Lübcke-Prozess

Mord an Walter Lübcke: So tickt Stephan Ernst - ein Rechtsextremist zwischen Hass und Einsicht

Der Fall Lübcke: So tickt der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, Stephan Ernst - ein Nazi zwischen Hass und Einsicht.

  • Vor dem OLG Frankfurt wird gegen Stephan Ernst verhandelt
  • Er soll Walter Lübcke mit einem Kopfschuss hingerichtet haben
  • Vor Gericht wird klar: So tickt der Nazi, wie hna.de* berichtet

Frankfurt – Eine knappe halbe Stunde hat Stephan Ernst sich selbst auf der Leinwand im Saal 165 C des Oberlandesgerichts Frankfurt gesehen, als er in Tränen ausbricht. Am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke* (†65) lässt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel das Video von Stephan Ernsts Vernehmung am 25. Juni 2019 abspielen, in dem er gestand, den CDU-Politiker getötet zu haben. 

Fast fünf Stunden lang beantwortet der damals 45-Jährige die Fragen zweier Ermittler. Er erzählt, wie er in Nordhessen in rechtsradikale Kreise abrutschte, sich davon angeblich lossagte und ein guter Vater für seine beiden Kinder sein wollte.

Der Fall Lübcke: Nazi Stephan Ernst angeklagt

Steht in Verdacht, Walter Lübcke ermordet zu haben: Nazi Stephan Ernst.

Im Video sagt der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke*, ebenfalls unter Tränen: „Ich wollte, dass meine Kinder Teil der Gesellschaft werden. Ich meinte, dass mein Weltbild falsch war und dass die Gesellschaft, so wie sie ist, richtig ist.“ Als Stephan Ernst diese Sätze im Gerichtssaal hört, sinkt er auf dem Tisch vor seinem Stuhl zusammen und vergräbt den Kopf in seinen Armen. 

Sein Verteidiger Mustafa Kaplan fordert eine Unterbrechung, damit sich sein Mandant das Gesicht waschen kann. Sagebiel fragt den Hauptangeklagten zweimal, ob er eine Unterbrechung benötige. Stephan Ernst schüttelt zweimal den Kopf und bekommt vom Bundesstaatsanwalt Dieter Killmer eine Packung Taschentücher gereicht.

Als Stephan Ernst 45 Minuten später in die Mittagspause abgeführt wird, blicken die Familie von Walter Lübcke und die Besucher der Verhandlung immer noch in ein von Tränen gezeichnetes Gesicht. Es ist ein unerwarteter Moment in der gerade erst eröffneten Verhandlung, auf die die ganze Republik schaut. So viele Emotionen hat wahrscheinlich keiner der Angeklagten im mehr als fünf Jahre dauernden Münchner NSU-Prozess gezeigt.

Der Fall Lübcke: Stephan Ernst hatte zunächst gestanden

Der Mitschnitt der Vernehmung zeichnet ein detailliertes Psychogramm des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübcke – auch wenn Stephan Ernst das Geständnis von damals später zurückzog*, seinen Nazi-Kameraden Markus H. belastete und vor Gericht bislang schweigt. Vor den Fragen der Ermittler habe sein Mandant „nahezu drei Tage nicht geschlafen“, sagt sein zweiter Verteidiger Frank Hannig am Donnerstag. Stephan Ernst sei damals Tag und Nacht Licht ausgesetzt gewesen und habe das Betäubungsmittel Tavor bekommen.

Der Mitangeklagte Markus H. versteckt sein Gesicht.

Hannig und sein Anwaltskollege Kaplan wissen, dass sie das Zeigen des Videos nicht verhindern können. Aber sie wollen es wenigstens verzögern. Mit zahlreichen Anträgen hatten sie und die Verteidiger des Mitangeklagten Markus H. am Donnerstagmorgen für mehrere Unterbrechungen gesorgt. Bis es Richter Sagebiel irgendwann zu bunt wurde: „Es grenzt langsam ein bisschen ans Lächerliche hier.“

Der Fall Lübcke: So tickt Stephan Ernst

Die kindischen Scharmützel passten so gar nicht zu der monströsen Tat, um die es hier geht und die Stephan Ernst zumindest zwischenzeitlich bereut hat. Als die Ermittler ihn vorigen Sommer im Polizeipräsidium am Ende der Vernehmung fragen, ob er noch etwas sagen wolle, sagt der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke anscheinend tief getroffen: „Es tut mir unendlich leid, was ich getan habe, dass ein Mensch sterben musste, weil er die falschen Worte gesagt hatte.“

Richter Thomas Sagebiel leitet den Lübcke-Prozess am OLG Frankfurt.

Während er detailreich schildert, wie er sich von seinem Zuhause im Kasseler Stadtteil Forstfeld nach Istha aufmacht, wo er auf einem Parkplatz stundenlang auf die Dunkelheit wartet, muss Stephan Ernst immer wieder stocken und schluchzen. Falls das alles nicht echt war, muss der Zerspanungstechniker ein ausgezeichneter Schauspieler sein.

Der Fall Lübcke: Stephan Ernsts Hass auf Flüchtlinge

Er wirkt selbst dann glaubwürdig, wenn er die letzten Momente vor der Tat wie in einem Krimi schildert. Seine Geschichte geht so: Von der Pferdekoppel aus beobachtet er das am Ortsrand gelegene Haus von „Herrn Lübcke“, wie er den Politiker immer wieder nennt. „Ich habe mir schon gewünscht, dass er nicht mehr erscheint. Ich wollte schon zu meinem Auto gehen“, sagt er.

Doch gegen 23.20 Uhr sieht er den Schein eines Tablets auf der Terrasse. Walter Lübcke will einen Urlaub für sich und seine Frau buchen. Plötzlich denkt Stephan Ernst wieder an das Schreien der Rucksacktouristinnen, die in Marokko getötet wurden. Immer wieder hatte er sich ein Video von der Tat angesehen. Er hört die Schreie der Opfer. Für diese und andere Taten von Ausländern macht er Lübcke mitverantwortlich, weil er wie Merkel die Flüchtlinge ins Land gelassen hat. In diesem Moment denkt er nur noch: „Du machst das jetzt.“

Neonazis bei einem Aufmarsch - Stephan Ernst war tief in die nordhessische Szene verstrickt.

Immer wieder hatte er Walter Lübckes Wohnhaus seit 2017 aufgesucht. An einem Samstagnachmittag soll der Politiker, der gerade mit einem Nachbarn plauderte, ihn sogar gesehen haben. Stephan Ernst lief aufgeregt zum Isthaer Berg, setzte sich an die Grillhütte und betete: „Gott, gib ihn in meine Hände.“

Der Fall Lübcke: Stephen Ernst war tief in der Nazi-Szene

Der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke sieht aus wie ein ganz normaler Familienvater. Noch am Morgen vor der Tat arbeitete der geschickte Handwerker daheim am neuen Bad. Und wenn er über seine Biografie spricht, klingt er wie ein Aussteiger aus der rechten Szene. Nach seiner Haft in der Kasseler JVA wegen der versuchten Tötung eines Imam fand er in der Stadt eine Arbeitsstelle. 

Darum blieb der Nazi in Nordhessen und geriet in die „Kreise von NPD“ und Freien Kameradschaften, wie er sagt: „Ich war ausländerfeindlich, sag ich mal so.“ 2010 wird er bei einem Angriff auf eine DGB-Demo in Dortmund wieder straffällig. Dabei habe er schon auf der Fahrt dorthin gespürt, dass „ich eigentlich die Schnauze voll hatte. Ich wollte nichts mit denen zu tun haben.“

Walter Lübcke wurde vor seinem Haus per Kopfschuss hingerichtet.

Er träumte davon, seinen Meister zu machen. Dann traf er an der Arbeit seinen alten Nazi-Kameraden Markus H. wieder, durch den er erneut radikalisiert wurde. H. nahm ihn mit zur Versammlung nach Lohfelden, nach der man sich einig war, „etwas zu machen“. Immer wieder benutzt Stephan Ernst diese Formulierung.

Der Fall Lübcke: Depressionen bei Stephan Ernst

Die beiden bewaffnen sich für den bevorstehenden Kampf, den Rechtsextreme seit Jahren prophezeien. Zwischenzeitlich versucht Stephan Ernst seinen Hass auf Walter Lübcke zu vergessen. Aber: „Es ist ein krankhaftes Ding, das mich nicht mehr losgelassen hat.“

Stephan Ernst soll Walter Lübcke ermordet haben - jetzt steht der Nazi in Frankfurt vor Gericht.

Stephan Ernst kennt sich aus mit mentalen Krankheiten. Zwischenzeitlich machte er wegen Depressionen eine Therapie. Nun muss ihm klar sein, dass sein Leben verpfuscht ist und er seine Kinder womöglich nie mehr außerhalb des Gefängnisses sehen wird. Wie hart die Strafe ausfällt, hängt auch davon ab, ob Stephan Ernst in den kommenden Monaten sein Schweigen bricht und noch einmal echte Reue zeigt. (von Matthias Lohr) *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks

Am dritten Verhandlungstag im Lübcke-Prozess* geht es um die zweite Tatversion von Stephan Ernst. Seine Aussage sorgt für mehr Verwirrung als Klarheit.

Gab es Pläne für ein perfektes Verbrechen? Stephan Ernst widerspricht sich bei seinen Aussagen vor Gericht in Frankfurt.

In Frankfurt wird der Prozess um den Mord an Walter Lübcke geführt. Bisher drehte sich alles um den Hauptangeklagten Stephan Ernst. Auch ein Blick auf den Mitangeklagten Markus H. ist interessant.

Die Linken-Politikerin Janine Wissler hat einen Drohbrief von „NSU 2.0“ erhalten.

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