Debatte um Impfpflicht: Alle Antworten zu vielen Fragen

Heilsbringer Impfstoff? Freiheit oder Zwang: Zwei Drittel wollen sich impfen lassen, aber...

Eine Frau hält während einer Protestkundgebung der Initiative „Querdenken 711“ auf dem Cannstatter Wasen ein Schild mit dem Foto von Gesundheitsminister Spahn, dem Teufelshörner aufgemalt wurden und neben dem steht „Niemand hat die Absicht eine Impfpflicht einzuführen!“, hoch.
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Eine Frau hält während einer Protestkundgebung der Initiative „Querdenken 711“ auf dem Cannstatter Wasen ein Schild mit dem Foto von Gesundheitsminister Spahn, dem Teufelshörner aufgemalt wurden und neben dem steht „Niemand hat die Absicht eine Impfpflicht einzuführen!“, hoch.

Um Corona zu bezwingen, sollen in kürzester Zeit möglichst viele Menschen geimpft werden. Machen freiwillig genug mit oder soll der Staat seine Bürger dazu verpflichten? In Deutschland ist das ein sensibles Thema - in anderen Ländern ist die Impfpflicht ganz normal.

Während fast ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie Millionen Menschen auf der ganzen Welt einem Impfstoff entgegenfiebern, fürchten einige Kritiker bereits eine Impfpflicht. Wie nur wenige andere Themen aus der Medizin sorgen Vakzine immer wieder für Kontroversen, in bestimmten Kreisen gelten Impfungen als bestenfalls unnötig und schlimmstenfalls gefährlich. Auch auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Deutschland wurde zuletzt immer wieder gegen Impfungen gewettert.

Anfang November vermeldete die Pharmafirma Biontech und US-Partner Pfizer einen Durchbruch in Sachen Corona-Impfstoff. Die Unternehmen gaben bekannt, dass ihr Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19 biete und es bislang keine schweren Nebenwirkungen gebe. Der Vertrag mit der EU-Kommission ist bereits in trockenen Tüchern. Und auch Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erwartet einen zügigen Zulassungsprozess. „Wir dürfen damit rechnen, dass es im Dezember eine erste Zulassung gibt“. Aber, so Spahn: „Es kann auch passieren, dass es erst im Januar oder Februar zu einer Zulassung kommt.“

300 Millionen Impfdosen für Deutschland

Biontech und Pfizer rechnen damit, noch in diesem Jahr weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoff-Dosen bereitstellen zu können, im kommenden Jahr kalkulieren sie mit bis zu 1,3 Milliarden Dosen. Allein Deutschland hat Verträge mit verschiedenen Anbietern über insgesamt mehr als 300 Millionen Impfdosen abgeschlossen. In Bayern sollen dann zuerst Risikopatienten - also alte und chronisch Kranke - geimpft werden. Dann sollen ansteckungsgefährdete Berufsgruppen und medizinisches Personal folgen.

Spahn kündigte eine große Informationskampagne zur Corona-Impfung an - was auch notwendig sein wird. Denn die Mehrheit der Deutschen möchte abwarten, bevor sie sich impfen lässt.

Zwei Drittel der Deutschen wollen sich impfen lassen, aber nur jeder Vierte sofort 

In einer Ipsos-Umfrage unter mehr als 18.000 Befragten aus 15 Ländern, die in Zusammenarbeit mit dem Weltwirtschaftsforum durchgeführt wurde, geben im Oktober 69 Prozent der Deutschen an, dass sie sich impfen lassen würden, wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus verfügbar wäre - zwei Prozentpunkte mehr als drei Monate zuvor.

Danach gefragt, wie schnell man eine Schutzimpfung vornehmen würde, wenn ein Impfstoff für alle verfügbar wäre, äußern sich viele Befragte eher zögerlich. In Deutschland würde sich nicht einmal jeder vierte Befragte (23%) sofort impfen lassen, sobald ein Vakzin verfügbar ist. Etwa die Hälfte aller Bundesbürger (47%) würde zumindest nicht länger als drei Monate abwarten wollen, zwei Drittel der Deutschen (66%) planen eine Impfung innerhalb eines Jahres nach der Zulassung und Auslieferung eines Corona-Impfstoffs. Nur eine kleine Minderheit der Befragten beabsichtigt, länger als ein Jahr (5%) oder sogar mehr als zwei Jahre (6%) abzuwarten, bevor sie sich gegen COVID-19 impfen lässt, fast jeder Vierte (23%) ist sich diesbezüglich nicht sicher.

Höchste Impfbereitschaft in Asien, Franzosen besonders skeptisch

Im internationalen Vergleich ist die generelle Bereitschaft zur Impfung in Indien (87%), China (85%) und Südkorea (83%) am höchsten. Allerdings hat sich dieser Wert in China seit der letzten Erhebung stark geändert, vor drei Monaten wollte noch fast jeder Chinese (97%) geimpft werden. 

Am geringsten ist die Akzeptanz eines Corona-Impfstoffs in Frankreich: 54 Prozent der Befragten würden sich momentan für eine Impfung entscheiden (-5%), fast die Hälfte der Franzosen (46%) lehnt diese Option für sich persönlich ab. Auch in anderen Ländern wie Australien (-9%), Spanien (-8%) oder Brasilien (-7%) sinkt die Impfbereitschaft der Bürger spürbar. 

Gründe für die Ablehnung einer Corona-Impfung

Die Beweggründe für die Ablehnung eines Impfstoffs in Teilen der Bevölkerung sind dabei vielfältig. In Deutschland fürchtet ein Drittel derjenigen Befragten, die nicht beabsichtigen, ein COVID-19-Vakzin einzunehmen, dass dieses die klinische Prüfungsphase wohlmöglich zu schnell durchläuft (33%). Drei von zehn Befragten dieser Personengruppe (30%) haben laut eigener Aussage Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen. 15 Prozent bezweifeln wiederum, dass die Impfung überhaupt wirksam sein wird. Jeder Zehnte lehnt Impfstoffe grundsätzlich ab (10%) oder ist der Ansicht, dass das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus eher gering ist (9%).

Spahn verspricht: Keine Impfpflicht in Deutschland

Einer Impf-Verpflichtung hat die Bundesregierung bereits mehrfach eine klare Absage erteilt. „Ich gebe ihnen mein Wort: Es wird in dieser Pandemie keine Impfpflicht geben“, betonte etwa Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Bundestag - ausdrücklich auch in Richtung anderer Behauptungen. 

Zwar wird das Bundesgesundheitsministerium im kürzlich beschlossenen Infektionsschutzgesetz dazu ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates besonders bedrohte Teile der Bevölkerung unter bestimmten Voraussetzungen zu einer Impfung zu verpflichten. Experten gehen allerdings nicht davon aus, dass es dazu kommt. 

In den USA ist eine verpflichtende Corona-Impfung mit einem zugelassenen Mittel nicht ausgeschlossen. Ein solcher Beschluss würde aber nicht bundesweit, sondern pro Bundesstaat getroffen werden. So verabschiedete die New Yorker Anwaltskammer Anfang November einen Beschluss, der eine Impfpflicht für den Fall empfehlen würde, dass nicht genug Menschen das Präparat freiwillig nehmen sollten

Einer solchen Maßnahme könnte dadurch Nachdruck verliehen werden, dass nicht-geimpfte Personen zum Beispiel keine Bars oder Restaurants besuchen dürften. Auch Arbeitgeber können ihre Angestellten Experten zufolge zu einer Impfung veranlassen, solange sie einen berechtigten Grund dazu haben.

Auch in der Schweiz ist eine partielle Impfpflicht denkbar. „Ein Obligatorium kann je nach Lage in speziellen Situationen Sinn machen“, sagte die Chefin des Bundesamtes für Gesundheit, Anne Lévy, zuletzt im „Sonntagsblick“. Gemeint ist aber höchstens die Impfpflicht für bestimmte Gruppen, wie die Gesundheitsrechtlerin Franziska Sprecher von der Universität Bern dem Sender SRF sagte: „Impfobligatorien sind nach dem geltenden Recht möglich. Allerdings nur für spezifische Gruppen wie etwa Personen, die mit vulnerablen Gruppen zu tun haben, insbesondere das Gesundheitspersonal.“

Die meisten anderen europäischen Länder hingegen setzen auf Freiwilligkeit. „Ich werde die Impfung nicht verpflichtend machen“, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in dieser Woche in einer TV-Ansprache. Die Impfungen gegen das Coronavirus sollen in Spanien freiwillig, kostenlos und zuerst Risikogruppen vorbehalten sein, wie es in dem Impfplan der Regierung steht.

Impfpflicht gegen andere Krankheiten in vielen anderen Ländern

Weltweit gibt es laut einer Studie der kanadischen McGill University in etwa der Hälfte aller Länder verpflichtende Impfprogramme gegen mindestens eine Krankheit. In 62 Staaten gibt es irgendeine Art von Strafe für Menschen, die sich der Impfpflicht widersetzen - das kann von Belehrungen über Geldbußen bis hin zu Haftstrafen reichen. „Impfprogramme sind das kosteneffektivste und erfolgreichste Werkzeug im öffentlichen Gesundheitswesen. Gerade in einer Pandemie ist eine hohe Durchimpfung im globalen Maßstab wichtig“, sagte die leitende Autorin der Studie, Katie Gravagna.

mz/dpa

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