„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag sieben: Kreuzberg Nights

Simon Schmalzgruber in Berlin
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Simon Schmalzgruber in Berlin.

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. In Kreuzberg erleben die Jungs den Schreck ihres Lebens.

26. August, kurz vor Mittag. Wir sitzen in der Lobby des luxuriösen, aber dennoch günstigen Grand Hostels an der Sonnenallee. Genau, die mit dem Film. „I hob einen Mogn beinand...“ meldet sich wieder der niederbayerische Motocrossfahrer in meinem Kopf. In der Tat muss ich noch verdauen. Doch was war geschehen? Wir spulen die Zeit zurück.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Es ist früher Abend. Nach einer längeren U-Bahnfahrt landen wir irgendwo in Kreuzberg. Allerdings nicht an der Station, an der wir aussteigen wollten. Die elektronische Anzeige in der U-Bahn hat die Halte verzögert angezeigt. Egal ob Deutsche Bahn oder BVG, beide können sich offensichtlich mit Verspätungen profilieren. Also geht es erst einmal wieder an die Oberfläche. Verkehr, Autos, Gehupe.

Aus mittlerer Entfernung hört man lautes, aggressives Geschreie, das wohl an einen anderen Verkehrsteilnehmer gerichtet ist. Nach einer gro��en Runde um den belebten Mehringdamm finden wir endlich unsere Bushaltestelle, die uns zu den Mädels bringt. Eine Viertelstunde im Hauptstadtverkehr später sind wir fast da. Nur ein paar Meter noch und wir befinden uns in einem Wohnsilo, wo sich Sabrina und Malina für ihre Zeit in Berlin eine Airbnb-Wohnung gemietet haben.

Nachdem ich mit Eva und Malina noch einmal kurz beim Viktualienkauf war, wird auch schon aufgekocht. Spaghetti alla Napoletana gibt’s.

Nach dem Schmaus werden die Gesellschaftsspiele ausgepackt. Wir widmen uns zuerst Stadt-Land-Fluss. Später wechseln wir zu „Set!“, einem Kartenspiel, das schnelles Zuordnen und eine gute Gehirnleistung voraussetzt. Gar nicht so einfach, wenn man die letzten Tage verhältnismäßig wenig Schlaf erwischt hat.

Gegen die flinke Eva habe ich nicht den Hauch einer Chance. Ein paar Runden mit krachenden Niederlagen meinerseits später wechseln wir in entspannte Konversationen. Auch wenn wir uns allesamt super verstehen und viel zusammen lachen, bemerke ich hin und wieder Unterschiede zwischen meiner Generation Y und ihrer Generation Z.

Ich, Baujahr 1995, werde zum Beispiel nie verstehen, warum beispielsweise die App TikTok bei den ab 1997 Geborenen so hoch im Kurs ist. Ich finde so manch einen TikTok, der auf YouTube landet, zwar auch unterhaltsam, doch man sollte sich immer vor Augen halten, dass diese App aus einem Staat kommt, den ich für politisch schwer fragwürdig halte.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tage vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Zurück nach Kreuzberg. Es ist mittlerweile fast Mitternacht, Sabrina hat morgen eine wichtige Telefonkonferenz und möchte verständlicherweise fit sein. So machen wir uns auf, um die nähere Gegend zu erkunden. Wir sehen auf der Karte, dass der berüchtigte Görlitzer Park (im Volksmund „Görli“ genannt) in der Nähe ist.

Von Abenteuerlust gepackt erreichen wir nach ein paar Minuten Fußmarsch das nicht minder verruchte und verrufene Kottbusser Tor. Ein paar Schritte später und wir werden von einem lächelnden Fremden angequatscht: „Gras, Koka, Ex?“ So offen wird in Berlin also gedealt. In einer Selbstverständlichkeit erklärt er uns, wie toll es doch jetzt wäre, sich etwas reinzupfeifen.

Wie auf dem Basar erklärt er uns, wenn wir so und so viel nehmen, zahlen wir den und den Preis. Als wir ihm klarmachen wollen, dass wir keinen Bedarf hätten, schlägt seine Stimmung schlagartig ins Aggressive um. Er beginnt, uns zu bedrohen und möchte uns Angst einflößen..

„Okay, dann kriegst du nix, aber ich will dafür dein ganzes Geld!“ Ich sehe seine Hand in die linke Hosentasche wandern. Ich gehe mal nicht davon aus, dass er gleich in aller Öffentlichkeit onanieren möchte. Eher, dass er etwas in der Hosentasche hat, das ziemlich Aua macht.

„Ich kann gerne die Polizei rufen und dich anzeigen, wenn du willst“, sage ich zu ihm und beschleunige meinen Schritt zurück in Richtung Menschen und U-Bahnhof. Jetzt drehe ich doch ein bisschen an der Eskalationsschraube. Nicht, dass ich mich drauf verlassen kann, dass die Beamten nach Mitternacht in Windeseile am „Kotti“ zur Stelle sein werden, aber es scheint Wirkung zu zeigen.

Nachdem er ein paar Beleidigungen vor sich hinmurmelt, lässt er von uns ab. In schnellem Schritt verschwinden wir wieder unter die Erde. Die Lust auf „Görli“ ist uns jetzt gehörig vergangen. Dort wäre es uns aber wahrscheinlich ähnlich ergangen.

Noch nie in meinem Leben wurde ich mit einer derartigen Situation konfrontiert und so bin ich erst einmal paralysiert und muss mich sammeln. Es waren vielleicht zwei oder drei Minuten und dennoch merke ich jetzt schon, dass sich das Erlebnis wohl in mein Gedächtnis einbrennen wird.

Zurück in Charlottenburg setzen wir uns noch auf ein letztes Bier in einem kleinen Park zusammen. Die Bürgersteige sind längst hochgeklappt, bis auf uns befindet sich niemand im Umkreis von 100 Metern.

Plötzlich schleicht ein Schatten vorbei. Er bleibt unweit von uns stehen. Wartet eine halbe Minute. Noch eine. Eine ganze Minute. Das Erlebnis von vorher noch längst nicht verdaut, schießt unser Puls in di Höhe. Die Stimmung ist angespannt. Plötzlich säuselt eine Stimme ganz leise und zittrig: „Habt ihr etwa Kleingeld für mich?“ Ein Stadtstreicher! Die Anspannung fällt schnell. Nachdem wir ihm einen Euro und zwei Zigaretten gegeben haben, zieht er wieder von dannen.

Nicht recht viel später machen wir uns auch wieder auf zu unserer Unterkunft. Erschöpft fallen wir in die Betten.. Und so sitzen wir nun schon seit über drei Stunden in der Lobby und warten darauf, dass unser Zimmer bezugsfertig ist. Nach einem kleineren Nickerchen auf dem Canapé gab's eine belebende Portion Pommes und eine Dose Spezi Energy. Heute ist ein grauer, verregneter Tag.

Bei der Hitze der letzten Tage freu ich mich irgendwie ein wenig darüber. Passend zum heutigen Wetter soll's später noch mit Michi und seiner Schwester, die seit heute in der Stadt ist, ins Stasi-Museum gehen. Ich bin sehr gespannt, noch mehr und noch direkter zu erfahren, wie der Unterdrückungsstaat DDR mit Bürgern umgegangen ist, die weniger Lust auf Misswirtschaft und personelle Gleichschaltung hatten. Und ich werde noch froher sein, in einem demokratischen Deutschland leben zu dürfen, in dem ich hier diese Zeilen tippen darf, ohne dass man mich dafür einsperrt.

In diesem Sinne: See you later, Aligator!

Schmalzgruber

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