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Erfahrungen im Katastrophengebiet - Teil 4

Chiemgauer als Fluthelfer im Kreis Ahrweiler: Mein Freund, der Stemmhammer 

Das Ding, das DRRRT DRRRT DRRRT macht: Mein Freund, der Stemmhammer.
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Das Ding, das DRRRT DRRRT DRRRT macht: Mein Freund, der Stemmhammer.

Landkreis Ahrweiler – Seit zwei Monaten laufen im Ahrtal die Aufräumarbeiten nach der verheerenden Flutkatastrophe. Feuerwehr, Rotes Kreuz oder Bundeswehr, private Lohnunternehmer und Tausende freiwillige Helferinnen und Helfer arbeiten unermüdlich daran, dass wieder Normalität einkehrt. Für drei Tage war ich einer davon. Ich nehme euch mit in eine Welt, in der nichts mehr ist, wie es einmal war. 

Basislager, Tag zwei. Eine sternenklare, aber bitterkalte Nacht im Zelt liegt hinter mir. In morgendlicher Verplantheit tapste ich durch das Gelände. “Erstmal nen Tschick!”, dachte ich mir und zündete eine Lucky Strike an. Ein Ritual, das ich mir beibehalten sollte. Nachdem die Systeme einigermaßen hochgefahren waren, erinnerte ich mich an gestern zurück, dass die Versorgungslage nicht unbedingt eine Mahlzeit zuließ. Also ab hinunter ins Dorf und knapp zwei Kilometer später hinein in den Supermarkt. Eine Flasche Wasser, eine Flasche Cola-Mix, einen Energydrink, sechs Packungen Käse, zwanzig BRÖTCHEN und zweimal “TSCHÖ” (zwei Worte, die für mich als Bayer arg befremdlich sind) später ging es wieder ins Basiscamp hinauf. Am Ortsrand war ein Schild aufgestellt: “Achtung - Danger. Vernetzte Nachbarn –networked neighbours.” Dazu in fast jeder Einfahrt mindestens ein Stadtgeländewagen. Das subjektive Unsicherheitsgefühl scheint hier groß zu sein. Und dann wählten sie einen Mann zum Landrat, der, wie sich später noch herausstellen sollte – nicht für die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger garantieren konnte... 

Schilder wie dieses finden sich in jedem Ort - das subjektive Unsicherheitsgefühl ist groß hier.

Zurück im Basislager machte ich mich marschbereit und da ich ein Schild nach Reimerzhoven nicht finden konnte fragte ich einen von der Orga, wohin der Ziehharmonikabus fährt. “Ahrweiler”, war die kurze und knappe Antwort. Also ab nach Ahrweiler! Nach einem kurzen Ritt über die Autobahn fanden wir uns zu siebzehnt am Bahnhof wieder. “Intakte Straßen, geöffnete Geschäfte, eine Impf- und Essensstelle für Bedürftige, sieht eigentlich wie geschleckt aus hier”, dachte ich mir. Nachdem wir angesichts der heute wieder hohen Temperaturen ein paar Flaschen Wasser organisiert hatten und uns um unseren Einsatzort erkundigt hatten, zogen wir los in Richtung Schützenstraße. Keine zehn Minuten später waren wir schon dort. Zwar sah man noch, dass das Wasser hier bis zum ersten Stock stand, doch im Vergleich zu Reimerzhoven war es hier zivilisiert. Nachdem fünf Leute für den eigentlichen Einsatzort ausreichend waren, zogen wir weiter. Eine weitere Anwohnerin fragte uns, ob wir denn nicht helfen könnten. Im Vorgarten lag Schlamm, der die Kellerfenster etwas bedeckte. Also ab in den Garten, ran an die Spaten und die Schlammschicht abgetragen! “Für sowas bin ich eigentlich nicht hierhergekommen!”, sagte ich mit murrendem Unterton zu meinen Kollegen aus Nordrhein-Westfalen Heiko, Andreas und Dirk. Insgeheim sehnte ich mich zurück nach Reimerzhoven. 

An der unterschiedlichen Färbung des Mauerwerks kann man erkennen, wie hoch die Ahr stand - der Fluss fließt allerdings circa 200 Meter entfernt von hier.

Nach gut 20 Minuten war die Arbeit hier getan und es begann eine längere Odyssee durch den Ort, die uns schließlich an die Ahr führte, die etwa 150 bis 200 Meter von der Schützenstraße entfernt liegt. Auch wenn unsere Arbeitskraft nirgendwo gebraucht wurde, mit dem einen oder anderen Anwohner kamen wir dann doch ins Gespräch. Zum Beispiel mit Frau Sartoris: Sie erzählte uns, dass sie und ihr Mann nicht gewarnt worden seien. Dass sie Schreie in der Nähe gehört hatte, die wenige Minuten später verstummten. Dass sie selbst zwei Nachbarn das Leben gerettet hatte, obwohl ihnen das Wasser schon wortwörtlich bis zum Hals stand. Mit letzter Kraft konnten sie sich in den oberen Bereich ihres Hauses flüchten. Andere hatten weniger Glück. Allein bei Frau Sartoris waren es 27 Menschen aus ihrem Bekanntenkreis, die in dieser verhängnisvollen Nacht ihr Leben verloren. Außerdem erzählte sie eine Geschichte, die wir noch öfter hören sollten: Ein Ehepaar wollte bei steigendem Flutpegel nur noch ein paar Habseligkeiten aus dem Haus holen und ließ die Kinder im Auto zurück. Keine zehn Minuten später war das Auto fort. Frau Sartoris deutete dabei in Richtung des Feldes, in dem Tage später das Auto mit den toten Kindern geborgen wurde. Eine krasse Gegenüberstellung der Aussage des Krisenstabs, es hätte im gesamten Einsatzgebiet keine toten Kinder gegeben, wie ich finde. Doch Krisenstab wie Landrat Jürgen Pföhler (CDU) haben sich bei dieser Katastrophe generell nicht mit Ruhm bekleckert: So hörte ich von mehreren Personen, dass der Krisenstab selbst Wochen nach der Flut massive Probleme bei der Koordination und Verteilung der Hilfskräfte hatte. Dies führte beispielsweise dazu, dass Feuerwehrleute einerseits das Zepter selbst in die Hand nahmen und sich über den Befehl, bloß herumzustehen und zu warten, hinwegsetzen und zu helfen begannen, andererseits sorgte das Verhalten für eine massive Verunsicherung und Enttäuschung unter den Bürgern.  

Fleißig am Schuften: Andi, Heiko und Dirk (von links nach rechts).

Und der Landrat selbst ist eh ein Fall für sich. Laut einiger Aussagen habe er schon gegen 16.30 Uhr gewusst, dass eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes die Region treffen könnte und seiner Ex-Frau den Tipp gegeben, ihre Habseligkeiten in die oberen Stockwerke zu räumen. Anschluss daran soll dieser erst einmal in ein Drei-Sterne-Restaurant gegangen sein, um fürstlich zu speisen. Gegen 20 Uhr fiel dann der Pegelmesser in Altenahr bei über fünf Metern aus – der bisherige Rekord aus dem Jahre 2016 lag bei 3,21 Metern. Und erst gegen halb zwölf wurde der Scheitelpunkt der Flut erreicht. Es wäre also Zeit genug gewesen, die Bevölkerung zu warnen. “Auch wenn natürlich erst einmal die Unschuldsvermutung gilt, sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, sind seine Tage als Landrat gezählt”, dachte ich mir.  

Auch einen Monat nach der Flut noch ein katastrophales Bild: Die Ahr in Ahrweiler.

Bedrückt und erzürnt angesichts dieser Geschichten zogen wir weiter. Und finally gab es Arbeit für uns! Beim 83-jährigen Karl-Heinz wurden wir fündig. “Endlich kommt mal wer, um uns zu helfen!” Sichtlich erleichtert schlug er die Hände zusammen. “Kannst du mit einem Stemmhammer umgehen?”, fragte er mich. Déjà-vu - Time! Doch heute bekam ich endlich zu sehen, was damit gemeint ist: Ein Gerät, von dem ich dachte, es wäre ein Bohrmeißel. Wie man es auch bezeichnen mag, es ist auf jeden Fall das Gerät, das “DRRRT! DRRRT! DRRRT!” macht. Und “DRRRT! DRRRT! DRRRT!” wurde auch das vorherrschende Geräusch der nächsten Stunden. Und der Stemmhammer zu meinem neuen Freund. Ich hätte nie gedacht, dass das Arbeiten mit dem Teil so viel Spaß machen kann. Alle 20, 30 Minuten den Akku wechseln zu müssen allerdings eher weniger. Doch eine Lehre, die ich aus meinem Aufenthalt hier ziehe, ist: “Sei zufrieden mit dem, was du kriegst!” 

Schaufel für Schaufel landete im Schuttbehälter, Mauer für Mauer wurde abgestemmt, der Durst wurde größer. In einer Pause wollte ich mir ein wenig Wasser in den Becher abfüllen und daraus trinken. “PFUAA!” War noch etwas Staub im Becher drin. Es folgte eine minutenlange Spuck-, Hust- und Röchelattacke. Remember: Man kann nie sicher sein, welch gesundheitsschädliche Überraschung der staubige Ahrschlamm bereithält. Langsam, aber sicher berappelte ich mich und machte mich wieder ans Werk. 

“Als kleines Kind sah ich, wie Ahrweiler bombardiert wurde, ich sah sämtliche Hochwasser der Ahr, doch so schlimm war es noch nie”, erzählte Karl-Heinz. Nicht der letzte drastische Vergleich, den ich hören sollte. Ungeachtet dessen war die Stimmung gut, ähnlich wie gestern in Reimerzhoven, die Moral war hoch. Zwischenzeitlich gesellte sich noch eine weitere Helfergruppe aus Bonn und Dresden zu uns hinzu, deren Präsenz allerdings etwas überflüssig war. So kümmerten sich ein paar darum, das Grundstück wieder und wieder besenrein zu kehren, ungeachtet dessen, dass noch einige Wandteile abgestemmt werden mussten. Und da war sie wieder, die Sehnsucht nach Reimerzhoven... 

Voller Einsatz und hohe Moral, auch bei Karl-Heinz.

Trotz der Umstände hatte ich mich in mein Arbeitsgerät verliebt. Mittlerweile ist aus dem akkubetriebenen Miniding eine stattliche, fünf Kilo schwere Hilti geworden, die sich mit beeindruckend kraftvoller Konstanz durch den Putz fraß. “Ich stemm’ nur noch dieses Mauerstück ab, dann komm’ ich nach!”, sagte ich zu meinem abmarschbereiten Helfertrupp. Doch daraus wurde nichts. Es machte derart Spaß, mit dem Ding zu werken, dass ich für mich entschied, eine Sonderschicht einzulegen. Auch im Hinblick darauf, dass die aus Philosophiestudenten und Freikirchlern bestehende zweite Helfergruppe nicht zwingend wusste, was sie tat. Ich war eifrig auf der Staffelei am Werken, als ich auf den Boden der Tatsachen gebracht wurde - wortwörtlich. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel etwa zweieinhalb Meter tief. Bis auf ein paar kleinere Schürfwunden trug ich glücklicherweise keine größeren Verletzungen davon. Aber ich dachte mir: “Jetzt ist es endgültig Zeit, Feierabend zu machen!” 

“Hurra, die Kavallerie ist da!” schrie ich euphorisch, als das Helfer-Shuttle direkt vor unserem Arbeitsort hielt. Auch wenn ich durch mein Outfit eh schon recht mitgenommen aussah, freute ich mich, mitgenommen zu werden. Ein kurzer Ritt über die Autobahn und schon waren wir wieder oben. Nachdem sich die Szenen von gestern mit Spalier und La-Ola-Welle wiederholten, war ich am Grübeln, ob ich noch einen oder zwei Tage bleiben werde. Die Entscheidung sollte am nächsten Morgen fallen.

Chiemgauer als Fluthelfer im Kreis Ahrweiler

Teil 1 - Der weite Weg zum Basislager

Teil 2 -Vom Basislager an die Front

Teil 3 - Ein besonderer Ort 

Teil 4 - Mein Freund, der Stemmhammer

Teil 5 - Ein ganz besonderer Schlag Menschen