„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Wessis auf dem Weg durch den Osten

Tag 2: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Schmalzgruber und das Markgräfliche Opernhaus
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Erster Stopp Regensburg

Deutschland - An Tag zwei verschlägt es unsere Jungs nach Regensburg und Grafenwöhr.

„Arbeit zieht Arbeit nach sich“, wusste schon der Vater von Meister Röhrich zu bemerken. Was habe ich mir nur angetan, mir vorzunehmen, wirklich jeden Tag einen Artikel zu bringen? So sitze ich nun, eine zweite fast schlaflose Nacht hinter mir, in der Regensburger WG nahe der brutalistischen Uni und tippe ein paar Zeilen. Der Wandertipp muss schließlich auch bis morgen fertig sein. Viel bringe ich nicht zusammen, denn die Jungs gelüstet es auf ein Weißwurstfrühstück.

Da ich ebenfalls Hunger habe und die Bäckerei daneben ist, biete ich mich als logistisch Verantwortlicher an. Wenige Gehminuten später bin ich schon in der Metzgerei. Als Vegetarier. Eine Szene wie aus einem Sketch. Der Geruch von totem Tier ist omnipräsent, trotz Maske. Auch wenn ich natürlich nichts gegen Fleischesser habe, es ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber es geht, schließlich packt mich niemand, zerrt mich ins Kühlhaus und stellt mir zwischen Schweinehälften peinliche Fragen.

Ein paar Minuten später und ich sitze wieder im zweiten Stock, während das Wasser vor sich hinköchelt. Mein Weißwurstfrühstück besteht aus einer halben Flasche Club Mate, einer Käsebreze, einer Käsestange und einem Schokocroissant. Ob das gesund ist, sei mal dahingestellt, aber es gibt mir Energie für den Tag.

14.30 Uhr: Servus Regensburg! Fast hätte ich noch vergessen zu erwähnen, dass Regensburg auch die erste Etappe der Familie Struutz des Films „Go Trabi Go“ war, welcher einer meiner Inspirationen für diesen Trip war. Nun geht das Abenteuer erst so richtig los. War die WG für uns beide noch ein sicherer Anlaufpunkt, so wissen wir ab sofort nicht mehr, was auf uns zukommt. Wo werden wir unterkommen?

Was wird passieren? Es sei nur mal so viel gesagt, die Flucherei wird zunehmen. Nachdem wir uns durch die Innenstadt an Umweltzonen vorbeigeschlängelt haben, geht es nun nordwärts. Zuerst am Regen, dann an der Naab vorbei, tuckern wir eine Weile hinter einem A6 hinterher. Scheinbar hat der Herr vor uns noch nie etwas von einem Blinker gehört, geschweige denn, dass man auf einer geraden Strecke auch mal 100 fahren darf. Ich beiße ins Lenkrad, zu groß ist die Versuchung, ihn zu überholen und zu sehen, was für ein Kasper eigentlich hinterm Steuer hockt.

Doch ich weiß ganz genau, wenn ich jetzt zum Überholen ansetze, dann werde ich einen halben Kilometer freie Gegenfahrbahn brauchen. Und den gibt’s nicht.

Also heißt es weiterhin ins Lenkrad beißen und den Kerl für seinen Fahrstil verfluchen. Über Burglengenfeld, Schwandorf und Amberg geht es nun in Richtung Grafenwöhr, ein 6.383 Einwohner zählendes Nest in der Nordoberpfalz. Als wir uns der Ortschaft immer mehr nähern, tauchen zweisprachige Schilder auf. „Lebensgefahr – Danger of life“ lese ich im Vorbeifahren. Und plötzlich:

Little America in Bavaria: Grafenwöhr in der Oberpfalz.

Eine Lichtung. Ein Flugplatz. Fünf Blackhawk-Hubschrauber und eine NH-90 stehen auf dem Feld. Alles klar, jetzt wissen wir, um was es sich bei dem Areal handelt: Dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr, der einer der modernsten in Europa ist. In Grafenwöhr selbst meint man, in „Little America“ zu sein: Ein Haufen Militär, ein Haufen Autohändler, ein Haufen Fastfoodbuden. Es scheint, als ob sich die Amis ihre eigene kleine Welt in der großen weiten Welt geschaffen haben.

So, genug gesabbelt, es geht weiter. Gut 30 Kilometer haben wir noch bis Bayreuth. Und die werden grenzwertig. Einerseits weiß ich nicht, wie lang der Sprit noch hält. Normalerweise ist zwischen 260 und 280 Kilometern volltanken angesagt. Andererseits fahren die Leute hier wie die Vollpreller. Ungeachtet der Tatsache, dass ein paar Brummis vor uns sind, überholen manche Rowdys vor Kurven, vor Kuppen, oder wenn Schorsch eh schon 110 fährt. Zweimal wäre es fast soweit gewesen, dass es scheppert. Für was? Für das, dass ich die letzten 20 Kilometer hinter ihnen herfahre. Effektiver Zeitgewinn als +- fünf Sekunden. In Bayreuth angekommen sind wir schließlich wieder vor ihnen.

Einmal Winke Winke gemacht und wir verlieren uns im Getümmel des oberfränkischen Nachmittagverkehrs. Nach einer kurzen Suche stellen wir unser Auto in einer Tiefgarage ab. Das wird teuer, aber dafür ist das Innenleben auch vor Langfingern geschützt. Nach einem kurzen Bummel durch die Innenstadt mit der UNESCO-Welterbestätte Markgräfliche Oper lassen wir uns beim Pizza- und Dönerrestaurant Erciyes. Ich bestelle eine Pizza Bostan, belegt mit Peperoni, Artischockenherzen, Champignons, Spinat, Zucchini und Zwiebeln, Tobi gibt sich mit einem Döner zufrieden.

Die Buben beim Weißwurstfrühstück.

Als das runde Ding kommt und ich die ersten Bissen mache, merke ich, dass zwischen dieser Pizza und der gestrigen Welten liegen. Eine Of(f)enbarung! Nach unserem Mahl checken wir die Übernachtungsmöglichkeiten aus. Unsere Wahl fällt auf das Vier-Sterne-Hotel Bayerischer Hof am Bahnhof. Manch einer wird sich fragen: So früh auf der Reise und schon so dekadent leben? Nun, ich muss wieder enttäuschen: Wir haben uns aus reinem Pragmatismus dafür entschieden, da die Nacht 35 Euro pro Nase kostete, während man in vergleichbaren Airbnb's locker das Doppelte abdrücken musste. Also kurz eingecheckt, frisch gemacht und ab in die Innenstadt! In einer von einem Kärntner geführten Bierstube unweit des Hotels meißeln wir uns Maisel's Weisse Nummro zwei rein.

Spontan entschließen wir uns dabei, dass dies nicht die letzte Schankstube sein wird, die wir aufsuchen. Bei untergehender Sonne marschieren wir nun weiter dem Zentrum entgegen.

Die Stunden schreiten voran, von der Abenddämmerung ist irgendwann nix mehr übrig und wir sitzen bei „Oskar – das Wirtshaus am Markt“ und zischen ein Maisel and Friends Hoppy Hell, ein hopfengestopftes Helles. Die feinen Noten von Pfirsich und Zitrusfrüchten machen das frisch gezapfte Craftbeer zu einem gustatorischen Erlebnis! Bei „Toni's“ wiederum ist es der sehr nette Wirt, der positiv auffällt. So gibt er uns Tipps für weitere Bars und klärt uns über die Bayreuther Brauereien auf. So gebe es beispielsweise nur mehr sechs Brauereien in der Stadt – ein Hasenfurz zum knapp 65 Kilometer entfernten Bamberg mit seinen rund 300! Nach der ausgiebigen Kneipentour landen wir um halb zwölf wiederum beim Türken vom Anfang.

Hoppy Hell macht Hippie happy!

Tobi bestellt sich noch eine Pizza, ich wollte mir eine Portion Pommes rauslassen. Doch leider waren sie schon am Aufräumen, sodass ich auf Baklava umtendieren musste. Die absolut richtige Entscheidung! Ich kannte Baklava bislang nur als kalte, vor Honig triefende Klumpen, die man sich sodann und wann reingedrückt hat. Doch was beim Erciyes auf den Teller gezaubert wurde, war wiederum Welten davon entfernt. Vier warme, hausgemachte Blätterteigtaschen mit einer dezenten Note von Honig, einer raffinierten Mischung aus Nüssen und Pistazien und einem Klecks Sahne in der Mitte – das hat den Anwärter auf den Titel „geilster Mitternachtssnack ever“!

Es ist irgendwann kurz nach Mitternacht und nach einer gefühlten Tagesreise durch die verwinkelten Gänge des Hotels fallen wir erschöpft ins Bett. Wir träumen selig, es ist wie in der Krankenhaus-Szene bei „Werner-Beinhart!“ Doch plötzlich wird der selige Schlaf jäh unterbrochen. POCH POCH POCH. Fängt tatsächlich so ein Sprengschädel um halb 8 das Hämmern an. Und hört nicht mehr auf. Adieu, kuscheliges und gemütliches Bett und die süßen Träume, hallo harte Realität! Jetzt leuchtet mir auch ein, warum die Übernachtungspreise so günstig waren. „Ja häift einfach, es häift nix!“, meldet sich der Motocrossfahrer mit dem behörnten Helm wieder in meinem Kopf.

Kurz ein Frühstück vertilgt und bereits ausgecheckt sitze ich nun in der Lobby des Hotels und schreibe die letzten Zeilen. Mein Dank gilt dabei an die freundliche Dame an der Rezeption, die mir ein USB-Kabel borgen konnte, sodass der Artikel auch mit ein paar Bildern gefüttert werden kann! Gleich soll's in Richtung Zwickau gehen. Der Wetterbericht hat heute 34 Grad angesagt. Wenig verwunderlich wärs also, wenn Erwin Rommel gleich ums Eck kommt und fragt, wo's denn nach Tobruk geht. Zurück in der Tiefgarage. Ich drehe den Schlüssel um. KLACK KLACK. KLACK KLACK. Okay, wir kennen's schon. Auf nach Ostdeutschland!

Simons Musiktipp des Tages: Richard Wagner - Ritt der Walküren

Tobis Musiktipp des Tages: Eros Ramazzotti – Se bastasse una canzone

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