„Arzneimittelversorgung ist die Grundversorgung“

Apothekerverband: Medikamentenmängel auch in der Region alltäglich

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Deutschland - In ganz Deutschland steigen die Mängel an Medikamenten immer häufiger. Inzwischen wurden schon 271 Arzneimittel in die Lieferengpässe Liste des Bundesinstitutes eingetragen.

Apotheker klagen

„Dramatische“ Lieferengpässe bei Medikamenten, vor allem bei Allerweltspräparaten wie Blutsenkern, Antibiotika, Schmerzmitteln, Impfstoffen, Parkinson-Medikamenten, Leukämiepräparaten, Antiepileptika, Antidepressiva, HIV-Präparaten und der Pille sind nicht so selten, wie man denkt. Bei ihnen kommt es regelmäßig vor, dass die Regale zwischenzeitlich leer sind. Diese Probleme bereiten den Apothekern Kopfschmerzen und sorgen für Mehraufwand im Arbeitsalltag, berichtet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Lieferengpässe in der Region?

Apotheker stehen unter enormen Druck und haben täglich etwa fünf bis sechs Stunden einen riesigen Mehraufwand, damit die machmal nicht lieferbaren Arzneimittel zu beschaffen, berichtet Pressesprecher Thomas Metz vom Apothekerverband München auf Nachfrage von rosenheim24.de.

So versuchen die Apotheker im Landkreis Rosenheim bei Ärzten, im Großhandel oder in Kliniken noch ein paar Packungen der fehlenden Medikamente zu beschaffen. Ansonsten müssen sie sich bei Ärzten informieren, welcher ähnliche Wirkstoff als Ersatz dienen kann und wie dieser dosiert werden muss. Genauer bedeutet das, dass Tabletten aus der anderen Packung genommen und ersetzt werden. 

Patienten müssen manchmal ein bis zwei Tage auf ihre Medikamente warten. Im schlechtesten Fall kann es auch bis zu zwei Wochen oder noch länger dauern. Innerhalb eines Zeitraumes von ein bis 14 Tagen spricht Metz noch von einem Engpass, bei längeren Zeiträumen von einer langfristigen Verzögerung.

Die betroffenen Patienten machen sich Sorgen und seien beunruhigt, über die Situation, so Metz. Weil das Thema aber schon länger öffentlich diskutiert werde, zeigen viele Patienten aber auch Verständnis für die schwierige Lage der Apotheker. Thomas Metz empfiehlt vor allem Diabetikern oder ähnlich Erkrankten, früh genug zur Apotheke zu gehen, etwa sobald man bemerkt, dass die halbe Packung leer ist. 

So befinden sie sich auf der sicheren Seite. Auf die Frage, ob es Sinn mache, die Produktion wieder nach Europa zurück zu verlagern, hat Metz eine klare Antwort: ein eindeutiges "Ja". Es sei auf jeden Fall einer von mehreren Lösungsansätzen.
Durch diesen können die Kasse dann nicht nur bei einem, sondern bei mehreren Herstellern bestellen. Noch dazu haben wir in Deutschland einen viel besseren Umwelt-Standard.

Gefährdung durch Alternativpräparate

Die Liste, in der das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die von Herstellern freiwillig gemeldeten Lieferengpässe aufführt, umfasst ganze 271 Medikamente. Eine Menge Medikamente können durch Alternativpräparate ersetzt werden, etwa durch einen anderen Hersteller oder einen im schlechtesten Fall anderen Wirkstoff. Damit ist das Problem allerdings nicht behoben. In der klinischen Routine führe die Kurzlebigkeit von Präparaten, Dosierungen und Designs zu Verwechslungen, Flüchtigkeits- und Dosierungsfehlern, kurz: zu einer akuten Patientengefährdung. Ärzte müssen also improvisieren. Die Patienten reagieren verunsichert, irritiert und verärgert auf die Umstellung ihrer Medikamente, ein besonders großes Risiko haben Menschen mit mehreren Medikamenten. 

Der Grund für die Lieferengpässe

Das ZDF identifiziert „Spardruck“ als Grund und Verursacher dieses Problems. Die meisten Pharmafirmen lassen die Wirkstoffe kostengünstig im Ausland - meist in Asien - produzieren. Eine Produktion in Deutschland sei kostspieliger. In Asien herrsche allerdings Herstellermangel was ein Produktionsproblem zur Folge habe. Wenn es beispielsweise zu einer Verunreinigung komme, müsse die Produktion abgebrochen werden - so komme es zu denn Lieferengpässen. Auch Rabattverträge der Krankenkassen mit Herstellern seien Grund für die Engpässe, so das ZDF. 

Was wird/soll dagegen unternommen werden?

Medikamente stammen aus verschiedenen Lieferquellen wie „Sanacorp“, einem Großhändler. Die Apotheker versuchen immer für genügend Vorräte zu sorgen und mit den Herstellern in Kontakt zu treten, berichtet das der Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland "Deutsche Welle Made for minds". 

Im schlimmsten Fall werden die Stückzahlen pro Apotheke begrenzt, damit es für alle Filialen gerecht bleibt. Auch Lageraustausche in der Nacht werden durchgeführt, wenn in einer Region erhöhter Bedarf besteht. Verpflichtet sind die Produzenten lediglich zur Engpass-Meldung an Krankenhäuser aber nicht an niedergelassenen Apotheker. 

Deshalb plant Bundesgesundheitsminister Jens Spahn neben mehr Transparenz, eine Meldepflicht und Lagerhaltung kritischer Arzneimittel. Auf internationaler Ebene werde man noch Lösungen suchen, damit die Medikamente wieder in Deutschland hergestellt werden. Die Notwendigkeit was zu ändern, sei erkannt worden. "Die Bereitschaft dies zu tun, ist vorhanden. Jetzt muss nur noch etwas davon umgesetzt werden", so Made for minds.

Kampf für die Produktion in Deutschland

Die CDU und die SPD haben Positionspapiere erarbeitet, drängen auf eine Rückverlagerung der Produktion nach Europa, auch wenn es das Medikamente teurer macht. Nur billig geht nicht, findet Agnes Aschenberg-Dugnus von der FDP. 

Der Unionspolitiker Michael Hennrich bringt ein Exportverbot für Mangel-Medikamente ins Gespräch, Karl Lauterbach von der SPD will, dass bei Ausschreibungen deutsche Firmen bevorzugt werden. Diese müssten dann Liefergarantien abgeben, so berichtet die Tagesschau.

Und auch die Rabatt-Verträge der Krankenkassen geraten ins Visier. Die Vergabe solle auf mindestens zwei Anbieter verteilt werden, um die Versorgung sicherer zu machen, fordert CDU-Politiker Hennrich. "Es muss auch Aufgabe des Ministers sein, die Rabattverträge auf den Prüfstand zu stellen, da darf man keine Angst vor den Krankenkassen haben. Da müssen wir weg von der Exklusivität." 

- Tamara Lukowski

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