„Corona ist nicht die Pest des Mittelalters“

Bürgermeister mit skurriler Weihnachtsmarkt-Idee verharmlost Pandemie: „Sehen, ob Corona mehr Opfer kostet“

Sachsen - Im Erzgebirge bahnt sich Ärger an. Der Stollberger Oberbürgermeister Marcel Schmidt ist wegen eines Briefs an die Bürgerinnen und Bürger in Kritik geraten. Schmidt von den Freien Wählern offenbart sich in diesem Brief als „Corona-Kritiker“, kritisiert die Maßnahmen der Regierung und verharmlost die Pandemie.

Am vergangenen Donnerstag, 26. November, hat Marcel Schmidt, Oberbürgermeister von Stollberg, eine dreiseitige Stellungnahme zur Absage des Weihnachtsmarktes und des Weihnachtszuges in seiner Stadt herausgegeben und dabei mit Kritik an den Corona-Regelungen der Politik nicht gespart. Schmidt vergleicht die Pandemie mit einer schwereren Grippe und empfindet die eingeführten Maßnahmen für übertrieben. Er ist der Meinung, dass man die große Mehrheit der Bevölkerung bestrafe, nur um eine Minderheit zu schützen.

„Statistisch betrachtet schützen die derzeitigen Maßnahmen nur einen sehr kleinen Teil unserer Bevölkerung vor einer Krankheit, die selbst bei Infektion für die Allermeisten nach derzeitigem Wissensstand nicht einmal Symptome hervor bringt. Jeder Minderheit alles recht zu machen und darüber die Mehrheit zu vergessen, übersieht die alte Weisheit ‚Einem jeden Recht getan, das ist die Kunst, die niemand kann!‘“, so der Bürgermeister in seinem Schreiben.

Oberbürgermeister Schmidt: „Corona ist nicht die Pest“

Und weiter meint Schmidt: „Wir werden sehen, ob Corona mehr Opfer kosten wird, als schwere Grippewellen in den letzten Jahren forderten. Wir können wahrscheinlich nicht in jeder kommenden Grippewelle sämtliche Traditionen über Bord werfen, alle bisher geltenden Grundsätze beiseite schieben, um keine Menschen sterben lassen zu müssen.“ Damit spielt er vor allem auf die Absage des Weihnachtsmarktes an. „Corona ist - glücklicherweise - nicht die Pest des Mittelalters. An Corona sterben Menschen und zurzeit auch mehr als im Sommer. Aber solange es Weihnachten gab, haben die Menschen sich mit Naturkatastrophen, mit Krankheiten und Kriegen herum schlagen müssen.“

Für Schmidt sei die Durchführung eines Weihnachtsmarktes auch kein Problem. Er habe bereits eine Lösung entwickelt, welche aber offenbar von der Politik bereits abgelehnt wurde: „Ein Weihnachtsmarkt auf dem Schillerplatz nur für Stollberger und auf 1.000 Besucher begrenzt, bedeutet unter freiem Himmel kein gesteigertes Infektionsrisiko, denn in unserer kleinen Stadt treffen sich die Menschen auch sonst beim Bäcker, Simmel, im Kindergarten und der Schule. Untereinander lässt sich die Ansteckung auch so nicht vermeiden und wenn wir keine Menschen von außerhalb dazu holen, dann ist das Risiko praktisch nicht da - vor allem, wenn Risikogruppen eigenverantwortlich gar nicht erst kommen.“

Aussagen sorgen für heftige Kritik

Die Aussagen von Schmidt sorgen für heftige Kritik. Viele können seine Aussagen in Anbetracht der derzeitigen Infektionszahlen (auch im Erzgebirgskreis) nicht nachvollziehen. Landrat des Erzgebirgskreises Frank Vogel sagte dem MDR Sachsen, er sei erschrocken über die Äußerungen. Als politisch Verantwortlicher könne man in der derzeitigen Situation so nicht agieren. „Das Gebot der Stunde ist, Verständnis in der Bevölkerung zu wecken, dass wir diese Maßnahmen jetzt machen müssen.“

Rico Gebhardt, Landtagsabgeordneten der Linken, konnte seine Kritik auf Twitter ebenfalls nicht zurückhalten: „Wenn ich diesen Text lesen, wird mir ganz schlecht und es wundert mich nicht, warum in Sachsen der Erzgebirgskreis aktuell die höchsten Fallzahlen hat. Alles nicht so schlimm, meint Herr Schmidt. Hauptsachen „wir“ halten an Ritualen fest, wie der OB aus Stollberg schreibt.“

Angespannte Corona-Situation in Sachsen

Denn die Corona-Lage im Erzgebirge ist derzeit weiter ernst. Die Kapazitätsgrenze in den Krankenhäusern sei fast erreicht, sagte der Chefarzt des Klinikums Mittleres Erzgebirge, Dr. Norbert Heide, am Freitag auf einer Pressekonferenz. Einige Patienten mussten bereits verlegt werden, so der Chefarzt weiter. Des Weiteren seien im Pflegebereich mittlerweile 30 Prozent des Personals ausgefallen.

Insgesamt sind im Erzgebirgskreis seit Pandemiebeginn mindestens 188 Menschen an bzw. mit Covid-19 verstorben. Der 7-Tage-Inzidenz-Wert liegt mit Stand 29. November (0 Uhr) bei 375,9. Das bedeutet eigentlich, dass die ansässigen Bürger in der kommenden Woche mit weiteren Verschärfungen rechnen müssen.

Das Bundesland Sachsen wird allgemein zum Sorgenkind. Dort stieg die 7-Tage-Inzidenz landesweit auf 226,16. Das ist im Vergleich der Bundesländer der höchste Wert.

mz

Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert

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