Diese repräsentativen Ergebnisse dürften einige überraschen

Feiern bis der Arzt kommt? Das denken Jugendliche tatsächlich über Corona

Nur 22 Prozent der Befragten haben selbst eine erklärte Angst vor einer Corona-Infektion.
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Nur 22 Prozent der Befragten haben selbst eine erklärte Angst vor einer Corona-Infektion.

Deutschland - Rücksichtslos, egoistisch und selbstsüchtig. Mit diesen Vorurteilen haben viele Jugendliche und junge Erwachsene während der Corona-Krise zu kämpfen. Doch wie ist die Lage wirklich? Party machen bis der Arzt kommt? Wer junge Leute in Deutschland in der Corona-Pandemie so einschätzt, liegt nach einer neuen Studie daneben.

Die große Mehrheit der Umweltprotest-erprobten „Generation Greta“ zeigt sich rücksichtsvoll und lässt sie sich durch Corona kaum aus der Bahn werfen. Das belegt eine repräsentative Umfrage für die Studie „Junge Deutsche 2021“, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Dennoch sieht bis zu einem Drittel der 14- bis 39-Jährigen die Situation negativer und blickt mit Sorge auf die eigene Zukunft.

Jugendforscher haben pauschale Medienberichte über eine hedonistische Jugend, die in der Pandemie ohne Rücksicht auf Verluste einfach weiterfeiert, nie für voll genommen. Die neue repräsentative Online-Umfrage unter 1602 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen Mitte Oktober und Mitte November porträtiert ebenfalls eine solidarische junge Gesellschaft.

Zwei Drittel verzichten bewusst auf Partys

Obwohl sich nur elf Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 14 und 39 Jahren Generation Y und Z zur Risikogruppe bei der Corona-Pandemie zählen, hält es mit 72 Prozent die große Mehrheit von ihnen für wichtig, sich an die Hygieneregeln (AHA) zu halten - nur vier Prozent sagen „nein“. Fast genauso viele gaben an, sich rücksichtsvoll zu verhalten, um Mitglieder des Hausstandes oder der Familie zu schützen. Und immerhin zwei Drittel (66 Prozent) verzichten derzeit bewusst auf Partys, um Familie und Freunde nicht unnötig zu gefährden - nur neun Prozent sagen hier „nein“.

Dabei haben nur 22 Prozent der Befragten selbst eine erklärte Angst vor der Infektion. 44 Prozent sind sich unsicher und 34 Prozent geben an, keine Angst zu haben.

Realistisches Bild der Einstellung der jungen Generation

„Entgegen allen Vorurteilen zeigt diese repräsentative Befragung, dass sich der allergrößte Teil der jungen Generation in der Corona-Pandemie verantwortungsvoll verhält“, sagt Jugendforscher Simon Schnetzer (41), der Leiter der Studie. „Nach unserer Erhebung ist es knapp ein Drittel der jungen Leute, die sich nicht an die AHA Regeln halten und keine Rücksicht auf die Risiko-Gruppen in der Bevölkerung nimmt“.

Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der als Berater der Studie mitwirkte, zeigt sich positiv gestimmt: „Endlich liegen jetzt zuverlässige Angaben aus einer Befragung vor, die ein realistisches Bild von der Einstellung der jungen Generation zur Corona-Pandemie zeichnet“. Dass bei der Umfrage sozial erwünschte Antworten eine Rolle spielen, hält der Sozialforscher und Mitautor für unwahrscheinlich. „Die Tendenzen sind belastbar“, urteilt er.

Studie „Junge Deutsche 2021“

Die Studie „Junge Deutsche 2021„ basiert auf einer repräsentativen Online-Befragung der deutschsprachigen Bevölkerung im Alter von 14 bis 39 Jahren - Generation Z und Y. Insgesamt wurden für die Studie 1.602 junge Menschen befragt. Die Antworten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterscheiden sich stark nach Geschlecht und Bildung.

Auffällig ist, dass ein gutes Viertel der Befragten beim Thema Rücksichtnahme nicht unbedingt mitmachen möchte. Diese Gruppe lässt sich für die Forscher noch genauer fassen: Es sind mehrheitlich junge Männer - rund ein Drittel im Vergleich zu einem Fünftel junger Frauen. Sie haben oft ein eher niedriges Bildungsniveau, leben eher in Klein- als in Großstädten und kommen häufig aus schwierigen Familienverhältnissen.

Drei Viertel der jungen Leute fühlen sich in unserer Gesellschaft wohl

Für Forscher Hurrelmann sind diese Umfrage-Ergebnisse fast deckungsgleich mit jenen aus großen deutschen Jugendstudien: „Ungefähr drei Viertel der jungen Leute fühlen sich in unserer Gesellschaft wohl und spielen gern bei ihren Regeln mit.“ - „Das ist eine junge Generation, die weiß, dass sie sich auf nichts dauerhaft verlassen kann. Das ist mit eingepreist in ihr Lebenskonzept.“

Die Generation Corona

Doch 20 bis 25 Prozent hätten damit Schwierigkeiten. Und: „Junge Männer tun sich mit Selbstdisziplinierung schwerer als junge Frauen. Bei Corona spitzt sich das sichtbar zu.“ Häufig seien es junge Männer, die wissen, dass sie mit der Mehrheit der gebildeten und weltoffenen Jugendlichen kaum mithalten können. Nationalistische und autoritäre Positionen können dann einen ganz anderen Reiz bekommen. Corona verstärke ihre Sorgen. „Im Grunde wird diese Gruppe jetzt noch einmal weiter weggedrückt von der Mehrheit, weil sich ihre Perspektiven verschlechtern“, sagt Hurrelmann. „Die Generation Corona - das sind sie.“ 

Die aktuelle Umfrage zeigt auf der einen Seite eine flexible und anpassungsfähige junge Generation, die Homeschooling oder Homeoffice mehrheitlich meistert, auf der anderen Seite, dass fast ein Drittel der jungen Menschen mit Sorge auf die eigene Zukunft blickt

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie: Junge Leute mit einer starken religiösen Orientierung gehen unbeschadeter, optimistischer und erfolgreicher durch die Krise, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören. Ein starker Glaube scheint ein hohes Ausmaß von Zukunftsvertrauen und Widerstandsfähigkeit gegenüber den Unsicherheiten, Veränderungen und Widrigkeiten der Corona-Pandemie mit sich zu bringen.

mz/dpa

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