„Müssen jetzt unbedingt die Fälle senken“

Corona-Krise: Experte Drosten prognostiziert „ein Jahr im Ausnahmezustand“ - Einschränkungen bis 2021?

Das Jahr 2020 steht bislang voll und ganz im Zeichen des Coronavirus. Und das wird anscheinend auch so bleiben. Experten gehen davon aus, dass unser Leben lange von Einschränkungen begleitet sein wird.

  • Das Coronavirus* bestimmt seit März unser tägliches Leben.
  • Auf die Menschheit kommen ungeahnte Entbehrungen zu.
  • Und das laut Experten über einen langen Zeitraum.
  • Wir berichten umfangreich über die weltweite Corona-Krise - hier gibt es einen Überblick über unsere wichtigsten Artikel und News-Ticker.

München - Nun beginnt aufgrund der Corona-Krise also die Zeit der wirklichen Entbehrungen, wie wohl kaum jemand von uns sie bislang erlebt hat oder sich vorstellen kann. Zunächst in Bayern, wo ab Samstag für zwei Wochen eine Ausgangsbeschränkung gilt. Andere Bundesländer werden sicher folgen. Eine schnelle Rückkehr in die Normalität ist utopisch. Das betonen auch Experten nun immer entschiedener.


„Wir müssen vielleicht davon ausgehen, dass wir gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand verbringen müssen“, schätzt der inzwischen omnipräsente, aber keinesfalls zu Übertreibungen neigende, Virologe Christian Drosten* im Interview mit Zeit online die Lage ein. Ausgangsbeschränkungen oder gar -sperren werden aber wohl nur eine vorübergehende Ausnahmesituation sein: „Man wird nachjustieren können. Man muss dann einzelne Dinge zurückfahren.“

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Corona: „Fälle senken - sonst bekommen wir dieselben Probleme wie Italien“

Der gebürtige Emsländer macht zugleich klar, dass nun keine Zeit mehr verloren werden dürfe: „Wir müssen jetzt unbedingt die Fälle senken. Sonst werden wir es nicht schaffen. Wir kriegen sonst innerhalb von ein paar Wochen genau dieselben Probleme wie in Italien.“ Zwar stünden genug Betten zur Verfügung und es gebe besser ausgebildete Fachkräfte, doch es folgt das große Aber: „Wir haben von dieser guten Intensivmedizin immer noch viel zu wenig.“ Drosten vermutet, dass Deutschland nach aktuellem Stand der Zahlen „zu den jetzigen Intensiv-Kapazitäten nochmal das Doppelte“ brauchen werde.

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Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité lobt die getroffenen Maßnahmen wie Schließungen von Gastronomiebetrieben, Absagen von Großveranstaltungen oder das Schließen von Kitas und Schulen - damit sei „in Kombination schon ganz viel erreicht“. Ohnehin sieht er keineswegs nur Schwarz: „Ich glaube, dass Deutschland seinen Ausbruch sehr früh erkannt hat. Wir sind zwei oder drei Wochen früher dran als ein paar Nachbarländer. Das haben wir geschafft, weil wir so viel Diagnostik machen, so viel testen.“

Vielgefragter Mann mit klarer Meinung: Christian Drosten ist der Leiter der Virologie der Berliner Charité.

Corona: Zahl der Fälle steigt schneller als die Testkapazitäten

Doch in dieser Beziehung wird Deutschland über kurz oder lang kürzertreten müssen. „Wir können einfach nicht so schnell die Testkapazitäten erhöhen, wie die Zahl der Fälle steigt“, warnt Drosten im Zeit online-Interview: „Dann kommen zwei Dinge zusammen: Manche von denen, die jetzt schon krank sind, werden an Covid-19 sterben. Und weil wir nicht mehr alle testen können, werden wir auch nicht mehr alle in der Statistik haben. Dann wird unsere Fallsterblichkeit auch steigen.“

Somit könne der Eindruck entstehen, das Virus sei gefährlicher geworden, „aber das ist ein statistisches Artefakt, eine Verzerrung. Sie zeigt, was jetzt schon beginnt: Wir verpassen immer mehr Infektionen.“ Zur effektiveren Nutzung der Tests schlägt Drosten vor: „Wenn eine Person im Haushalt positiv getestet wurde, könnten wir den ganzen Haushalt als positiv definieren - auch ohne Test.“ Es sei dann besser, „dass die ganze Familie direkt in Heimisolierung* bleibt“. So werde es etwa in den Niederlanden bereits praktiziert.

Corona: Schnelle Antigentests schon im Mai möglich?

Ein weiteres Problem bei den Tests: Deren Auswertung kostet Zeit * - in der ein möglicher Corona-Fall* die Viren bereits weiter verbreitet haben kann. Besserung könnten laut Drosten Antigentests bringen, „die direkt ein Virusprotein nachweisen“. Diese könnten seiner Schätzung zufolge im Mai verfügbar sein.

Doch viel mehr lechzt die Menschheit nach dem Impfstoff *, der das Virus kaltstellt. Auch dazu hat Drosten eine Meinung - die jedoch nicht nur Erkrankte schlucken lassen dürfte: „Es ist denkbar, dass die Situation so schlimm wird, dass Regularien außer Kraft gesetzt werden. Man könnte sich vorstellen, dass man bestimmte Aspekte der Impfstoffzulassung für diese Krise übergeht und dass man nicht gut ausprobierte Impfstoffe verimpft.“ Seinen Informationen zufolge hätten einige Biotech-Unternehmen „schon längst Impfstoffkandidaten in der Pipeline“.

Corona: Londoner Forscher empfehlen Unterdrückung des Virus

Bis das Coronavirus aber im menschlichen Körper wirklich wirksam bekämpft werden kann, wird auch den Londoner Forschern am Imperial College zufolge noch viel Zeit vergehen. Das Covid-19 Response Team, das also eine Antwort auf die Infektion sucht, sieht laut Spiegel eine Unterdrückung des Virus als „einzig gangbaren Weg“ an. Das bedeute eben auch: Wir müssen uns auf Einschränkungen im Tagesablauf für anderthalb Jahre oder einen noch längeren Zeitraum einstellen. Oder anders ausgedrückt: bis es einen Impfstoff gibt.

Dass ein schnelles Ende der Kontakt-Beschränkungen die Ausbreitung des Virus nur aufschieben würde, zeigt auch ein von deutschen Epidemiologen gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden in Baden-Württemberg entwickelter Simulator. Und eine solche Verlangsamung wäre nur erfolgversprechend, falls das Virus im Sommer - also bei höheren Temperaturen - weniger gefährlich wäre. Darauf deutet jedoch nichts hin, beispielsweise bleiben aktuell auch südlichere Länder trotz Strandwetters von der Pandemie nicht verschont.

Corona: Drosten hofft auf etwas Hilfe durch den Sommer

Drosten, der als vielversprechendes Medikament den im Kampf gegen das Ebolafieber entwickelten Wirkstoff Remdesivir nennt, macht in Bezug auf den Sommer als Corona-Killer bei Zeit online zumindest etwas Mut: „Dieser Effekt wird vermutlich nicht sehr stark ausfallen. Er wird den Ausbruch nicht stoppen können, aber vielleicht etwas helfen.“

Deutlich optimistischer klingt da schon sein Schlusswort: „Es wird eine schwere Zeit und es wird große wirtschaftliche Verluste geben, aber ja: Natürlich werden wir es schaffen. Das müssen wir ja.“

In der Corona-Krise wird vor neuen Fake-Kettenbriefen über WhatsApp gewarnt. Ein Mundschutz-Hersteller wirft Bundesgesundheitsminister Jens Spahn grobe Fahrlässigkeit vor.

Eine Coronavirus-Karte zeigt die aktuellen Fallzahlen in Deutschland in Echtzeit. Die ARD hat einen Erklärungsansatz, warum Italien viel mehr Todesfälle zu beklagen hat als die Bundesrepublik.

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mg

Rubriklistenbild: © dpa / Boris Roessler

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