Zwei Wessis auf dem Weg durch den Osten

„Go Trabi Go reloaded“ - Tag 3: Ostdeutschland!

Trabi
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Mit dem Trabi durch Ostdeutschland!

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi.

Circa 12 Uhr ist es, als wir aus Bayreuth aufbrechen. Bye bye Komfort, hello ratternder und knatternder Zweitakter! Nach einem Abstecher zum Mediamarkt und zur Tanke (19,3 Liter auf 333 Kilometer, neuer Rekord!) geht es erst in Richtung Kulmbach, das wir nach 20 Kilometern erreichen. Majestätisch thront die Plassenburg über die Stadt, die sich besonders schön von der B289 zeigt. Bald biegen wir in eine weniger gut ausgebaute Straße und Schorsch kämpft sich tapfer das Fichtelgebirge hoch. Zwischen zweitem und drittem Gang, 30 und 40km/h sowie unerträglichem Lärm geht es zuerst durch Kupferberg - mit 1.060 Einwohnern eine der kleinsten Städte Deutschlands - , weiter nach Marktleugast, Münchberg, Konradsreuth, bis wir schließlich in Hof landen.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wandertipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Das letzte Bollwerk, bevor der bayerische Einflussbereich endgültig finito ist. Ein paar Kilometer später sind wir schon an der ehemaligen deutsch- deutschen Grenze beim Örtchen Ullitz. So grün wie es ist, kann man sich gar nicht vorstellen, dass hier bis vor 30 Jahren Leute mit aller Gewalt daran gehindert wurden, ihren Wunsch nach bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten zu erfüllen. Wie viele Menschen mussten sterben, wie viele Familien wurden zerrissen, wie viele Bürgerinnen und Bürger wurden inhaftiert, nur um den Anschein zu wahren, der Kommunismus sei unfehlbar und die beste Ideologie, die es gibt?

Nach einer Odyssee durchs sächsische Vogtland, die uns schon fast nach Tschechien führt – wir waren circa fünf Kilometer von der Grenze entfernt – irren wir erneut durch die rund 65.000 Einwohner zählende Stadt. Am Wegesrand fallen uns rechte Schmierereien, Werbeplakate und schließlich das Regionalbüro einer rechtsradikalen Kleinstpartei auf.

Unser Weiterweg führt uns zuerst unter die Elstertalbrücke, dann kurz ins thüringische Vogtland nach Greiz und zur Göltzschtalbrücke. Bei diesen Viadukten handelt es sich mit 68, beziehungsweise 78 Metern um die höchsten Ziegelsteinbrücken der Welt. Und das, obwohl sie bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurden! Nicht recht viel später nach der mächtigen, 574 Meter langen Brücke landen wir in der Großen Kreisstadt Reichenbach im Vogtland, mit 20.487 Einwohnern ziemlich genau so groß wie unsere Große Kreisstadt Traunstein.

Von dort ist es nur noch ein Katzensprung nach Zwickau, das wir über die B173 schnell erreichen. Ein großer Aufenthalt in der Stadt ist nicht geplant, aber eine Sache, eine Sache darf man sich als Trabantfahrer in dieser Stadt nicht entgehen lassen: Im Volkseigenen Betrieb (VEB) Sachsenring im Norden der Stadt wurden von 1957 bis 1991 insgesamt 3.096.099 Exemplare der Typen P 50, P 60, P 601 und 1.1 gebaut, was den „Trabi“ zum längstgebauten und mit am meisten produzierten Zweitakt-Automobil der Welt macht. Als wir das Gelände, das heute größtenteils vom August-Horch-Museum belegt wird, erreichen, ändert sich meine Stimmung. Aus dem im Straßenverkehr fluchenden und andere Verkehrsteilnehmer verhöhnenden Chauffeur wird ein ruhiger, fast schon melancholischer Mensch.

Andächtig schaue ich in Richtung der hellblauen Stangen mit dem eingelassenen Sachsenring-Emblem. „Hier bist du geboren worden, Schorsch“, säusele ich leise vor mir hin und klopfe leicht mit der Hand auf die Duroplast-Karosserie. Es sind nur wenige Minuten, in denen wir an diesem Platze weilen und dennoch kommt es vor, als wäre es eine halbe Ewigkeit. Als hätte dieser Ort eine ganz besondere magische Aura.

In der Nachmittagshitze geht es nun weiter in Richtung Crimmitschau, eine 18.350 Einwohner zählende Große Kreisstadt nordwestlich von Zwickau. Was es wohl hier zu sehen gibt? Nicht viel, denn in der als „Stadt der 100 Schornsteine“ bekannt gewordenen Ansiedlung sind nur noch wenige übrig geblieben. Es existiert noch eine Tuchfabrik, aber auch das ist für mich wenig relevant. Nein, der wahre Grund für meinen Besuch ist, dass hier das Kunsteisstadion im Sahnpark, Heimat der Eispiraten Crimmitschau, steht. Manch einem Fan der Rosenheimer Starbulls wird dieser Name noch schmerzhafte Erinnerungen hervorrufen: Waren es am 11.04.2017 genau diese Eispiraten, die mit einem 2:1 das sechste Spiel der Playdown-Serie gewannen und somit Rosenheim in die Oberliga schossen, wo sie bis heute ihr Dasein fristen.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag 2: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Manch einer wird sich nun fragen, wie kommt ein Biobayer zu einem sächsischen Provinzclub? Es muss irgendwann in meinem 11. oder 12. Lebensjahr gewesen sein, als mich mein Vater und seine Lebensgefährtin auf ein Auswärtsspiel mitnahmen. Ich kannte Eishockey vorher nur aus Erwähnungen am Rande von Radioberichten oder im Fernsehen, doch kaum war das Spiel eröffnet, war ich gefesselt.

Diese Mischung aus Schnelligkeit, Physikalität, Kampfgeist und Support hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Vor allem der Support. Egal, wie das Team spielt, egal, wo das Team steht, egal ob 30 oder 200 Fans im Gästeblock stehen, jeder ist mit voller Kehle dabei. Gut in Erinnerung sind mir ein legendäres 2:1 beim EHC München nach einem hochdramatischen Penaltyschießen, wo die „Marko Suvelo“-Lobeschöre nicht mehr abreißen wollten. Mit dem Gefühl von Euphorie, zwei Punkte aus der bayerischen Landeshauptstadt entführt zu haben, ging es in die nächsten Spiele. Letztlich landete der Verein in den Playdowns, wo der ETC scheinbar eine Stammmitgliedschaft hat.

Das zweite Spiel, das noch sehr positive Erinnerungen in mir hervorruft, war im Jahre 2012 ein 5:1 in Rosenheim. Wurden wir Auswärtsfans vor dem Spiel noch neckisch gefragt „wo liegt eigentlich Grimiidschauu?“, so wurden die Mienen der Heimfans mit jedem Tor länger und länger. Mit tatkräftiger Unterstützung aus der besten Eishockeyliga der Welt, der National Hockey League (NHL), in Form von Chris Stewart (heute Philadelphia Flyers) und Wayne Simmonds (heute Buffalo Sabres) war es ein Fest für alle mitgereisten Fans. Ungefähr in der Mitte des ersten Drittels fingen rund 50 Anhänger zu feiern an und hörten seitdem nicht mehr zu singen auf. Weder in den Unterbrechungen, noch in den Drittelpausen, noch, als das Spiel längst vorbei war und die Trainer bereits die Pressekonferenz gaben.

Nach zweieinhalb Stunden „Unser Herz schlägt rot-weiß“ und Co. war selbst das robusteste Organ heisergekrächzt und siegesbesoffen ging es auf die nächsten Auswärtsspiele. Am Ende der Saison stand ein 9. Platz bei 13 teilnehmenden Mannschaften und, surprise surprise, mal keine Playdowns. Die Hannover Indians waren nämlich insolvent gegangen, sodass es nicht mehr nötig war, einen sportlichen Absteiger zu ermitteln.

So stehe ich nun da, vor dem 5.222 Plätze zählenden Sahnpark. Noch nie in meinem Leben war ich hier. Auch hier überkommt mich ein leichter Schauder von Ehrfurcht. Ich werde still, halte inne, da höre ich aus dem Inneren lautes Knallen und Schnalzen. Nach Rücksprache wird mir erlaubt, ins Innere zu gehen und was sehe ich da? Fast die gesamte Mannschaft beim Trainieren! Da das Eis schon aufgetragen ist, ist es hier herrlich kühl! Auch wenn ich Vereinsikone Patrick Pohl nicht erspähen kann, so ist es möglich, den Goalies Mark Arnsperger und Michael Bitzer zuzusehen, wie sie die Schüsse ihrer Vereinskameraden abwehren, oder wie der neue Coach Mario Richer Instruktionen an die Spieler erteilt.

Wie in vielen Vereinen gab es auch bei den Eispiraten einige personelle Veränderungen: So holte Richer auf seiner letzten Station beim HC Amiens Somme zweimal den French Cup und wurde zudem im Jahr 2018 zum Trainer des Jahres gekürt. Spieler wie Timo Gams oder Scott Timmins kamen wiederum aus Bad Tölz beziehungsweise Fehérvár AV19. Mal sehen, wie weit sie kommende Saison kommen. Ob wie vorletzte Saison wieder die Playoffs erreicht werden können oder ob man mal wieder gegen den Abstieg spielt.

Nach eingehender Betrachtung des Trainings setzten wir uns noch auf ein Bier ans Stadion. Am Nebentisch zwei tätowierte Glatzköpfe.

Unsere letzte Etappe führt uns wiederum zuerst nach Thüringen. An der Skatstadt Altenburg vorbei geht es an der B93 wieder zurück nach Sachsen. Borna heißt der nächste Ort, der nur noch 30 Kilometer vom Leipziger Zentrum entfernt ist. Die Straßen sind fast leer, im Westen verdunkeln bedrohliche Gewitterwolken den Himmel. Bei einer Marschgeschwindigkeit zwischen 90 und 110 Kilometer ist auch Leipzig, unser heutiges Ziel, gleich erreicht. Der südliche Stadtteil Connewitz zeigt sich dabei einladend ausladend.

Selten ein verwahrlosteres Viertel erlebt als dieses. An nahezu jedem Haus Schmierereien, Häuser, die Besetzer als ihr „Eigentum“ betrachten – sieht also so eine Welt aus, in der „Linksradikale“ das Sagen haben?

Nach einer gefühlten halben Ewigkeit landen wir schließlich beim Sleepy Lion Hostel an. Und wie es der Zufall will, bekommen wir sogar direkt vorm Hostel einen Parkplatz! Doch die Freude währt nur kurz: So werden werktags von 0-23 Uhr Parkgebühren verlangt, am Wochenende sogar durchgehend. Als wäre das nicht genug, beträgt die Höchstparkdauer drei Stunden. Auch am Wochenende. Zuerst habe ich kein Kleingeld übrig, die Bankkarte möchte der Automat auch nicht nehmen. Also checken wir erst einmal gemütlich im Hostel ein und lernen den 19-jährigen Marokkane Majd und den 27-jährigen Andi aus Datteln im Ruhrpott kennen.

Wir verstehen uns allesamt gut, sodass wir zusammen erst einmal eine Pizzeria ansteuern. Geschmacklich sind die Pizzen nicht so gut wie beim Türken in Bayreuth. Dafür aber riesengroß und mit 5,50 Euro auch spottbillig. Und satt macht sie auch.

So satt, dass ich mich wie eine Anakonda nach dem Mahl fühle und geschätzt eineinhalb Wochen brauche, um mich wieder bewegen zu können. Einem kurzen Ausflug zum Geldautomat und drei Flaschen Sternburg Bier später bin ich endgültig entschärft. Zu sehr liegen acht Stunden Fahrt und 300 Kilometer in den Knochen.

Die Nacht war grauenvoll: Temperaturen wie im Backofen, dazu ein permanentes Durstgefühl. Zum Glück ist die Rezeption dauerhaft besetzt, sodass ich auch um 2 Uhr drei 0,5 Liter Flaschen gekühltes Wasser (Preis: 1,80 Euro) erstehen kann. Irgendwann gelingt es mir dann doch noch, einzuschlafen. Am nächsten Morgen bin ich allerdings schon um 8 wieder auf den Beinen. Ich konnte einfach nicht mehr weiterschlafen. Halb schlaftrunken wandle ich nach unten, füttere den Gierschlund am Straßenrand mit den nächsten Münzen, komme zurück und sehe eine Dame an der Rezeption sich lautstark beschweren.

Der Grund ihres Ansinnens: Das „Tatütata“ sei zu laut. Gute Frau, Sie haben einen Unterkunftsplatz in der Innenstadt der mit 593.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Ostdeutschlands gebucht. Was erwarten Sie? Das Schweigen der Lämmer? Die Amerikaner haben schon eine Bezeichnung für einen derartigen Typ Mensch gefunden: „Karen“. Und diese „Karens“ scheinen sich mittlerweile auch ganz gut in unseren Breiten wohlzufühlen. Mal sehen, wann uns das nächste dieser Exemplare über den Weg läuft...

Fürs Erste steht heute Leipzig auf dem Plan. Mal sehen, was die Sachsenmetropole zu bieten hat. Morgen Abend wollen wir in Berlin sein. Zum Glück sind es nur mehr knapp 200 Kilometer dorthin. Mal sehen, was bis dahin passiert! Bis morgen!

Musiktipp des Tages: Gerhard Polt – PS Rock

Schmalzgruber

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