„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tage vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Reisebericht von Leipzig nach Berlin
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Von Leipzig nach Berlin.

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Heute geht es nach Berlin.

Wir schreiben 12.30 Uhr, haben längst ausgecheckt, das nächste Hostel ist schon gebucht. Nur 900 Meter von unserer jetzigen Bleibe! Wir steigen ins Auto, ich drehe den Schlüssel um, KLACK KLACK, KLACKBRÖMMMM! Schorsch scheint heute nen guten Tag zu haben! Wir biegen auf die Hauptstraße und Baustellen wie rote Ampel wechseln sich ab. Im Stop and Go geht es weiter. Das ist also diese „Umweltzone“, von der diese Pseudo-Umweltschützer schwadronieren.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Wir biegen in eine Nebenstraße ein und plötzlich erblickt Tobi einen Herren vom Ordnungsamt, der ganz eifrig Fotos von meinem Auto macht. Erwischt! Das wird 80 Euro Strafe kosten. Das Lustige dabei ist: Damit komme ich immer noch billiger weg als wenn ich das Auto mit einem H-Kennzeichen ausstatten würde, mit dem mir das Befahren einer Umweltzone gestattet wäre – und das sogar ganz ohne Kat. Deutschland, du kannst schon richtig gaga sein!

Nach einer halben Tagesreise durch die Leipziger Innenstadt finden wir endlich einen geeigneten Stellplatz und irren unserem Hostel entgegen. Dort angekommen sind wir schon ziemlich beeindruckt! Das Hostel ist sehr sauber, die Zimmer sind groß, die Leute freundlich. Und sie achten penibel genau auf den Mundschutz, was beim letzten Hostel eher vernachlässigt wurde. Nachdem das Zimmer bezogen wurde, entscheiden wir uns, nochmal eine Runde zu schlafen. Tobi träumt noch den Schlaf der Gerechten, ich mache mich auf zum Auto.

Roberto der Ehrenmann schickte mir nämlich soeben PIN und PUK meines Handys, sodass sich die SIM-Karte endlich wieder entsperren lässt. Beim Weg zurück komme ich an einer Demo der „Coronarebellen“ vorbei. Dicht gedrängt und selbstverständlich ohne Mundschutz lauschen sie den Klängen einer Esoteriktante. „Wach auf, Wach auf!“, singt sie. „Also ich bin erst vor einer Viertelstunde aufgewacht, hab wirklich gut geschlafen!“, murmele ich vor mir hin.

Zurück im Hostel entscheiden wir uns irgendwann am Nachmittag, doch noch ein wenig die Stadt zu erkunden. So geht es zuerst in die Thomaskirche, in der der berühmteste Sohn der Stadt und einer der einflussreichsten Musiker aller Zeiten begraben liegt: Johann Sebastian Bach. Wieder draußen entscheiden wir, die Happy Hour unseres Hostels wahrzunehmen. Dabei lernen wir unseren Mitbewohner Momo, einen 42-jährigen Italotunesier, kennen.

Nach einem kurzen Ratsch verschwindet er ins Zimmer und der 35-jährige IT-Spezialist Nawal aus Bangladesh gesellt sich zu uns. Auch mit Nawal teilen wir unser Zimmer. Wir wissen seine offene, wissbegierige und lustige Art schnell zu schätzen. Kein Wunder also, dass er für den Rest des Abends unsere Begleitung sein wird. Die Happy Hour endet und wir schwingen unsere hungrigen Wänste hinüber zum Dönerladen. Während sich Tobi einen normalen Döner gönnt, wird bei mir das Fleisch durch Falafel und Halloumi ersetzt. Ich als neugewordener Halloumi-Hawara finde diese Kombi göttlich!

Nach dem Mahl machen wir uns auf zur Karl-Liebknecht-Straße, der Flaniermeile der Stadt, die bei den Einheimischen auch unter dem Namen „Karli“ bekannt ist. Wir hören „Tatütata“ und sehen ein Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug (HLF) vorbeifetzen. Ein paar Meter weiter geht ein Stadtgeländewagen in Flammen auf. So unnütz ich diesen Fahrzeugtyp auch finde, auch dieser hat es nicht verdient, ein Raub der Flammen zu werden. Es dauert nicht lang und wir hören „Feuer, Feuer“-Rufe. Ein paar Meter weiter brennt das Gebüsch.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen
Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Geistesgegenwärtig renne ich meinen Leuten davon, schnapp' die Kamera und fotografiere einen Mann, der sich direkt am Feuer aufhält. Vielleicht war es ja Brandstiftung, denke ich mir. Dann renne ich zu den Feuerwehr- und Polizeibeamten und teile ihnen den Brand mit. Bei einem Polizisten erwähne ich, dass ich Aufnahmen von einem Mann gemacht habe. Nennt mich Petze, doch was Brandstiftung insbesondere im Sommer betrifft, kenne ich kein Pardon. Seit über zehn Jahren bin ich Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Traunreut (an der Stelle einen schönen Gruß an alle meine daheimgebliebenen Kameradinnen und Kameraden!) und wir sind froh über jeden Einsatz, der verhindert werden kann.

Nach Aufnahme meiner Personalien und der Information, dass es sich bei dem Aufgenommenen um einen Zivilfahnder handelt und ich somit wahrscheinlich nichts mehr von der Polizei hören werde, machen wir uns wieder in Richtung Karli auf. Ein paar hundert Meter weiter gabeln wir auch wieder Nawal auf. Zusammen mit ihm schlagen wir in der Bar „La Boum“ auf.

Nicht viel später gesellen sich auch wieder Majd und Andi zu uns. Und am Nachbartisch werden Eva und Verena, zwei Friseusen aus Bad Kissingen, auf uns aufmerksam, sodass die illustre Runde schnell an Größe gewinnt. Wir unterhalten uns über Musik, Lifestyle und eher ungewöhnliche Themen wie die Entstehung der Farben schwarz-rot-gold oder die Völkerschlacht von Leipzig. Wir tauschen unsere Instagram-Accounts aus und verabschieden uns schließlich nach ein paar Stunden wieder.

Nicht mehr ganz geradem Schrittes geht es nun wieder zum Hostel. Erschöpft von der Abend-Action fallen wir in die Federn... Am nächsten Tag steht noch das Völkerschlachtdenkmal auf dem Plan, bevor es nach Berlin geht. Ein 91 Meter großes Monument, das an den Sieg über Napoléon und dessen Verbündete - darunter auch das Königreich Bayern – erinnert. Gut 500 Stufen führen eigentlich auf die oberste Aussichtsplattform hinauf. Diese ist heute allerdings gesperrt, sodass wir uns mit dem Aussichtsumgang auf 57 Metern begnügen müssen.

Der Blick über die Stadt mit dem Zentralstadion, den vielen Plattenbauten und das weitere Umfeld ist trotzdem atemberaubend! Nach unserem Besuch dieser monströsen Landmarke geht es auf der B87 in Richtung Torgau. Kaum aus Leipzig draußen wird es trostlos. Die urbane Bebauung weicht weitläufigen Arealen, die früher Teil Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) waren.

Alle Fotos von dem Trip findet Ihr hier.

Die halb verfallenen Gebäude erwecken kaum den Anschein, dass hier noch gewirtschaftet wird. Die Tatsache, dass die Böden so gut es geht kultiviert werden, allerdings schon. Es ist ein grauer, dunkler Tag.

Wir fahren an Maisfeldern vorbei, die gerade einmal halb so hoch stehen als bei uns in Bayern. Die Sonnenblumen lassen ebenfalls kollektiv ihre Köpfe hängen. Kamine ehemaliger Fabrikanlagen stehen schief. Noch mehr dem Verfall preisgegebene Gebäude. Marode Straßen. Eine gottverlassene Gegend!

Hin und wieder gelangen wir an mal kleinere, mal größere Orte. Ich denke mir „So lang durch den Osten unterwegs und erst ein Trabi ist uns entgegengekommen!“ Wie der Zufall es will, kommt uns kurz danach eine Kompanie aus Trabis, Wartburgs, Barkas, Moskwitschs, Ladas, Simsons und MZ's entgegen.

Der Tross scheint gar nicht mehr aufhören zu wollen, genauso wie mein Grinsen. Und Schorsch grinst sicherlich auch, wenn er schon so viele seiner Genossen auf einmal sieht! Nach gut 50 Kilometern ist Torgau erreicht. Kurz dahinter wollen wir über die Elbe setzen, aber ätschibätschi! Das geht hier nur mit Fähre. Da wir uns hinter mehreren Fahrzeugen einreihen müssten, disponieren wir um und brummen in Richtung Lutherstadt Wittenberg.

Auch wenn das UNESCO-Weltkulturerbe, das bereits in Sachsen-Anhalt liegt, zu einem Besuch verlockt, nach Berlin müssen wir schließlich auch noch kommen. Also kurze Pinkelpause und weiter geht’s! Kurz nach Wittenberg tauchen dann die ersten Wegweiser mit der Aufschrift „Potsdam“ auf. 70 Kilometer. 60 Kilometer. 39 Kilometer. 14 Kilometer.

Und schließlich: „Berlin“, 47 Kilometer. Die Vorfreude steigt. Potsdam ist erreicht. Im späten urbanen Nachmittagsverkehr schlängeln wir uns weiter in Richtung Bundeshauptstadt. Wir überqueren eine Brücke über einen Seitenarm der Spree und plötzlich sind wir in der knapp 3,7 Millionen Einwohner zählenden Metropole drin. Längst schon läuft Musik des FC Bayern München durch die Boxen und lautstark trällern wir mit, denn schließlich ist heute das Championsleaguefinale!

Triumphal mutet unser Einzug in der Metropole an, nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der vielen Blicke, die auf uns gerichtet sind. Viele, die am Straßenrand stehen, können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Daumen gehen nach oben. Das ändert sich auch nicht, als wir auf die Stadtautobahn wechseln. Jeder, der uns überholt oder den wir überholen scheint sichtlich angetan von unserem Gefährt zu sein. An einer Kreuzung geht ein Fenster runter und wir hören es rufen „Go Trabi Go! Geiles Teil!“

Nach einem kleinen Plausch geht es für ihn geradeaus weiter, wir biegen nach links ab. Zehn Minuten später ist unser heutiges Ziel, die Bude von Tobis Schwester Miriam und ihrem Freund Tobi erreicht. Wir suchen uns einen Parkplatz außerhalb der Umweltzone, denn auf nochmal Strafe zahlen habe ich keinen Bock mehr. Und plötzlich passiert es: Ich schalte in den dritten Gang, in den vierten. Und das Auto zieht nicht mehr so richtig.

Es fühlt sich an als würde ich beim Gas geben immer noch auf der Kupplung stehen. Wir erreichen gerade so den Parkplatz, aber mir schwant Übles: Entweder ist Schorsch launisch, oder die Kupplung muss schleunigst ausgetauscht werden. Könnte teuer werden und die Reisepläne müssen umgekrempelt werden...

Fürs Erste sind jetzt allerdings ein paar Tage Berlin und das Finale angesagt. Das gilt es zu genießen, ehe das Abenteuer weitergeht. Hoffen wir das Beste.

Einen schönen Abend noch und bis bald!

Schmalzgruber

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