Anti-Corona-Maßnahme sorgt für Disput

Sreit um Lüftungskonzept in Klassen: Notwendige Maßnahme oder „erbärmlich“?

leeres Klassenzimmer
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Geöffnete Fenster bei Wind, Wetter und Winter? Daran gibt es nun Kritik.

Deutschland - Es herrscht dicke Luft zwischen Philologen und den Bildungsministern. Konkret geht es um das Lüftungskonzept in deutschen Klassenzimmern. Während die einen auf regelmäßiges Stoßlüften setzen wollen, können die anderen der Maßnahme wenig abgewinnen - und werden in ihrer Kritik auch recht deutlich.

Ein kalter Wind könnte im kommenden Winter in Deutschlands Schulklassen wehen: Zur Vermeidung von Corona-Ansteckungen in den Schulen empfehlen Wissenschaftler nach Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) regelmäßiges Lüften in kurzen Abständen und sehen nur in „Einzelfällen“ die Notwendigkeit für mobile Luftreinigungsgeräte.

Am Donnerstag teilte das Umweltbundesamt (UBA) mit, auf Wunsch der Kultusministerkonferenz (KMK) eine Handreichung zum richtigen Lüften in Schulen erarbeitet zu haben, die nun an alle Schulen in Deutschland verteilt werde. „Kern unserer Empfehlung ist, Klassenräume regelmäßig alle 20 Minuten für etwa fünf Minuten bei weit geöffneten Fenstern zu lüften“, sagte UBA-Präsident Dirk Messner laut Mitteilung. Auch zu Luftreinigern und anderen technischen Geräten gibt das UBA laut der Deutschen Presseagentur (dpa) Empfehlungen.

„Erbärmlich“: Massive Kritik am Lüftungs-Konzept

Doch das Konzept sorgt für massive Kritik. Der Deutsche Lehrerverband kritisiert das Lüftungskonzept der Bildungsminister scharf. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger: „Es ist erbärmlich, dass die KMK und den meisten Schulministerien zum Thema Aerosolbelastung in vollen Klassenzimmern nichts anderes einfällt, als regelmäßiges Stoßlüften zu empfehlen.“

Meidinger fügte hinzu: „Wir wissen alle, dass in einer großen Anzahl von Klassenräumen die Fenster nicht oder nur spaltweise zu öffnen sind, dass vielfach Querlüftung nicht funktioniert, weil kein Durchzug möglich ist, und vor allem dass im Winter bei Minusgraden, Starkwind und Regen Lüften problematisch ist.“ Die Ministerien seien sich nicht einmal einig darin, wie oft gelüftet werden müsse. Die Empfehlungen schwankten zwischen zwanzig Minuten und der Anweisung, nach jeder Stunde die Fenster zu öffnen. Für die Schüler bedeute das, mit Handschuhen und Mützen im Klassenraum zu sitzen. „Die Kommunen dürfen sich währenddessen auf steigende Energiekosten gefasst machen.“ Meidinger warnte: „Wenn die Mehrzahl der Bundesländer weiter untätig bleibt und sich die Situation als kontrollierbar schönredet, werden wir auf einen kalten Winter mit hohen Infektionszahlen zusteuern.“

Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung, Joachim Maiß, reihte sich am Donnerstag in die Riege der Kritiker ein: „Bei Herbststürmen und Schlagregen kann man nicht stoßlüften, ohne die Klassenräume zu fluten und Erkältungskrankheiten unter allen Anwesenden Vorschub zu leisten.“ Die Kultusminister setzten Lehrkräfte und Schüler Gefahren aus, die auf offener Straße mit Bußgeldern belegt würden - „ganz so, als ob es das Virus in den Schulen nicht gäbe“. Wenn man nicht in wirksame Filtertechnik investieren wolle oder könne, brauche man „einen verlässlichen Mix aus Präsenz- und Onlineunterricht“.

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, forderte Schritte wie in Bayern. Dort hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angekündigt, den Kommunen 50 Millionen Euro zum Kauf von Raumlüftern und Filtern in Schulen und Kitas zur Verfügung zu stellen. Lin-Klitzing sprach sich zudem für Plexiglaswände zwischen den Schülern und für die Lehrkräfte aus. Der Deutsche Lehrerverband hatte Lüftungsanlagen und CO2-Messgeräte gefordert, die anzeigen, wann dringend gelüftet werden muss.

Der niedersächsische Landeselternrat stellte infrage, ob das Lüften allein die Infektionszahlen niedrig halten kann. Die TU Berlin habe eine Studie veröffentlicht, wonach sich die gefährlichen Aerosole in voll besetzten Klassenzimmern innerhalb von zwei Minuten im gesamten Raum ausbreiten könnten, schrieb die Elternvertretung.

Ob das Lüftungskonzept 20-5-20 das Infektionsrisiko im vertretbaren Rahmen senken könne, sei aus Sicht der Elternschaft fraglich. Zudem betonten auch die Elternvertreter, dass sich in vielen Klassenzimmern die Fenster nicht oder nicht vollständig öffnen ließen.

Umweltbundesamt beschwichtigt

Das Umweltbundesamt versucht indes zu beschwichtigen: Wie die „Tagesschau“ berichtet, versichert das UBA, dass die Temperatur beim Stoß- und Querlüften im Raum nur um wenige Grad absinke. Und wer schnell friere, könne für die Zeit kurz einen Pullover überstreifen. Nach dem Lüften steige die Temperatur ohnedies wieder rasch an. Neben der geringeren Ansteckungsgefahr durch Aerosole habe das Lüften noch andere Vorteile: Auch CO2, Feuchte und chemische Stoffe würden effektiv aus der Luft entfernt.

dp mit Material der dpa

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