„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag neun: Den Blaulichtern nach!

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Derzeit machen die Jungs Berlin unsicher.

27. August: Der Tag ist grau, die Stimmung lethargisch. Tobi kommt erst irgendwann zwischen 7 und 8 in der Früh heim und ist dementsprechend entschärft. Ich bin auch nicht sonderlich motiviert, durch die Stadt zu streunen. Deshalb besteht unsere Tagesgestaltung aus genau zwei Dingen: Tobi schläft, ich schreibe. Irgendwann am Abend können wir uns doch noch dazu aufraffen, etwas zu tun.

Ein Döner später steht unsere weitere Planung fest: Tobi trifft sich wieder mit Sabrina, ich habe auch ein Treffen ausgemacht. Ich gammle im Zimmer, mache mich schick, fahre Richtung Ostbahnhof....und werde von betreffender Person versetzt.. „Improvise. Adapt. Overcome.“ lautet mein Credo, beziehungsweise „aus der Not eine Tugend machen.“ So steige ich in der Nähe des Alexanderplatzes aus.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Mittlerweile ist es schon wieder dunkel geworden. Ich komme an einer zerbombten Kirche vorbei, in der auch Turnvater Jahn lehrte. Nächstes Ziel ist das Rote Rathaus, Sitz des Regierenden Bürgermeisters und des Senats von Berlin. Habe ich mich immer gefragt, was an dem Rathaus so besonders sein soll, so bin ich vom Detailreichtum der Fassade fasziniert, als ich dorthin gelange:

Nicht nur Ornamente zieren die unzähligen Bögen des in den Jahren 1861 bis 1869 errichteten Gebäudes, sondern auch viele Friesen, die die verschiedenen Berufsstände repräsentieren. Nicht recht viel später ist der „Alex“ erreicht. Ehrfürchtig schaue ich auf den Fernsehturm, der nicht nur das höchste Gebäude der Stadt ist, sondern ganz Deutschlands.

Auch wenn es schon nach 21 Uhr ist, tummeln sich hier noch viele Menschen. Ich rieche den altbekannten Geruch von Rauschgift. Eine Polizeistreife nähert sich. Und fährt vorbei. So etwas wäre in München nicht passiert. Da wären längst schon zwei Zivilstreifen und drei Polizisten beim Delinquenten und hätten ihm sehr klar deutlich gemacht, dass Cannabis kein Brokkoli ist und ihn mitunter auf die Wache mitgenommen.

Kurz darauf höre ich einen Knall. Ein oder zwei Minuten später rasen mehrere Polizeiautos in Richtung des Knalles. Ich als neugieriger Journalist sondiere auch, was los sein könnte. Nachdem ich ein paar Minuten später allerdings ein paar Polizeiautos wieder zurückfahren sehe, beschließe ich, wieder in Richtung Alex zu gehen. Dieser wurde übrigens nach dem russischen Zaren Alexander I. Benannt, der von 1777 bis 1825 lebte.

Außerdem schuf Alfred Döblin im Jahre 1929 mit „Berlin Alexanderplatz“ eines der Hauptwerke der deutschen Moderne, das 1931, 1980 und 2020 unter anderem von Rainer Werner Fassbinder verfilmt wurde. Ein Ding habe ich ja noch nicht gesehen und zwar die Weltzeituhr. Diese ist eine der beliebtesten Treffpunkte am viertmeistfrequentierten Platz Europas (Stand: 2009).

Ich mache mich nach Westen auf. Ich überquere die Spree, gehe über die Museumsinsel und plötzlich bin ich am Auswärtigen Amt. Hier dasselbe Szenario: Cannabisgeruch, Polizisten gehen direkt am „Giftler“ vorbei, machen aber keine Anstalten, ihn als Kriminellen zu behandeln. Und das in unmittelbarer Nähe von einer Regierungsbehörde. Mittlerweile bin ich am Gendarmenmarkt angekommen.

Das klassizistische Schauspielhaus wird vom barocken Deutschen Dom links und dem Französischen rechts flankiert. Dabei fällt mir ein kleines Schmankerl auf: Während der Deutsche Dom von außen bestrahlt wird, tut es der Französische von innen. Ich bin grade beim fotografieren, bemerke ich mehrere Blaulichter. Erneut von Neugier gepackt, mache ich in Richtung der Sondersignale auf. Ich sehe es blinken und denke mir „Weit kann es ja nicht mehr sein!“

Und tatsächlich, eine Ecke später werde ich fündig. Doch es ist nicht, wie ich gedacht habe, ein routinemäßiger Einsatz. Es ist eine Polizeieskorte, die gerade eine wichtige Person aus dem „Hotel de Rome“ abholt. Ich nähere mich den Polizisten und möchte erklären, dass ich Journalist bin, doch werde ich von einer Ordnungshüterin jäh unterbrochen und es wird mir in freundlichem, aber bestimmten Ton erklärt, dass ich hier nichts zu suchen hätte.

Auf meine Frage, wer abgeholt wird, wird geantwortet, dass es eine „Schutzperson“ sei. Um keine unnötigen Spannungen zu provozieren, entfernte ich mich schnell vom Platz. Als ich am nächsten Tag durch die Sozialen Medien scrolle, erfahre ich, dass momentan die 27 Außenminister der EU wegen des informellen Gymnich-Treffens in der Stadt sind. Also wird diese „Schutzperson“ wohl einer dieser Staatsdiener gewesen sein...

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tage vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Tag sieben: Kreuzberg Nights

Tag acht: Fünf Heteros in der Schwulenbar

Ich gehe weiter in Richtung Westen. Und schon wieder sehe ich Blaulicht. Diesmal von der Feuerwehr. Und wieder packt mich die Neugier. Ich höre einen Trennschleifer. Aus circa 50 Metern sehe ich, dass ein Auto gegen eine Laterne gedonnert ist. Auch hier verkneife ich es mir, Fotos zu machen. Schließlich möchte ich es so spät des Abends vermeiden, zu erklären, dass ich kein Gaffer bin.

Also bin ich weiter unterwegs zur letzten Station meines nächtlichen Sightseeings, dem Checkpoint Charlie. Gut eineinhalb Kilometer später ist er erreicht. Es ist mittlerweile halb zwölf, es sind nur noch wenige Leute unterwegs.

Man mag sich kaum vorstellen, dass hier tagsüber der Bär steppt. Nach kurzer Inspektion des Kontrollpostens an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze tauche ich wieder in die U-Bahn ab. Ich habe mich mit Tobi noch auf ein Bierchen am Landwehrkanal verabredet. Hier ist noch einiges los, viele Leute säumen das Ufer. So viel, dass wir entscheiden, nach kurzer Zeit wieder aufzubrechen.

Auf dem Weg fällt Tobi ein, Sketche von Gerhard Polt nachzuspielen. Ich kann mich vor Lachen kaum einkriegen!

Doch Lachen macht auch hungrig und so kehren wir um kurz nach 1 Uhr noch beim „Big Selo Burger“ ein. Der ist wie McDonalds, nur billiger, besser und türkischer. Ein Halloumiburgermenü mit raffinierter Mandarinenlimo später und wir rollen weiter in Richtung Hostel. Glücklich und satt fallen wir in die Federn.

Die zerbombte Franziskaner-Klosterkirche: Ein Mahnmal für den Frieden

Am nächsten Tag lernen wir Herrn Schabernack besser kennen. Hugo heißt er und ist ein Brasilianer mit portugiesischer Staatsbürgerschaft, der seit einiger Zeit in Rotterdam wohnt und arbeitet. Wehmut ist dabei, als er erzählt, dass er in den nächsten Stunden wieder zurück in die Heimat fahren wird. Einer von vielen, der sein Herz in Berlin verloren hat...

Wir checken kurze Zeit später aus und machen uns auf den Weg zur „Stayery“, unsere nächste Bleibe. Da Nora hier arbeitet, bekommen wir Freundschaftsrabatt. Und der fällt üppig aus: Anstatt knapp 100 Euro pro Nacht zu berappen, zahlen wir zusammen 50. Und die Unterkunft ist wirklich sehr feudal: Wir haben quasi eine eigene Wohnung mitten in Friedrichshain mit Bad und Küche. Und dazu stehen zwei Limos und zwei Twix-Riegel im Zimmer parat, als wir es beziehen. Very, very nice!

Wir entschließen, noch ein bisschen zu ruhen, doch gleich geht es wieder in die Stadt: Wir wollen mit Michi und seiner Schwester eine virtuelle Zeitreise unternehmen. Wir sind gespannt!

Musiktipp des Tages: Benny Goodman – Sing Sing Sing.

Schmalzgruber

Rubriklistenbild: © Schmalzgruber

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