Manipulationsvorwürfe

„Statistikbetrug und Gefälligkeitsgutachten beim RKI“: Wie viel Wahrheit steckt hinter diesem Video?

Ein Video von „Klagemauer.tv“ sorgt seit mehreren Wochen für großes Aufsehen. Die fragwürdige Dokumentation soll „einen handfesten Statistikbetrug“ des Robert Koch-Instituts aufdecken. Vor allem dem RKI-Chef Lothar Wieler wird Manipulation und Intrige vorgeworfen.

„Die Akte Wieler: Verflechtungen und Enthüllungen“, so lautet der 15-minütige Clip, in welchem behauptet wird, dass Lothar Wieler als Präsident des Robert Koch-Instituts einen folgenschweren Statistikbetrug begeht. All seine Aussagen, Forderungen und Empfehlung würde er aus Gefälligkeit und Eigennutzen tätigen. Zudem heißt es, dass mRNA-Impfungen unverstanden, PCR-Test ungeeignet und die Corona-Todesfallzahlen manipuliert seien. Diese Thesen werden angeblich durch Aussagen des RKI-Präsidenten selbst gestützt. Doch was ist an diesen Vorwürfen dran?

Bevor die einzelnen Fakten beleuchtet werden, ist wichtig zu betonen, dass eine Vielzahl der Behauptungen im Video (mit knapp 2,5 Millionen Zugriffen) unbelegt, unangemessen verallgemeinert, verfälscht oder schlicht und ergreifend falsch sind. (Video finden Sie hier)

Behauptung: RKI hat mRNA-Impfstoffe nicht verstanden

Im Video heißt es, mRNA-Impfstoffe seien „überhaupt nicht“ verstanden und würden dennoch von Seiten des RKI und Wielers „in unverantwortlicher Weise“ als sicher bezeichnet (ab Minute 5:24). Als Beleg wird aus einem Phoenix-Interview mit Wieler von Mitte Oktober 2020 zitiert. Aus Wielers damaliger vorsichtiger Einschätzung zur Impfstoffentwicklung - „Wir gehen alle davon aus, dass im nächsten Jahr Impfstoffe zugelassen werden. Wir wissen nicht genau, wie die wirken, wie gut die wirken, was die bewirken, aber ich bin sehr optimistisch, dass es Impfstoffe gibt“ - lässt sich jedoch nicht ableiten, dass das RKI mRNA-Impfstoffe nicht verstanden hat. Auch wird nicht explizit auf mRNA-Impfstoffe eingegangen. Wielers Aussagen von damals beziehen sich rein auf das Gesamtthema Impfstoffe. Damals war noch nicht klar, welche Vakzine überhaupt bzw. wann zugelassen werden.

Behauptung: PCR-Testergebnisse werden gesammelt und fördern die Globalisierung

Wieler wird im Film - ohne genaueren Verweis auf die Quelle - mit den Worten zitiert: „Der entscheidende Punkt ist, dass wir so viele Menschen wie möglich mit PCR identifizieren.“ (ab Minute 6:08) Daraus wird abgeleitet, dass damit die Digitalisierung vorangetrieben werden soll. Das Zitat stammt aus der Bundespressekonferenz vom 22. Januar 2021. Wieler erklärt die Strategie, positiv Getestete zu isolieren.

Ein positiver Corona-Test wird allein in der Patientenakte eines Arztes vermerkt, der wiederum zu Verschwiegenheit verpflichtet ist. Nicht einmal die Krankenkassen in Deutschland dürfen die individuellen Gesundheitsdaten ihrer Versicherten sammeln.

Positive Testergebnisse, die Arztpraxen oder Labore den Gesundheitsämtern melden (müssen), werden dort anschließend anonymisiert. Das RKI, dass die Befunde deutschlandweit listet und analysiert, erreichen somit allein Fallzahlen, keine Namen oder weitere Angaben zu positiv Getesteten, die dann gespeichert werden könnten. Mit dem Begriff „Identifizieren“ ist als nicht gemeint, einzelne Menschen in irgendeiner Weise zu registrieren, sondern im übertragenen Sinne Infektionsketten zu durchbrechen.

Behauptung: Corona-Todeszahlen verfälscht

Weiter heißt es, dass die Corona-Todeszahlen des RKI „in keinster Weise“ die tatsächliche Sterblichkeit durch Covid-19 widerspiegeln (ab Minute 7:48) Das RKI veröffentlicht neben den Fallzahlen auch täglich Informationen darüber, wie viele Menschen an und mit dem Corona-Virus gestorben sind.

Insofern zählt auch ein im Endstadium an Krebs Erkrankter, der kurz vor dem Tod positiv getestet wurde, zu den „Corona-Toten“. In der Tat, räumt Marieke Degen vom RKI gegenüber der dpa ein, sei es bisweilen schwer zu entscheiden, ob Sars-CoV-2 ursächlich für den Tod war. Bloß: „Würde man nur streng „verstorben an“ erfassen, liefe man Gefahr, die Todesfälle unter zu erfassen.“

Eine detaillierte Studie an Corona-Opfern erbrachte das Ergebnis, dass in rund 90 Prozent der Todesfälle Covid-19 tatsächlich ursächlich für den Tod gewesen sei. Umfangreiche Untersuchungen - 735 Obduktionen - des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ergaben, dass 93 Prozent der gelisteten Hamburger Corona-Toten auch durch das Virus starben. Und auch Prof. Gustavo B. Baretton (62), Direktor des Instituts für Pathologie an der Uniklinik Dresden, bestätigte, dass bei ihm auf dem Tisch alle Corona-Toten auch an dem Virus gestorben sind.

Hinzu kommt: Das Statistische Bundesamt veröffentlichte kürzlich die vorläufige Zahl der Sterbefälle für das Jahr 2020: Es sind fünf Prozent und damit 48.000 mehr als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Die Zahl der 2020 offiziell erfassten Corona-Toten betrug laut RKI gut 39.000. Ein Corona-Effekt sei „naheliegend“, urteilen die Forscher, zumal die Sterbezahlen vor allem während der Peaks der Corona-Wellen sowie in den Corona-Hotspots anstiegen.

Behauptung: PCR-Tests nicht geeignet

Eine Corona-Infektion wird in Deutschland und anderen Ländern in der Regel mittels eines PCR-Tests nachgewiesen - ein Verfahren, das der US-amerikanische Biochemiker Kary Mullis entwickelte. 1993 erhielt er dafür den Nobelpreis für Chemie.

Im Video wird behauptet, PCR-Tests seien allein für die Erforschung, nicht für die Diagnose von Virusinfektionen geeignet (ab Minute 8:10) und der Erfinder selbst lehnte einst den Einsatz der Methode bei Viren ab. Auf Anfrage eines Abgeordneten habe auch der Berliner Senat bestätigen müssen, dass das Diagnose-Verfahren ungeeignet sei.

Die Herkunft des Mullis-Zitat ist allerdings ungeklärt und damit kein Beleg für ein Versagen der Methode bei Viren. Anders als im Film behauptet wird, bestätigte auch der Berliner Senat den Nutzen der Tests, die spezielle Genabschnitte des Virus und damit eine Infektion anzeigen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt auf dpa-Anfrage mit, dass sie PCR-Tests nach wie vor für ein „hochverlässliches Instrument zur Diagnose von Covid-19“ halte. 

PCR-Tests weisen das Erbgut des Coronavirus Sars-CoV-2 nach und gelten als das derzeit genaueste verfügbare Verfahren, um eine akute Infektion festzustellen. Mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) wird das Erbmaterial des Virus so stark vervielfältigt, dass es im Labor nachgewiesen werden kann, selbst wenn es nur in geringen Mengen vorkommt.

Behauptung: Fehlerquote verhindert niedrige Inzidenzwerte

Im Film wird außerdem die Behauptung aufgestellt, Corona-Tests hätten eine Fehlerquote von zwei Prozent (ab Minute 10:14). Heißt in der Folge: Je mehr Tests, desto höher die Zahl falscher-positiver Befunde - desto höher auch der ermittelte Inzidenzwert. Beispiel: Testete man 100.000 Menschen, „hätte man einen katastrophalen Inzidenzwert von 2000 - nur einzig durch die Fehlerquote des Tests“. Tatsächlich?

Doch für die aufgestellte Fehlerquote gibt es keinen Beweis. Große Laborbetreiber melden vielmehr, dass die Spezifität ihrer Tests (das Maß für den Anteil richtiger Ergebnisse) durch verschiedene Optimierungen bei 99,9 Prozent liege.

Getestet werden zudem nicht zuvorderst „Gesunde“, sondern vor allem Menschen mit Symptomen oder Risikokontakten. Sind Infektionen in der untersuchten Gruppe stärker verbreitet, fällt der Effekt falsch-positiver Befunde auf die Inzidenz umso kleiner aus.

Ein Inzidenzwert von 10 ist, anders als bei Kla.TV behauptet, kein „unerreichbares Wunschziel“. Zwischen Juli und September 2020, als umfänglich getestet wurde, lag der Inzidenzwert über Wochen deutlich unter 10.

mz

Rubriklistenbild: © Screenshot Kla.tv

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