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Er soll seine Taten auch gefilmt haben

Hunderte Male, jahrelang: Kinder vertrauten ihm - Handballtrainer gesteht schrecklichen Missbrauch

Landgericht Stuttgart
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Der Schriftzug Landgericht Stuttgart ist am Eingang des Gebäudekomplexes angebracht.

Jahrelang soll ein Sporttrainer Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Es geht um Hunderte von Fällen, die lange Anklageschrift listet sie geradezu erbarmungslos auf. Der Trainer äußert sich vor Gericht nur kurz, er sagt aber eigentlich alles.

Stuttgart - Ein ehemaliger Handballtrainer räumte am Mittwoch (27. April) zu Beginn des Prozesses in einer Stellungnahme, die von seinem Anwälten verlesen wurde, alle Vorwürfe ein und bat um Entschuldigung. Der 53-Jährige gestand, mindestens acht Kinder und Jugendliche aus seinen Jugendmannschaften jahrelang sexuell missbraucht zu haben. Die Anklage umfasst 567 Anklagepunkte. Dazu zählen beispielsweise schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen. 

Die meisten seiner Schützlinge hatten wohl vor allem Angst, nicht mehr zur Mannschaft zu gehören, nicht mehr gefördert zu werden vom Trainer, vielleicht sogar verstoßen zu werden von dem Mann, dem sie Vertrauen geschenkt hatten. Das soll der Jugendcoach aus Fellbach (Baden-Württemberg) ausgenutzt haben. Hunderte Male. Jahrelang. Regungslos verfolgt der Angeklagte im Stuttgarter Landgericht die Vorwürfe, die der Staatsanwalt minutenlang und monoton verliest, diese ellenlange Liste der Taten, detailreich und erbarmungslos.

Für mein Handeln übernehme ich die volle Verantwortung“, heißt es unter anderem in der von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung. Seine früheren Schützlinge, deren Angehörige und auch den betroffenen Verein in Fellbach bittet er um Entschuldigung.

500 verschiedene Handlungen

Rund 15 Jahre lang soll der Ehrenamtliche Kinder und Jugendliche in drei Vereinen trainiert, er soll sich um sie gekümmert und Vertrauen aufgebaut haben. Gefügig machte er sie nicht nur durch Druck, sondern auch durch Geschenke, durch Gutscheine fürs Onlineshopping oder durch das gemeinsame Computerspielen.

Die Staatsanwaltschaft dokumentiert in ihrer Anklageschrift mindestens 500 verschiedene Handlungen an meist 12- und 13-Jährigen, teils auch an Jugendlichen, aus den Jahren 2006 bis 2021. Das bedeutet, dass die zur Tatzeit 13 bis 18 Jahre alten Opfer heute bis auf einen Jungen erwachsen sind. Da es im Prozess aber um Verbrechen an Kindern und Jugendlichen geht, findet er vor der Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts statt. Die Taten sollen sich überwiegend in der Wohnung des Angeklagten ereignet haben, aber auch im Auto nach Handballspielen oder Turnieren.

Mehrere Betroffene - alle männlich - hatten im vergangenen Sommer den Mut gefunden, über die sexualisierte Gewalt zu sprechen - erst bei ihrem Verein, dann auch mit der Polizei. Die meisten Betroffenen treten als Nebenkläger in dem Verfahren auf.

„Umfangreiches Beweismaterial“

Dem Mann wird auch der Besitz von kinder- und jugendpornografischen Inhalten vorgeworfen. Denn nachdem sich mehrere Familien von mutmaßlichen Opfern an den Verein in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) und dann auch an die Polizei gewandt hatten, konnte diese bei einer Durchsuchung nach eigenen Angaben „umfangreiches Beweismaterial“ sicherstellen. Die Rede ist von Fotos und Videos, die der Angeklagte von seinen Taten angefertigt haben soll.

Die Enthüllungen über die mutmaßlichen Verbrechen des Jugendtrainers hatten im Verein und in der Stadt Fellbach für Entsetzen gesorgt. „Der mutmaßliche Täter hat Leid über viele Kinder, Jugendliche und Familien gebracht, welches schwer auszuhalten ist“, hatte der traditionsreiche Verein Mitte Dezember in einer offiziellen Erklärung reagiert. Alle seien von dem Ausmaß der Tat schockiert. Betroffene hätten im Verein den Mut aufgebracht, die Taten aufzudecken, heißt es in dem Rundschreiben weiter.

Von dem nun angeklagten Mann habe sich der Verein bereits im Januar 2019 „aufgrund sportlicher Differenzen“ getrennt. Allerdings müssten sich auch alle die Frage stellen, ob sie in der Vergangenheit nicht aufmerksamer hätten sein müssen. «Hätten wir die Erkenntnisse von heute gehabt, wäre das sicherlich der Fall gewesen“, schreibt der Verein und verspricht „eine Kultur des Hinschauens“. Im Januar hatte der Verein Jugendtrainer aus dem ganzen Handballbezirk zu einer Präventionsschulung eingeladen.

dpa/mz