Vakzin nur noch für über 60-Jährige

Chaos um AstraZeneca: Zweitimpfung bei 2,2 Millionen Deutschen offen - wochenlange Schulschließungen?

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht im Kanzleramt bei einer Pressekonferenz nach einem online Treffen mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer, in dem über den weiteren Umgang mit dem Astrazeneca-Impfstoff beraten wurde. Merkel hat die neuen Altersbeschränkungen für das Präparat von Astrazeneca mit Blick auf das Vertrauen in die Corona-Impfungen gerechtfertigt
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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht im Kanzleramt bei einer Pressekonferenz nach einem Online-Treffen mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer, in dem über den weiteren Umgang mit dem Astrazeneca-Impfstoff beraten wurde. Merkel hat die neuen Altersbeschränkungen für das Präparat von Astrazeneca mit Blick auf das Vertrauen in die Corona-Impfungen gerechtfertigt .

Eigentlich sollten die Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca endlich Fahrt aufnehmen - nun werden sie für Menschen unter 60 Jahren grundsätzlich ausgesetzt. Kommt das Impftempo nun wieder ins Stocken? Sind die Schulen bald wieder wochenlang dicht? Was wird aus der Zweitimpfung mit AstraZeneca?

Bund und Länder drücken bei den Impfungen mit Astrazeneca vorsorglich auf die Bremse: Ab heute sollen in Deutschland nur noch Menschen über 60 Jahren uneingeschränkt das Präparat gespritzt bekommen - außer Jüngere wollen es nach Klärung mit dem Arzt auf eigenes Risiko. Das beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am Dienstagabend. Hintergrund sind Fälle von Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen. „Wir hätten uns schuldig gemacht, wenn wir hier der StiKo nicht gefolgt wären“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach übereinstimmenden Medienberichten bei einem kurzfristig einberufenen Krisengipfel mit den Länderchefs am Dienstagabend.

Auswirkungen auf Impftempo unklar

Die Änderungen bei den Impfplanungen und Auswirkungen auf das Impftempo wollen Bund, Länder und Kommunen nun gemeinsam klären. Erst Mitte März waren Astrazeneca-Impfungen nach einer mehrtägigen Impfpause und neuen Überprüfungen wieder angelaufen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigen am Abend das Ziel, bis Ende des Sommers allen Bürgern ein Impfangebot zu machen - dieses Ziel scheint abermals gefährdet. Spahn appellierte gleichwohl an alle 60-Jährigen, das Impfangebot auch wahrzunehmen. Der Impfstoff sei sehr wirksam, gerade auch bei Älteren, obwohl er zu Beginn vor allem den Jüngeren angeraten wurde. Denn Ende Januar empfahl die StiKo noch, aufgrund der damals verfügbaren Daten, das Vakzin nur Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren.

Merkel: „Wenn ich dran bin, lasse ich mich impfen. Auch mit AstraZeneca“

Dass verschiedene Impfstoffe zur Verfügung stünden, sei ein großes Glück, sagte Merkel. Zu ihrer Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca sagte die Kanzlerin: „Wenn ich dran bin, lasse ich mich impfen. Auch mit AstraZeneca. Die Möglichkeit für mich geimpft zu werden, ist durch den heutigen Tag näher gerückt“. Merkel meinte aber zugleich, „das alles wird Verunsicherung mit sich bringen“, um dann wieder zu erklären, „Vertrauen entsteht aus dem Wissen, dass jedem Verdacht, jedem Einzelfall nachgegangen wird – dafür stehen Bund und Länder“.

In dem Beschluss der Gesundheitsminister heißt es, die Länder sollen nun auch schon 60- bis 69-Jährige für das Mittel von Astrazeneca mit in ihre Impfkampagnen einbeziehen können. „Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen.“ Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen - bezogen auf das Lebensalter - Menschen ab 70 Jahre gehören. Wenn Menschen unter 60 sich für Astrazeneca entscheiden, sollen diese Impfungen grundsätzlich in den Praxen der niedergelassenen Ärzte erfolgen.

Blutgerinnsel nach Impfungen: Neun Todesfälle

Grundlage für die Entscheidung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern war eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), die auf derzeit verfügbare Daten zum Auftreten „seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen“ basiere. Diese seien 4 bis 16 Tage nach der Impfung ganz überwiegend bei Personen und vor allem Frauen im Alter unter 60 Jahren aufgetreten. In Deutschland sind bisher 31 Fälle, im Alter von 20 bis 63 Jahren, solcher Blutgerinnsel nach Impfungen mit Astrazeneca bekannt, wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) berichtete. Stand Mittwoch, 31. März, gibt es auch neun Tote zu beklagen - eine weitere Frau solle mit dem Tod ringen.

Jens Spahn sprach von einem Rückschlag. Unter Abwägung der Nebenwirkungen einer Impfung und den Auswirkungen einer Corona-Erkrankung sei impfen allerdings „fast immer die bessere Entscheidung“, so Spahn.

Was wird aus der Zweitimpfung mit AstraZeneca?

Aber was passiert eigentlich mit den 2,2 Millionen Menschen unter 60 Jahren die laut Spahn bereits eine Erstimpfung mit AstraZeneca erhalten haben? Hier gibt es laut Beschluss zwei Möglichkeiten:

  • Zweite Impfung auf eigenes Risiko - mit Rücksprache mit dem Arzt - mit AstraZenca durchführen lassen
  • oder
  • Auf die Empfehlung der StiKo warten. Diese wurde für Ende April versprochen

Da das Impf-Intervall bei AstraZeneca auf bis zu zwölf Wochen ausgeweitet werden kann, besteht beim Warten auf die Empfehlung im Moment kein Problem. 767 Deutsche haben bereits ihre Zweitimpfung mit AstraZeneca erhalten.

Wochenlange Schulschließungen?

Ein anders Problem sehen Experten mit Hinblick auf die Impfungen von Lehrkräften. „Wenn AstraZeneca generell nicht mehr verimpft werden kann, droht die Impfpriorisierung von Lehrkräften komplett zu scheitern“, meint Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger gegenüber bild.de.

Im Umkehrschluss würde das bedeutet: Steigen die Zahlen weiter, kann man Schulen bei Inzidenzen deutlich über 100 nicht offen halten. Die Regierung hält aber an ihrem Versprechen fest: „Wenn alle Lieferungen eingehalten werden, gibt es die Möglichkeit, dass bis Ende des Sommers alle geimpft sind“, so Spahn.

Entscheidung könnte „vertrauensbildend sein“

Die Auswirkungen der geänderten Empfehlung sind nach Angaben des Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, schwer abzusehen. „Es kann sein, dass dadurch Vertrauen schwindet“, sagte Mertens den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es könne aber auch das Gegenteil bewirken. In jedem Fall habe die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts gut funktioniert. „Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen, und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein.“

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich am Abend optimistisch: „Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen“, sagte Lauterbach in den ARD-Tagesthemen. Generell überwiege bei über 60-Jährigen der Nutzen über möglichen Risiken. „Es ist ein sehr guter Impfstoff, den ich weiter empfehlen kann“. Die Entscheidung der Bundesregierung sei aber richtig gewesen. Man müsse auf die neuen Daten reagieren, denn „das ist keine Kleinigkeit, über die wir hier reden.“

Britischer Minister: Keine Zweifel an Astrazeneca-Impfstoff

Die Entscheidung in Deutschland, den Astrazeneca-Impfstoff uneingeschränkt nur noch für die über 60-Jährigen einzusetzen, stößt in Großbritannien auf Unverständnis. Er sehe keine Grund, den Einsatz des von der Universität Oxford entwickelten Impfstoffs in Frage zu stellen, sagte der britische Wohnungsbauminister Robert Jenrick am Mittwoch dem britischen Nachrichtensender Sky News.

Die Regierung habe 100-prozentiges Vertrauen in die Wirksamkeit des Präparats und das sei durch verschiedene Studien, die britische Arzneimittelbehörde und jüngste Forschungsergebnisse bestätigt worden. „Da ist ein sicherer Impfstoff und die britische Impfkampagne rettet jeden Tag Menschenleben im ganzen Land“, sagte der Minister.

EMA berät kommende Woche über Astrazeneca-Impfstoff

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) wird in der kommenden Woche erneut über die Sicherheit des Astrazeneca-Impfstoffes beraten. Eine Expertengruppe sei am Montag bereits zusammenkommen. Ihr Bericht und weitere Analysen sollten beim Treffen des Sicherheitsausschusses der EMA vom 6. bis 9. April beraten werden.

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