab Freitag, dem 27. April 2018, ab 14 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich.

Pressemeldung Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Quelle: innsalzach24.de

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