„Beschämend“ und „bedauerlich“

Selbst ernannte „Sophie Scholl“ bei Corona-Demo sorgt für Empörung: Video macht fassungslos

Hannover - Um die Demo gegen die Corona-Politik am Samstag, 21. November, wäre es sonst wohl ruhig geblieben. Doch die Aktion einer Frau, die sich mit „Sophie Scholl“ vergleicht, bringt das Internet in Wallung. Selbst der Außenminister meldet sich zu dem Thema zu Wort.

Mit einem Auftritt als selbst ernannte „Sophie Scholl“ hat eine junge Frau aus Kassel bei der „Querdenken“-Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Hannover heftige Kritik im Netz und in der Politik ausgelöst. Die 22-jährige Jana trat am Samstag auf eine kleine Bühne in der Nähe der Oper und verglich sich mit der Widerstandskämpferin gegen die Nationalsozialisten.

In mehreren Videos von der Kundgebung, welche bei Twitter und Facebook millionenfach angeklickt und kommentiert wurden, spricht die Frau zum Publikum. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagt sie und bekommt Applaus.

Jana aus Kassel: „Ich fühle mich wie Sophie Scholl“

„Ich bin 22 Jahre alt, genau wie Sophie Scholl, bevor sie den Nationalsozialisten zum Opfer fiel“, fährt sie dann fort (Anm. d Red.: Sophie Scholl wurde nur 21 Jahre alt). Sie werde niemals aufhören, sich für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen. Doch dann taucht ein junger Mann vor der Bühne auf.

Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr“, protestiert er und reicht der Frau sein orangefarbenes Leibchen. Es gehe hier um eine „Verharmlosung vom Holocaust“. Die Rednerin entgegnet: „Ich habe doch gar nichts gesagt.“ Dann beginnt sie zu weinen und wirft ihren Zettel weg. Polizisten erscheinen und geleiten den Mann zur Seite.

Nach dem Zwischenfall kam Jana aus Kassel aber später zurück auf die Bühne und hielt ihre Rede erneut. Wie schon beim ersten Anlauf verglich sie sich dabei wieder mit Sophie Scholl.

Die Studentin Sophie Scholl war eine Widerstandskämpferin in der Zeit, als die Nationalsozialisten Deutschland beherrschten. Zusammen mit ihrem Bruder Hans und anderen Studenten wehrte sie sich gegen eine Regierung, die es den Menschen verbot, offen ihre Meinung zu sagen. Ihre Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ verbreitete unter anderem an ihrer Universität in München Flugblätter.

Die Geschwister Scholl wurden wegen ihres Widerstands am 22. Februar 1943 verurteilt und wenige Stunden später mit dem Fallbeil im Gefängnis München-Stadelheim hingerichtet.

Entsetzen im Netz

Die Aussagen von Jana aus Kassel sorgen im Netz für Empörung. In den Kommentarspalten der zahlreichen Videos kritisieren viele Bürger den Vergleich. Die Parallele zu Sophie Scholl sei verantwortungslos, die Gleichsetzung mit dem Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zur NS-Zeit beschämend. Der junge Mann bekommt Zuspruch. Ein Nutzer schreibt: „Respekt für den Ex-Ordner, der die Verhöhnung der realen Holocaust-Opfer erkannte und sich dagegen stellte.“

In einem Bericht tauchten derweil allerdings Zweifel auf, ob es sich bei dem Mann wirklich um einen Ordner handelte. Nach Informationen der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ soll er zur örtlichen linken Szene gehören, bei vielen anderen Demonstrationen in Erscheinung getreten sein und seine Gegenaktion zu dem „Sophie-Scholl“-Auftritt inszeniert haben. Unklar war auch, ob er bei den Veranstaltern der lokalen „Querdenken“-Kundgebung als Ordner registriert war.

Mass und Mast empört

Heftige Kritik kam aber auch aus der Politik. Wer sich heute mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleiche, „verhöhnt den Mut, den es brauchte, Haltung gegen Nazis zu zeigen“, twitterte Außenminister Heiko Maas (SPD).

Mit dem jüdischen Mädchen Anne Frank, das mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten geflohen war, in ihrem Versteck in Amsterdam ihr berühmtes Tagebuch schrieb und kurz vor Kriegsende von den Nazis getötet wurde, hatte sich kürzlich ein Mädchen bei einem Corona-Protest in Karlsruhe verglichen.

Die Elfjährige habe aufgrund der Corona-Auflage ihren Geburtstag heimlich und mehrfach feiern müssen, weil bei einem Treffen nur zwei Hausstände erlaubt sind. Das sei sehr anstrengend und „nicht so schön“ gewesen. „Wir mussten die ganze Zeit leise sein, weil wir sonst vielleicht von unseren Nachbarn verpetzt worden wären. Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hinterhaus, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden.“

Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast nannte derartige Vergleiche „unerträglich“. „Die einen dürfen sich frei auf Versammlungen äußern, während die anderen unter Einsatz ihres Lebens Widerstand gegen den Terrorstaat leisteten u. die Deportation & Ermordung fürchteten“, twitterte sie.

Die Demonstration am Samstag in Hannover verlief nach Polizeiangaben ohne größere Zwischenfälle. Mindestens 900 Menschen sollen sich beteiligt haben, zudem habe es zwischen 200 und 300 Gegendemonstranten gegeben, darunter auch Linksautonome.

Wie geht es bis Weihnachten weiter?

Die Regierungschefs der Länder wollen mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am kommenden Mittwoch weiter über die Corona-Lage sprechen. „Meine Prioritäten sind Klarheit und Verlässlichkeit - die Menschen müssen wissen, was im Dezember, in der Advents- und Weihnachtszeit und über den Jahreswechsel möglich ist“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) der dpa. Was genau an Weihnachten und Silvester gelten werde, sei derzeit aber noch nicht absehbar. „Das kann ich erst nach der Ministerpräsidenten-Konferenz sagen, es handelt sich um zwei durchaus schwierige Beratungspunkte.“ Es gibt allerdings bereits erste Spekulationen zu möglichen Verlängerungen und Verschärfungen der Maßnahmen.

Viele Beobachter fragen sich, ob die seit Anfang November geltenden Verschärfungen des Teil-Lockdowns möglicherweise bis in den Dezember hinein anhalten müssen. „Wir brauchen zumindest oberhalb einer Inzidenz von 50 ein möglichst einheitliches und ausgewogenes Geflecht von Maßnahmen, die zur weiteren Eindämmung der Corona-Infektionen beitragen“, meinte Weil. „Ich glaube, es ist wichtig, so klar und so gemeinsam wie möglich vorzugehen.“

mz/dpa

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