Die Zukunft der Galileo-Entwicklung

Berchtesgaden – Seit zwei Wochen ist das Testgebiet nun offiziell eröffnet. Aber wie sieht es mit der Inanspruchnahme seitens der Wirtschaft aus? Ein Interview mit Lars Holstein.

Hat sich GATE bereits bewährt, wie sind die Prognosen für die nächsten Jahre? Was passiert mit der ambitionierten Umgebung, wenn der Satellitendienst Galileo 2014 in Betrieb geht? Antworten darauf gab der Heimatzeitung Lars Holstein von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berchtesgadener Land.

Die Galileo Test- und Entwicklungsumgebung (GATE) ist offiziell eröffnet worden. Schon seit geraumer Zeit aber können Anwender hier ihre Tests durchführen. Warum erst kürzlich der medienwirksame Start?

Lars Holstein von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berchtesgadener Land: Seit 1. August 2008 ist GATE offiziell zur Nutzung durch Testkunden freigegeben. Nach einem zwischenzeitlich durchgeführten Upgrade des Systems, um die Kompatibilität der Signale mit der aktuellsten Galileo-Signalspezifikation der europäischen Raumfahrtbehörde ESA und der EU herzustellen, wurde am 1. November 2009 der reguläre GATE-Betrieb wieder aufgenommen. Ferner erfolgte im 2. Halbjahr 2010 im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt eine zusätzliche Erweiterung des Testgebietes auf acht Sendestationen. Nach erfolgreicher Abnahme durch den Auftraggeber im letzten November steht GATE ab sofort mit acht Stationen für Kundentests zur Verfügung. Anlässlich der Stationserweiterung sowie des Beginns der Testgebiet-Verantwortung durch den Betreiber erfolgte am 4. Februar 2011 die offizielle Eröffnung samt medienwirksamem Start durch Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer.

Wie wird GATE von der Wirtschaft angenommen? Wie groß ist die Nachfrage?

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Holstein:
Bislang wurden in GATE insgesamt 13 Testkampagnen von Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen durchgeführt. Im Jahr 2010 summierte sich die GATE- Nutzung auf mehr als 30 Testtage. Für 2011 und 2012 liegen bereits Reservierungen und Anfragen von insgesamt mehr als zehn Wochen vor. Im Übrigen engagiert sich das Netzwerk „Initiative Satellitennavigation Berchtesgadener Land“ mit seinen innovativen Navigationslösungen auch im Testgebiet. Allein im Jahr 2010 wurden zwei Testkampagnen für das Lawinenrettungssystem SAR Lawine (Verschütteten-Ortung; d. Red.) und eine für das Projekt G2real (Lagedarstellung und Verfolgung von Einsatzkräften der Feuerwehren, Sanitäter und weiterer Rettungsdienste; d. Red.) durchgeführt.

Welche Anwendungen werden im GATE getestet?

Holstein: Es wurden – neben den schon erwähnten Anwendungen – mithilfe von GATE bereits etliche Entwicklungen und Anwendungen aus unterschiedlichen Bereichen getestet, etwa im Gebiet der Automotive, der Helikopter-Navigation, der professionellen Galileo- Empfänger und Antennen, der Signal-Interferenz sowie der Indoor-Navigation.

Die Kosten für Galileo schießen in ungeahnte Höhen. Von über fünf Milliarden Euro ist die Rede. Kann das Projekt auf lange Sicht wirtschaftlich werden? Wie?

Holstein: Statt der zunächst veranschlagten 3,4 Milliarden Euro wird das System 5,3 Milliarden Euro kosten, wie die EU-Kommission in ihrer „Halbzeitbilanz“ im Januar 2011 schrieb. Ursache für den Nachschlag sind unter anderem Mehrkosten in der Entwicklungsphase und Preissteigerungen bei den Trägerraketen. Vier Satelliten baut die EADS-Tochter Astrium. Das Bremer Unternehmen OHB ist mit dem Bau weiterer 14 Satelliten beauftragt, die etwa 570 Millionen Euro kosten sollen. Auf einem Besuch und Gespräch mit dem Galileo-Programmleiter bei der Fa. OHB in Bremen Ende Januar diesen Jahres, konnte ich mich persönlich von dem Fortgang der Arbeiten an den Satelliten überzeugen. Die sich im Bau befindlichen 14 Satelliten werden, so der OHB-Vertreter, bis 2014 fertiggestellt sein. Für ein globales System sind jedoch 30 Satelliten notwendig. Die restlichen Satelliten müssen nach einer Einigung zum finanziellen Mehrbedarf des Galileo- Systems ausgeschrieben werden.

Schließlich ist das europäische Satellitennavigationssystem Galileo, ähnlich wie das US- amerikanische GPS und das russische GLONASS, als öffentliche Infrastruktur zu betrachten. Schon heute besteht laut Europäischer Kommission ein volkswirtschaftlicher Nutzen von 800 Milliarden Euro mit einem jährlichen Wachstum von rund elf Prozent. Insbesondere Anwendungen im Bereich Ortung und Navigation tragen dazu bei. Hier werden auch die am Netzwerk beteiligten innovativen Unternehmen aus unserer Region an diesem Wachstumsmarkt in Zukunft stärker profitieren.

Was erhoffen Sie sich von GATE für die Region und deren Wirtschaft?

Holstein: Im Umfeld der GATE-Testumgebung hat sich ein von der Wirtschaftsförderung Berchtesgadener Land geführtes Netzwerk mit Partnern aus Salzburg und Südostbayern organisiert. Das Netzwerk „Initiative Satellitennavigation Berchtesgadener Land“ steht für innovative Navigationslösungen und ist ein Verbund von mittelständischen Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen. Gemeinsam mit Anwendern (Verkehrs- und Logistikunternehmen, Rettungsorganisationen, Tourismus- und Gesundheitsunternehmen; d. Red.) aus der Region konzipiert das Netzwerk innovative Projekte im Bereich der Navigationsanwendungen und setzt diese um. Dadurch werden für die Märkte von Morgen Lösungen in den Bereichen Sicherheit und Rettungswesen, Mobilität und Verkehrslogistik, Gesundheit und Tourismus, Energie und Umwelt sowie SatNav-Dienstleistungen angeboten, in denen unsere Unternehmen Kompetenzfelder aufbauen können, sowie Unternehmen von außen auf die Region aufmerksam werden sollen.

Die Frage steht im Raum: Was passiert mit Berchtesgadens GATE nach dem Jahr 2013, wenn Galileo startklarsein wird?

Holstein: Lassen Sie uns erst einmal in den nächsten Jahren das regionale Netzwerk mit unseren Unternehmen weiter pflegen und entwickeln. Darüber hinaus ist es wichtig, gemeinsam mit dem GATE-Betreiber eine Vielzahl von Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen für Tests zu gewinnen. Natürlich werden wir auch Ideen für die Zukunft des Testgebietes entwickeln. Eine Möglichkeit wäre es etwa die nächste Generation der Galileo-Entwicklungen über das Jahr 2020 hinaus anzugehen.

kp

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