„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Schmalzgruber reisebericht aus Berlin
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In Berlin ticken die Uhren anders.

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Heute erkunden die Jungs Berlin.

Wir schreiben den 24. August. Eine rauschende Siegesfeier liegt hinter, mehrere Tage Berlin vor uns. Es ist irgendwann zwischen 14 und 15 Uhr, als wir uns endlich mal aus dem Bett bewegen. Was heute ansteht, wissen wir noch nicht so. Wir erkunden erst einmal die nähere Gegend. An „Spätis“ und Restaurants aller möglichen Küchen vorbei erledigen wir unsere Einkäufe im Supermarkt, der von Montag bis Samstag von 6 Uhr bis 23.30 Uhr geöffnet hat – Zeiten, in denen die heimischen Bürgersteige schon längst hochgeklappt sind.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Kurz nachdem wir vom Viktualienkauf zurückgekehrt sind geht es schon wieder weiter. Und zwar in Richtung Innenstadt. Eine gute Dreiviertelstunde sind wir mit der U-Bahn von Charlottenburg bis Kreuzberg unterwegs. Als wir am Hermannplatz ans Tageslicht gelangen, stehen wir plötzlich im pulsierenden Herz der knapp 3,7 Millionen Einwohner zählenden Metropole: Autogehupe, Tatütata und Blaulicht, Obdachlose, Hipster, Anzugträger, bunte Kanaris, graue Mäuse und vieles mehr.

Dazu ein kalter Wind, der als Vorbote des Herbstes durch die Stadt zieht. Ich brauche erst einmal ein paar Minuten, um mich zu sammeln und zurechtzufinden. So viele Leute auf einem Fleck!

Nach etwas Warterei treffen wir vier Mädels, die gestern auch schon dabei waren: Eva, eine quirlige und quicklebendige junge Frau aus Münster und ihre beste Freundin Clara, eine stille und ruhige Zeitgenossin.

Volleyball in the City

Dazu die beobachtungsfreudige und sportliche Marburgerin Sabrina und ihre tendenziell ebenso ruhige Schwester Malina. Zusammen machen wir uns auf in Richtung Volkspark Hasenheide. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind uns heute irgendwie egal, denn selbst ein kurzer, kräftiger Regenschauer kann uns nicht davon abhalten, stundenlang Volleyball zu spielen. Es ist eine kollektive Gaudi, deswegen fällt der (vorübergehende) Abschied umso schwerer.

Vom Hermannplatz geht es für Tobi und mich wieder eine Dreiviertelstunde zurück nach Charlottenburg, einen vergleichsweise ruhigen Stadtteil. Dort warten schon Miriam und Tobi auf uns, das Curry köchelt im Wok vor sich hin und dessen würziger Odeur macht schon Vorfreude auf die kommende Mahlzeit. Da ich den ganzen Tag über kaum was gegessen habe, esse ich Teller für Teller, doch das Curry mag nicht weniger werden.

Selbst nach der Mahlzeit ist der Wok noch halb voll. Für unsere kommende Unternehmung wechsle ich die Kleidung: Habe ich doch extra für eine von drei Schönramer-Kneipen meine Lederhosn mitgenommen. Als wir durch die Straßen gehen und in den Zügen fahren, ernte ich manchmal etwas irritierte Blicke.

In bayerischer Tracht durch die Hauptstadt

Bayerische Tracht sieht man in Preußen in Vergleich zu anderen Sachen tatsächlich selten. Eine gute Stunde Fahrt durch Berlin später sind wir endlich im Stadtteil Friedrichshain angekommen. Ein Stadtteil, dessen Gesicht sich dank Gentrifizierung in den letzten zehn Jahren stark verändert hat.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tage vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

So konnte man davor teilweise für 100, 120 Euro monatlich dort leben, haben sich die Mieten mittlerweile verdrei- bis verfünffacht. Mittlerweile wohnt kaum noch ein Mitglied der indigenen Bevölkerung hier. Aber den hohen Mieten zum Trotz ist Anderl, der Wirt, bereits seit 2007 hier ansässig und zapft seither kühles Schönramer Bier für durstige Kehlen.

Der gebürtige Tittmoninger ist nicht der einzige, der hier Bairisch spricht: Auch unser Freund Michi ist in Begleitung seiner Freundin Nora aus Krefeld anwesend. Michi, ein gebürtiger Traunreuter, hat es im Zuge der studentischen Diaspora eigentlich nach Aachen verschlagen. Für ein Praktikum zog er allerdings nach Berlin, wo er mit ein paar Gesellen zusammenwohnt, die etwas sehr etepetete sind.

Mit Nora verstehen wir uns allerdings auch super. Ich behaupte, dass das daran liegt, dass sie ein ENFP ist. Die Abkürzung noch nie gehört? Dann kläre ich auf: Es ist ein Teil des (wissenschaftlich umstrittenen) Myers-Briggs-Typenindikators (MBTI), der insgesamt 16 Persönlichkeitstypen bestimmt. Bei diesen 16 Typen gibt es wiederum vier Gruppen, von denen einer die Diplomaten sind. Sowohl Tobi (ENFP), Nora (ENFP) und ich (INFP) gehören dazu als auch Eva (ENFJ) und Clara (INFP), denen ich den Test ein paar Stunden zuvor empfohlen habe. Nur Michi fällt als „Architekt“ (INTJ) aus der Gruppe der Analysten ein wenig aus dem Raster.

Im Berliner Nachtleben

Der Abend schreitet fort und nach einem längeren Plausch zwischen Tobi und Anderl stellt er uns eine eiskalte Goaßmaß hin! Eine Goaßmaß mitten in Berlin, geil! Dazu legt er Hans Söllner auf und lautstark trällern wir vier zu „Edeltraut“ und Co., sodass es halb Friedrichshain hört. Im Gegensatz zu Piding ist in Berlin das grüne Kraut allerdings schon sowas wie legal. Egal, wann und wo wir durch Berlin laufen, immer wieder vernehmen wir den Geruch dieser Pflanze, sehen Leute mit verdächtig langen Zigaretten und keinen stört es. Nicht einmal die Polizei.

Die hat in einem Kampf, den sie nicht gewinnen kann, schon längst kapituliert. Mengen unter zehn Gramm zählen hier zum Eigenbedarf und werden strafrechtlich nicht verfolgt.

Auch auf unserem Heimweg werden wir öfters mit dem Komplex Drogen konfrontiert: Einerseits kommt uns immer wieder der altbekannte Geruch unter. Andererseits Spritzen und Leute, die vom Drogenkonsum zerfressen sind. Und Gewalt. Es ist kein Geheimnis, dass mit dem Einzug der Drogen in den frühen 80er-Jahren auch die Gewalt auf ein neues Level gehoben wurde: Aus Schlägereien und kleineren Scharmützeln wurden Morde, weil jeder das größtmögliche Stück vom Kuchen haben wollte und will.

Mit diesem Plädoyer schließe ich für heute. Gleich geht es wieder in Richtung Kreuzberg. Wieder werden wir uns mit Eva, Clara, Sabrina und Malina treffen. Einmal noch den Spirit der Stadt fühlen, bevor es zumindest für Eva und Clara wieder in die Heimat geht. Seien wir gespannt, wohin es uns heute verschlägt!

Musiktipp des Tages: Hans Söllner und Bayaman Sissdem: Edeltraut

Schmalzgruber

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