„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag zehn: Im Rausch der Raver

Nachtleben in Berlin
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Nachtleben in Berlin

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Derzeit machen die Jungs Berlin unsicher.

28. August: Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, wir wollten ja mit Michi und seiner Schwester eine virtuelle Zeitreise machen. Also auf zum Checkpoint Charlie, in dessen Nähe die „TimeRide“ liegt. Unsere Vorführung beginnt um 15 Uhr, so bleibt mir noch ein wenig Zeit, ein paar von Schorschs Freunden zu inspizieren.

Wie es Schorsch wohl grad gehen mag, so ganz allein draußen in Charlottenburg? Ich hoffe mal nicht, dass seine Felgen oder was anderes gezockt wurden und ebenso hoffe ich, dass das mit der Kupplung nur ne kleine Verstimmung war..

Auf einmal vernehme ich lautes Knattern: Sehen wir doch tatsächlich mehrere Trabis direkt an uns vorbeigurken. Angesichts des Rauchs fällt mir wieder ein Witz ein, welchen ich den anderen gleich erzähle: „Welches Auto ist das längste der Welt? Der Trabi, wenn man die Rauchfahne mitzählt!“ Ja, wir Trabantfahrer sind schon ein komisches Völkchen. Aber eine gewisse Selbstironie darf eben nicht fehlen, wenn man sich freiwillig für so ein Vehikel entscheidet.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Es ist 15 Uhr: Unsere Vorführung beginnt. Nach einer kurzen Vorstellung, wie das Leben in Berlin-Ost und Berlin-West war, bekommen wir die Möglichkeit, die Geschichten von drei Menschen zu hören, von denen einer gleich unser Tourführer in der virtuellen Zeitreise sein wird: Einem Freigeist aus Ost-Berlin, der eins zu eins der Lebensgefährte meiner Mutter hätte sein können, einer linientreuen Architektin aus der DDR und einem Punk und Grenzgänger aus West-Berlin.

Ich entscheide mich für ersteren, da ich noch viel zu selten der „Berliner Schnauze“, also dem hiesigen Dialekt, gelauscht habe. Wir setzen unsere VR-Brille auf und nach kurzer Einweisung werden wir in das Berlin der 80er-Jahre katapultiert. Aus den postmodernen Bauten am Checkpoint Charlie und woanders wird sozialistische Einheitsplatte, aus Vespas und Stadtgeländewagen werden Schwalben, Trabis und Wartburgs. „Dit is ne piekfeine Jejend jewesn!“, erklärt uns Tourführer Harry, als wir in die Leipziger Straße einbiegen. Immer wieder werden wir aufgehalten und müssen unsere Route ändern.

Dabei kommen wir beispielsweise an Stasi-Observationsposten, politischen Veranstaltungen oder Demonstrationen, die von der Polizei aufgelöst werden, vorbei. Letztlich halten wir an „Erichs Lampenladen“, der einheimischen Bezeichnung für den „Palast der Republik“, der mittlerweile dem Erdboden gleichgemacht wurde. Dies ist auch unser letzter Stopp, dann endet unsere Tour mit Bildern vom Mauerfall. Es wird emotional und ich muss mich schon sehr zurückhalten, „keen Pipi in den Oogn“ zu kriegen.

Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, als diese Narbe, die diese Stadt über 28 Jahre entzweit hat, endlich wieder überwunden werden konnte. Was muss das für ein Gefühl für die DDR-Bürger gewesen sein, endlich zu sehen, was Freiheit bedeutet und nicht jeden Tag zu fürchten, irgendwann von der Stasi abgeholt zu werden...

Nach der eindrucksvollen und sehr zu empfehlenden Zeitreise sind wir wieder in der Gegenwart. Wir beschließen erst einmal, surprise surprise, einen Happen Essen zu gehen. Nicht weit weg von der „Mall of Berlin“ setzen wir uns an ein Restaurant. Die Preise sind mit 4,40 schon gehoben, aber dafür bekommt man auch einen sehr frischen Döner, der in meinem Fall ausnahmsweise mit Falafel statt Halloumi gefüllt war.

Nach dem Mahl machen wir uns erst einmal zum Bundesrat auf, kurzer Fotostopp, dann wollen wir eigentlich weiter in Richtung Reichstag. Doch ich entdecke eine Box mit Technomusik. Ich kann es mir nicht nehmen lassen, ein bisschen das Tanzbein zu schwingen. Allein und mit Mundschutz bekleidet, springe ich wie eine Hupfdohle durch den Raum. Wie sehr es mir doch abgeht, das Raven!

Auf unserem Weiterweg zum Regierungsviertel kommen wir zum Gelände des ehemaligen „Führerbunkers“, in dem Adolf Hitler und Eva Braun am 30. April 1945 Selbstmord begingen. Bis auf eine Parkfläche und eine Infotafel steht hier allerdings nichts mehr. Nächste Station ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Oft habe ich es auf Sozialen Netzwerken schon gesehen, wie zwischen den Stelen herumgeklettert wird oder man sich anderweitig fürs Foto verrenkt.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen
Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los
Tag drei: Ostdeutschland!
Tage vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!
Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel
Tag sieben: Kreuzberg Nights
Tag acht: Fünf Heteros in der Schwulenbar

Tag neun: Den Blaulichtern nach!

Für mich ist das allerdings ein Ort der Andacht. Ich kann kaum nachempfinden, wie Familien durch die Shoah gelitten haben. Es ist ein bedrückender Schleier, der sich auf mich und mein Gemüt legt. Ein Ort mit einem ganz besonderen Flair. Nicht einmal 500 Meter weiter sind wir schon am Brandenburger Tor. Zahlreiche Menschen, ungefähr 1.500, haben sich dort versammelt. Das Millieu: Leute aus dem Dunstkreis, die sich in diesen Zeiten mit einem „Judenstern“ mit der Aufschrift „Ungeimpft“ schmücken. Was für eine Verhöhnung der Opfer das ist, einen systematischen Massenmord mit der freien Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, gleichzusetzen!

Ich mache ein paar Fotos von der Versammlung, prompt werde ich von einer Teilnehmerin angesprochen. Wer ich bin und was ich mache. „Ich bin von der Lügenpresse!“ Zugegebenermaßen, etwas frech ist diese Antwort schon. Doch frech finde ich auch die Ansicht, beispielsweise unser demokratisches Deutschland als Diktatur zu bezeichnen. Dennoch entwickelt sich eine respektvolle Diskussion mit der Demonstrantin. Und trotzdem manifestieren sich unsere unterschiedlichen Standpunkte. So unterstütze ich beispielsweise in keiner Weise die Aussage, wir Journalisten würden nur Angst verbreiten.

Deutschland rangiert im internationalen Vergleich in puncto Pressefreiheit momentan auf Platz 11. Das heißt, eine breite Vielfalt an Themen kann Einzug in die öffentliche Debatte finden, egal ob sie positiv oder negativ sind. Themen, die den Staat und dessen Vorgänge positiv oder negativ darstellen. Aus Erfahrung lässt sich allerdings sagen, dass die negativen Ereignisse ein größeres Echo erzeugen und dementsprechend präsenter in der Diskussionskultur sind.

Darum ist es also der Mensch selbst, der darüber entscheidet, ob er sich jetzt Angst machen lässt, oder lieber über positive Themen liest.

Froh bin ich, als die Dame von uns ablässt. Wir wenden uns dem Reichstag zu, auch hier findet eine kleine Kundgebung statt. Unter anderem kann ich den als „Volkslehrer“ bekannten Nikolai N. ausfindig machen. Ich war schon versucht, zur Frage ansetzen „Jetzt bin ich in den letzten drei Wochen zweimal geimpft worden und habe weder Autismus, noch fühle ich mich irgendwie fremdgesteuert. Was hat Bill Gates falsch gemacht?“, doch die Michi und Konsorten möchten weiter. Gut so. Am Bundeskanzleramt und Paul-Löbe-Haus vorbei endet unsere Tour durch die Stadt bereits.

Wir trennen uns erst einmal, später des Abends treffen wir wieder zusammen und machen Wraps. Endlich mal wieder was Selbstgemachtes! Ein leckeres Mahl später machen wir uns wieder in die Stadt auf und treffen neben Nora Miriam, Marc und Meike, drei von Noras Freunden aus Krefeld. Ich bestell mir ein Bier, nehm es in die rechte Hand, trinke, „BUFFALO!“ Der Sack! Hat er mich schon wieder erwischt.

Also runter damit und nächstes Bier. Es geht gediegen weiter und kurz nach Mitternacht verabschieden wir uns voneinander. Tobi verschwindet in Richtung Sabrina, ich will mit Nora in Richtung Stayery aufbrechen. Doch sie wird von Sehnsucht gepackt und möchte ihren Michi sehen. Durchaus verständlich.

Also mach ich mich auf Schusters Rappen zu Tobi und Konsorten auf. 2,6 Kilometer allein durch die leeren Straßen. Zum Glück nicht der Kotti, wo man Gefahr läuft, jederzeit von einem Dealer wegen Nichtigkeiten abgestochen zu werden! Nach längerer Suche endlich angekommen, treffe ich auf Tobi, Sabrina, Linda und Laura. Der Abend ist fortgeschritten und allesamt lustig drauf. Es entwickeln sich sehr unterhaltsame Gespräche, vor allem mit Linda. Eineinhalb Stunden später wird es Zeit, aufzubrechen.

„Und los!“, meldet sich Laura, die vorher ziemlich still war und steht auf. Doch die Gespräche laufen weiter. „Und los!“, „Und los!“, „Und los!“, ungefähr ein Dutzend Mal wiederholt sich das Procedere. Ich muss aufpassen, zu so später Stunde nicht noch in schallendes Gelächter auszubrechen! Eine urkomische Situation. Wir verabschieden schlussendlich und machen uns zum nächsten Späti auf. Jeder nimmt ein Bier, kaum nehme ich den ersten Schluck, „BUFFALO!“ Du alte Canaille! Also leere ich die Flasche, muss gegen die Kälte und die Kohlensäure kämpfen und hole mir noch eins.

„Und los!“ erklingt Lauras Stimme wieder in meinem Kopf auf zaubert mir ein Schmunzeln auf. Nicht mehr ganz schnurgeradem Schrittes geht es in Richtung Stayery. Als wir von West-Berlin in den Osten wechseln, werden wir auf einen kleinen Rave, bestehend aus ungefähr zehn Leuten, aufmerksam. Wir lassen es uns nicht nehmen, ein bisserl aufzutanzen. Ich bedanke mich beim DJ, so etwas aufgestellt zu haben und wir ziehen weiter.

Wir kommen an einem alternativen Viertel mit einigen Kulturlokalen vorbei. Wir gehen in den „Weissen Hasen“, einen Technoschuppen. Ich nehme die Vibes der Livemusik sofort auf und schon wieder juckt es mich, wild über die Tanzfläche zu hoppeln. Doch tanzen ist hier verboten. Corona, du Sackgesicht! Was muss hier der Punk abgehen, wenn hier wieder alles erlaubt ist? Einen Drink später verlassen wir das Lokal wieder. Es ist mittlerweile halb fünf und selbst die belebtesten Ecken kommen zur Ruhe. Doch ein paar Geschäfte haben noch offen. Wie eine Kathedrale des Fressens leuchtet das Schild einer Dönerbude am Ende der Straße. Hungrig wie wir sind, schlagen wir dort auf. Die zwei Inhaber sind sichtlich gut drauf und zu Späßen aufgelegt. „Tiki Tiki?“ „Tik Tik!“ „Tik Tiki Tik!“ rufen sie abwechselnd.

„Tiki Taki! Tiki Tik Tak Tak!“, entgegne ich ihnen und wir alle können uns vor Lachen kaum halten. Nur Tobi fühlt sich ein bisschen wie ein Fremdkörper. Ein paar Minuten später ist der Halloumidöner fertig. Vor der Türe verputzen wir ihn und die freundlichen Türken machen auch Feierabend. Oder Feiermorgen, wie mans nimmt..

Ein bisschen Fußmarsch später sind wir wieder in der „Stayery“. Schlaftrunken kuscheln wir uns unter die Decke. Und schlafen ewig. Ich bis 11 Uhr, Tobi bis halb 2. Toll, Tag ist wieder im Arsch! Eigentlich wollte ich ja auf die Corona-Demo und in ein paar Museen, aber so sitze ich wieder hier und schreibe. Ich hoffe weiterhin, dass ich euch mit unseren Geschichten entertainen kann! Das Kapitel Berlin werden wir wohl am Montag beschließen. Eine Woche Hauptstadt sind irgendwann auch mal genug. Keine Ahnung, wohin es weiter gehen wird, aufgrund steigender Infektionszahlen in Deutschland und seinen Nachbarländern ist Vorsicht angebracht. Fürs Erste geht’s jetzt erstmal in den Treptower Park. Chillmodus also.

Darum, liebe Leser, bis bald!

Musiktipp des Tages: Phaxe & Morten Granau - Lost

Schmalzgruber

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