„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag acht: Fünf Heteros in der Schwulenbar

Schmalzgruber Reisebericht aus Berlin
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Tag acht: In Berlin

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Derzeit machen die Jungs Berlin unsicher.

26. August, so zwischen 13 Uhr und 14 Uhr- Ich gammle in der Lobby und warte weiterhin auf meinen Check-in. Der Regen prasselt an die Fenster, der flotte Techno, den der spanische Rezeptionist auflegt, kündet von besseren Zeiten. Zeiten, in denen man in lauen Sommertagen noch ungestört feiern und raven konnte.

Corona, du Miststück! Es gesellt sich ein ungefähr zwei Meter großer Hüne in die Lobby und bittet den Spanier hinterm Tresen, er möge doch bitte etwas ruhigeres reintun. Auch das noch! Mit einem Weißbier in der Hand setzt er sich in meine Nähe. Etwas später kommen wir ins Gespräch: Vincent heißt er, ist 22 Jahre alt, arbeitet beim Roten Kreuz und kommt aus Freiburg.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Er ist nach Berlin gekommen, weil er dort in eine WG ziehen möchte. Doch die muss erst einmal gefunden werden! Je mehr wir miteinander reden, desto mehr muss ich meine anfänglichen Vorbehalte ihm gegenüber zurückziehen. Es ist kurz nach 15 Uhr, endlich können die Zimmer bezogen werden! Tobi hat in der Zwischenzeit den Staubehausen gemacht und chillt bei Sabrina.

Heißt für mich: Nicht nur mein Gepäck muss in den vierten Stock, auch seins. Ausgerüstet wie die Invasionseinheiten am D-Day schleppe ich das Zeug mit mir rum, die Schweißperlen rinnen mir von der Stirn. Schnaufend wie eine Dampflok komme ich am Zimmer an und schmeiße mich ins Bett.

Nachdem Tobi auch wieder zurückkehrt, bleibt noch Zeit für ein kleines Nachmittagsnickerchen. Kurz nochmal Akkus auffüllen, ehe es wieder losgeht. Heute haben wir tatsächlich mal eine Sehenswürdigkeit auf dem Plan: Das Stasimuseum im Stadtteil Lichtenberg. Am Alexanderplatz holen wir noch Michi und seine Schwester ab, dann noch zwei Umstiege und wir sind am Stasimuseum.

Auf eindrucksvolle Art und Weise wird hier geschildert, wie unfrei die Bürger durch die Stasi gemacht wurden. Nirgendwo war man sicher, vor niemanden. Man musste jederzeit damit rechnen, von Freunden, Verwandten und Bekannten bei banalen Dingen wie dem Einschmeißen von Post oder dem Tragen von nichtsozialistischer Einheitskleidung an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verpfiffen zu werden.

Wie gruselig ein Staat ist, der sich nur durch massive Überwachung und Einschüchterung seiner Bürgerinnen und Bürgern an der Macht halten kann! Noch gruseliger ist die Tatsache, dass bereits kleine Kinder durch die Erziehung unterschwellig militarisiert wurden. So gab es beispielsweise Bastelbögen mit militärischem Bezug für Kinder oder bereits ab der achten Klasse wurde Heranwachsenden „Lust“ auf Karriere bei der Stasi gemacht.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tage vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Tag sieben: Kreuzberg Nights

So wurden Bands wie „Iron Maiden“ zu „Verführern der Jugend“ verklärt, Fluchthelfer, die Leute aus dieser Diktatur befreit haben, waren laut der Stasi „skrupellose Menschenhändler.“ Ein Glück, dass diese Zeiten vorbei sind! Dennoch ist es sehr bedrückend, zu realisieren, wie viele Menschen unter diesem System leiden mussten.

Wie viele Familien und Beziehungen wurden auseindergerissen, wie viel Angst die Leute hatten, etwas falsch zu sagen, um nicht inhaftiert und sozial gebrandmarkt zu werden. Und anstatt am Ende einzugestehen, falsch gelegen zu haben, versuchten die Stasi und ihre Schergen noch so viele Spuren wie nur möglich zu verwischen.

Bedrückt bin ich, als ich aus dem Museum wieder hinausgehe. „Kirsten“ bläst einen forschen und frischen Wind durch die hohen Lichtenberger Wohnsilos, begleitet von leichtem Regen. Ein paar Stationen mit der U-Bahn später sind wir in Friedrichshain, einem sehr alternativen Viertel.

Schmierereien zieren fast jedes Gebäude, das zumeist irgendwelche Bars oder (veganen) Restaurants mit Gerichten aus der ganzen Welt sind. Nach einer längeren Suche sitzen wir uns in der Simon-Dach-Straße nieder. Kurze Zeit später gesellt sich auch Nora wieder zu uns. Auch wenn das Menü vielerlei bietet, für mich gibt es wieder – surprise surprise – Pizza.

Der Preis von neun Euro ist stolz, dafür schmeckt sie dem Preis auch angemessen! Nach dem Mahl wollen wir die Gegend nach etwas Trinkbarem auschecken und werden in einer Schwulenbar fündig. Fünf Heteros in einer Schwulenbar, auch das hat was sketchiges.

Tag acht: In Berlin

Der Kellner wirft mir aufmerksame Blicke zu, er scheint flirten zu wollen. Auch wenn ich tolerant gegenüber jeglicher sexuellen Orientierung bin, ich bin straight und das soll auch so bleiben! Ein Bier später und wir bewegen uns in Richtung Noras Unterkunft, einer sogenannten „Stayery“. Kurz vor unserer Ankunft suchen wir noch Noras „Späti“ ihres Vertrauens auf.

Dort gibt es neben heimischen Bieren auch Biere aus unseren Breiten: So können wir beispielsweise die Marken „Chiemseer“ und „Tegernseer“ erspähen. Beladen wie der Red Ball Express geht es die letzten Meter zur „Stayery“, einen sauberen und fein eingerichteten Unterkunftskomplex. Dort wird „The Game“ ausgepackt, ein Karten- und Gesellschaftsspiel, in dem man als Team kooperieren muss, um das Spiel selbst zu besiegen.

Ein Spiel mit Suchtfaktor, sag ich euch! Ein paar Runden später muss sich Nora leider verabschieden. Sie muss morgen nämlich wieder arbeiten und somit fit sein. Dafür hat sich Vincent angekündigt. Nach mehrmaligem Hin- und Hertelefonieren findet er endlich den Eingang. Leider verabschieden sich Michi und seine Schwester, sodass wir nur mehr zu dritt im Aufenthaltsraum lungern.

Also entscheiden wir uns fürs „Meiern“, um den Abend noch lustiger zu gestalten. Wir würfeln, trinken, würfeln, trinken, würfeln, „BUFFALO!“ Erwischt! Tobi und ich hatten ein paar Tage zuvor vereinbart, nur mehr mit der schwachen Hand zu trinken. Erdreistet man sich, mit der starken Hand (bei uns beiden die rechte), hat man die Ehre, das Getränk zu exen.

Der eiskalte Hopfensud scheint mein Hirn für kurze Zeit einzufrieren. Wie gern hätte ich das Bier in meinem Tempo getrunken hätte! „Es häift einfach, es häift nix!“ Da isser wieder, der Motocrossfahrer. Ich hätte mir einen Burgfrieden erhofft, da ich mir auch ein paar Mal verkniffen habe, ihn zum Exen zu zwingen.

Doch nun denke ich mir „Rache ist Blutwurst“ und beäuge ihn mit Argusaugen. „BUFFALO!“, „BUFFALO!“, „BUFFALO!“, „BUFFALO!“, gleich viermal in einer halben Stunde ertappe ich Tobi. Dass er dabei auch ein Berliner Kindl mit Rhabarbergeschmack runterschnorcheln muss, heizt meinen innerlichen Spott weiter an..

Ich nahm aus Interesse einen kleinen Schluck von dieser biochemischen Terrorwaffe, die sich gut in Schurkenstaaten verkaufen würde und sehe jetzt genüsslich dabei zu, wie er sein Gesicht dazu verzieht, während er die Plörre runterwürgt.

Unser Bier neigt sich dem Ende zu und kurz nach Mitternacht machen wir uns auf den Heimweg. Also denke ich zumindest ... Am Ostkreuz kommt es zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit, sodass Tobi und Vincent weiter um die Häuser ziehen, ich mich aber mit der S-Bahn nach Hause bewege. Ich steige in Neukölln aus, möchte zur U-Bahn wechseln, hoffe, mit der U7 zum Hermannplatz zu gelangen. Doch der Zug ist abgefahren. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Allein nach Mitternacht durch Neukölln. Einem Bezirk, der in den 2000ern durch Begriffe wie „Multikulti ist gescheitert“ oder „Rütli-Schule“ zweifelhaften Ruhm erlangt hat. Und dennoch fühle ich mich recht sicher, als ich auf der Karl-Marx-Straße knapp die drei Kilometer zur Unterkunft marschiere.

Erschöpft falle ich in die Federn und gut sieben Stunden später weckt mich Kindergeschrei auf. Unweit von unserem Hostel ist tatsächlich ein Kindergarten. „Da willste mal nix mit deinem Beruf zu tun haben und doch holt dich die Arbeit wieder ein“, denke ich mir und möchte mich duschen. Ich stehe nur mit Unterhose bekleidet im Zimmer, höre ich das Türschloss und unser Mitbewohner in Begleitung einer Blondine verschwindet mit ihr im Bad.

Tag acht: In Berlin

Angekratzt davon, dass ich aus dem Konzept gebracht wurde, gehe ich erst einmal zum frühstücken. Im sechsten Stock oben nehme ich bei tollem Blick über die Stadt Energie in Form von trockenen Schrippen (berlinerisch für „Semmeln“) und schwarzem Kaffee zu mir. Zurück im Zimmer treiben die beiden immer noch Schabernack.

Und so sitze ich nun seit Stunden wieder am Laptop. Der Strolch ist irgendwann wieder verschwunden, doch das fiel mir nur am Rande auf. Zu vertieft war ich in den Wander-Tipp, die Recherche, diesen Artikel und die Musik, als dass mich das irgendwie tangiert hätte.

Was heute ansteht, weiß ich nicht. Es ist schon wieder früher Nachmittag und die Museen werden wohl alle in den nächsten Stunden schließen. Also schaun wir mal, was sich ergibt!

In diesem Sinne: Bis morgen!

Musiktipp des Tages: Karl Ess von dem Mount Everest.

Schmalzgruber

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