„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag sechzehn: Die Nacht zum Tag gemacht

Schmalzgruber in Prag
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Die Jungs sind derzeit in Prag.

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Derzeit sind die Jungs in Prag.

3. September: Es ist ein sonniger früher Nachmittag. Tobi macht das, was er eigentlich immer um diese Uhrzeit macht – schlafen. Ich sitze am Laptop und schreibe. Es ist schon wieder 17 Uhr, als wir in der Innenstadt ankommen. Diesmal sind wir ein bisschen weiter gefahren, denn eine Attraktion möchte ich unbedingt mitnehmen: das Tanzende Haus.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wander-Tipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Mehr dazu gleich. Zuerst einmal kehren wir in einer Kneipe ein. Auch hier kostet die Halbe Bier umgerechnet unter zwei Euro. Als wir uns nach draußen setzen, sehen wir ein Museum, das sich in der Krypta einer orthodoxen Kirche befindet. Bei weiterer Recherche stelle ich fest, dass dieses Museum zwei tschechischen Nationalhelden gewidmet ist: Jan Kubiš und Jozef Gabčík.

Diesen gelang es als einzige überhaupt, einen ranghohen Nazi zu ermorden. Dieser war niemand geringeres als Reinhard Heydrich, Ausrichter der Wannseekonferenz und beauftragt mit der „Endlösung der Judenfrage.“ Doch die Rache der Nazis war grauenvoll: Nicht nur die Dörfer Lidice und Ležáky wurden den Erdboden gleichgemacht, sondern auch jeder, der verdächtigt wurde, bei der „Operation Athropoid“ involviert gewesen zu sein, wurde ermordet oder in Konzentrationslager deportiert.

Schmalzgruber in Prag - Bilder

Reisebericht aus Prag
Die Gedenkstätte für die Widerstandskämpfer. Auch heute noch sind die Einschusslöcher zu sehen. © Schmalzgruber
Reisebericht aus Prag
In der Krypta der Kirche „St. Cyrill und Method“ fanden die Attentäter Unterschlupf, bis sie und ihre Mitstreiter von einem tschechischen Landsmann für 500.000 Reichsmark verraten wurden und den Tod fanden. © Schmalzgruber
Reisebericht aus Prag
Das Tanzende Haus - ein dekonstruktivistischer Spagat zwischen Tradition und Moderne. © Schmalzgruber
Reisebericht aus Prag
Blick über die Moldau bis zum Prager Hausberg, dem Hradschin, mit dem Veitsdom. © Schmalzgruber
Reisebericht aus Prag
Bunte Häuser am linken Ufer der Moldau! © Schmalzgruber
Reisebericht aus Prag
Die Lennon Wall. © Schmalzgruber
Reisebericht aus Prag
Ich habe eine Botschaft für euch! Eine französische Botschaft. © Schmalzgruber

Und dabei spielte es keine Rolle, ob man männlich, weiblich, ein Alter oder ein Kind gewesen ist. Selbst vor hohen Geistlichen machten sie nicht Halt: Bischof Gorazd von Prag, der den beiden Attentätern Unterschlupf gegeben hatte, wurde kurze Zeit später hingerichtet. Für diese Tat wurde ihm später der Märtyrerstatus verliehen. Kubiš und Gabčík starben allerdings nicht durch das Standgericht: Als circa 800 Nazis das Gebiet abriegelten und die Kirche stürmten, brachen stundenlange Kämpfe aus. Am Ende waren die beiden sowie fünf weitere Partisanen tot, einige starben beim Transport ins Krankenhaus, andere nahmen sich das Leben, als die SS Tränengas und Wasser in das Gebäude einleiteten.

Heute steht an der Stelle der Kämpfe neben dem Museum ein Denkmal, das den Kämpfern gewidmet ist. Dieses ist nur ein Beispiel von vielen, das den Mut und die Unbeugsamkeit der Tschechen erkennen lässt! Nachdem wir gezahlt haben, wollen wir eigentlich weiter in Richtung Tanzendes Haus („Tančící dům“) gehen. Doch wir werden von einem hageren Grufti aufgehalten, der uns um ein paar Kronen anbettelt.

Erst auf Tschechisch, dann auf Englisch schildert er sein Anliegen: So brauche er das Geld für Bier. Ich lehne erst einmal ab, ihm etwas zu geben, wohl wissend, dass unsere finanziellen Reserven bald zu Ende gehen. Doch wir kommen mit ihm ins Gespräch und er verrät uns Ausflugsziele, die noch nicht touristisch erschlossen sind. Für diese Dienstleistung bin ich doch bereit, ein paar Kronen rüberwachsen zu lassen, würde er...würde er nicht von einem Moment auf den anderen einen Edding zücken und auf eine denkmalgeschützte Wand den Preis für ein Gramm Cannabis raufkritzeln. Ooookay, das wird jetzt doch etwas zuuu gruselig!

Endlich sind wir am Tanzenden Haus! Ich bin begeistert vom dekonstruktivistischen Stil des von 1994 bis 1996 von Vlado Milunić und Frank Gehry errichteten Gebäudes. Nachdem dieser so gar nicht in die Prager Innenstadt passende Bau in den Jahren nach seiner Errichtung hitzige Debatten auslöste, ist dieser mittlerweile ein akzeptierter Teil des Gesamtensembles der tschechischen Hauptstadt und ein beliebtes Fotomotiv für Touristen.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tag vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Tag sieben: Kreuzberg Nights

Tag acht: Fünf Heteros in der Schwulenbar

Tag neun: Den Blaulichtern nach!

Tag zehn: Im Rausch der Raver

Tage elf und zwölf: Zum Ausdruck bringt, was Eindruck schafft

Tag dreizehn: Es gibt immer ein erstes Mal!

Tag vierzehn: Andere Länder, andere Sitten!

Tag fünfzehn: Die Magie der „goldenen Stadt“

Nachdem wir ein wenig am belebten Vorplatz weilen, geht es für uns wieder über die Moldau. Diesmal aber nicht über die Karlsbrücke, sondern über die Jiráskův most. Linksseitig des Stromes schlendern wir durch ein belebtes Viertel mit farbenfrohen Häusern. In einem auf der Insel gelegenen Freizeitzentrum spielen dutzende Menschen Fußball, Tennis oder lassen die Seele baumeln.

Bald sind wir wieder an der Karlsbrücke angelangt und eigentlich möchte ich die „John Lennon Wall“ besuchen. Doch wir werden vor einer Bar aufgehalten, in der es Bier in (tschechischen) Maßkrügen gibt. Boxenstopp! Für 138 Kronen gibt es für jeden von uns beiden frischen und süffigen tschechischen Hopfensud. Okay, nur ich finde das tschechische Bier süffig.

Unsere ganze Zeit in Tschechien war nämlich schon zu beobachten, dass Tobi länger braucht, um das Glas zu leeren. Schließlich räumt er ein, dass er dem tschechischen Pivo nicht so viel abgewinnen kann wie dem bayerischen Bier.

Nachdem ich von den gutgelaunten Bedienungen bei der Frage, wo sich denn das Klo befindet, erst einmal gehörig auf den Holzweg geführt wurde, geben sie mir doch noch schelmisch grinsend die richtige Route. Soichane Lausdeandln! Immer locker drauf und zu Späßen aufgelegt, innerhalb weniger Tage schießen sich die Tschechinnen und Tschechen in mein Herz. Und das ist nicht selbstverständlich für ein Volk, deren Land schon immer den Interessen fremder Mächte ausgesetzt war: Mit den Habsburgern, den Nazis oder den Kommunisten seien nur drei Machtblöcke genannt, unter denen unsere Nachbarn litten.

Umso mehr bewundere ich diese Leute und ihre Art, stets freundlich zu Gästen zu sein! Die Sonne ist mittlerweile untergegangen und nach einem kurzen Abstecher zur „Lennon Wall“ treffen wir uns auf einer weiteren Moldauinsel mit Jana, Jill, Clara, Lea und Martina, fünf Studentinnen, die wie Tobi in Regensburg studieren. In einem Lokal mit Selbstbedienung genehmigen wir uns das ein oder andere Pivo.

Zwischendurch machen Lea, Clara und ich einen Abstecher zu einem Späti und kaufen ein paar Sachen ein: Neben (alkoholischen) Erfrischungsgetränken holen wir uns eineinhalb Dutzend Feigen.

Und zack, sind schon wieder 500 Kronen weg! Als gegen halb 12 die Bürgersteige hochgeklappt und wir von der Insel gestaubt werden, machen wir uns in die Innenstadt auf. Dabei lernen wir eine Gruppe Polizeianwärter aus Sachsen kennen, die mir erst einmal suspekt sind. Nach etwas Überwindung lerne ich sie doch ein bisschen näher kennen, eigentlich scheinen sie doch ganz okay zu sein. .

Mittlerweile sind wir mitten in der Altstadt, der Bär ist zum Steppen schon nach Hause gestapft und die dehydrierende Wirkung von Alkohol drückt auf unsere Blasen. Die WCs und Bars sind schon längst geschlossen, sodass uns nichts anderes übrig bleibt als unsere Notdurft in einem stillen Eck zu verrichten.

Am vernünftigsten wäre es natürlich, dorthin seine Stange Wasser zu lassen, wo es eh schon nach Urin stinkt. Nicht jedoch für einige Kerle, die ungeniert an eine Kirchenmauer pinkeln. Auch wenn ich mich selbst als Atheisten sehe, so etwas finde ich absolut pietätlos und wirft leider kein gutes Bild auf uns deutsche Touristen!

Nach längerer Suche nach einem Club werden wir doch noch fündig. Wir haben das „Duplex“ ausgemacht und starten rein. Nachdem uns der muskelbepackte Türsteher anraunt, man dürfe keine Getränke in den Club mitnehmen, werden wir noch routinemäßig kontrolliert. Dabei wird so gewissenhaft vorgegangen, dass die Bierdosen innerhalb meines Rucksacks gar übersehen werden.

Den Rucksack müssen wir an der Garderobe trotzdem abgeben. Kurz davor sneaken wir uns noch in die Toilette. Zeit für den Buffalo-Express! Gut angeheitert steppen wir ins Clubinnere. Zum Glück ist es nicht brechend voll.

Lediglich eine weitere Gruppe aus Regensburg ist anwesend sowie ein paar Einheimische. Wie gut es tut, mal wieder das Tanzbein schwingen zu können! Mit Sicherheitsabstand, versteht sich! Die Zeit verfliegt und plötzlich ist es 5 Uhr als der Club seine Pforten schließt.

Nachdem wir uns von den Sachsen verabschiedet haben, streifen die Mädels und wir durch die Stadt. Jetzt ist es auch hier tot wie sonst wo. Wir werden eingeladen, in die Wohnung der Studentinnen mitzukommen. Dieses Angebot schlagen wir natürlich nicht aus und kurze Zeit später finden wir uns in einer luxuriösen Dachgeschosswohnung wieder. Ein (verstimmtes) Klavier mit Elfenbeintasten, ein deutsches Buch mit Gedichten von Friedrich Schiller mit vergoldeten Seiten oder wertvoll aussehende Gemälde. Was ist das für 1 life?

Langsam wird es wieder hell und unzählige tiefsinnige Gespräche später zeigen sich langsam Ausfallerscheinungen. Jill und Marti verschwinden als erste im Bett, Jana entschärft es auf dem Canapé. Als auch Lea und Clara schläfrig werden, verabschieden wir uns von der lustigen Gruppe. Auch wenn uns angeboten wird, in der Bude zu nächtigen, müssen wir ablehnen. Um 11 Uhr sollten wir eigentlich aus dem Hostel draußen sein, doch nachdem wir via Tram wieder dorthin gelangen, beschließen wir, noch um eine Nacht zu verlängern.

Da die Rezeption 24/7 besetzt ist, ist das auch um 7.15 Uhr früh kein Stress. Wir schleichen uns ins Zimmer, in Erwartung, dass unser Zimmergenosse schläft. Doch weit gefehlt! Als wir die Tür öffnen, schlägt uns der Geruch von Zigaretten entgegen. Hat der Bazi doch tatsächlich hier drinnen geraucht, obwohl das streng verboten ist! Und schlafen tut er auch nicht, sondern sitzt stockbesoffen auf seinem Bett und zwitschert immer wieder von seiner Weinflasche. Er versucht, mit uns Konversation zu betreiben, doch mit einem „Ja ni panimaesch russki!“ („Ich verstehe kein Russisch“) verschwinde ich ins Bett. Erst einmal knacken!

Musiktipp des Tages: EAV – Wir jetten

Schmalzgruber

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