„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag siebzehn: Geronimo!

Roadtrip mit Trabi
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Die letzten Tage Sommer verbringen die Jungs auf dem Roadtrip.

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Derzeit sind die Jungs in Prag.

Es muss irgendwann kurz vor Mittag sein, als ich es laut werden höre. Wohl wissend, dass ich den Schlaf grade mehr brauche, öffne ich meine Augen nicht und wage keinen Blick vom Stockbett hinunter. Früher Nachmittag: Die körpereigenen Systeme werden wieder hochgefahren. Tobi und ich beschließen, doch noch heute loszufahren, damit wir uns die knapp 300 Kilometer nach Wien aufteilen können und weniger Stress beim Fahren haben. Ich wundere mich, warum der besoffene Russe gar nicht in seinem Bett liegt und seinen Rausch ausschläft. „Is er schon wieder unterwegs, oder was?“

„Ne, den ham sie vorher rausgeschmissen!“ Ah, daher also der Lärm! Bevors losgeht, entspannen wir noch ein letztes Mal. Zwei Saunagänge und circa 300 Meter Schwimmstrecke später satteln wir Schorsch. KLACKKLACK. KLACKBRÖMMM! Nach einem kurzen Stopp bei Billa rollen wir auf der Magistrale gen Süden. Ich muss mich zusammenreißen, nicht sentimental zu werden. Gerne wäre ich noch länger in dieser tollen Stadt geblieben. „Ja es häift einfach, es häift nix!“

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wander-Tipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Ah, Servus Motocrossfahrer mit dem gehörnten Helm, bist a wieder do? Wir rollen weiter. Am Straßenrand grinsende Prager, manche zeigen den Daumen nach oben, andere fordern mich dazu auf, den Motor aufheulen zu lassen. Und auch mit dem ein oder anderen Autofahrer, der neben uns hält, sind uns Späße nicht zu schade. Ich bin versucht, mit einem Stadtgeländewagenfahrer ein Beschleunigungsrennen vom Zaun zu brechen, doch der dichte Freitagabend-Feierabendverkehr sowie die pure Vernunft raten mir von dieser Torheit ab.

Ich hätte nicht gedacht, dass ein Trabant derart positive Emotionen bei den Tschechen auslöst, hatten sie schon 1969 mit dem Škoda 110L ein Auto, das doppelt so viel PS sowie einen Viertakt-Vierzylinder hatte und wesentlich mehr Komfort bat als sein Pendant von den nördlichen Nachbarn. Toll, jetzt vermiss ich euch noch mehr!

Wir überschreiten die Stadtgrenze, ein letztes Mal blicken wir zurück auf die Stadt, deren Hauptsehenswürdigkeiten mehr und mehr von den Plattenbauten der Trabantenstadt verdeckt werden. Auf der Schnellstraße geht es nun gen Süden. Aus der Schnellstraße wird die Autobahn, das Schild zeigt an, dass hier noch kein Pickerl notwendig ist. Wir fahren und fahren, auf einmal wird die Strecke mautpflichtig.

Und dazu rollen wir auch noch auf zähflüssigen Verkehr zu. Fack! Nach mehreren Verstößen gegen das Verkehrsrecht hab ich nicht nochmal Lust, zu berappen. Nach einer Zitterpartie von gut 15 Minuten geht die nächste Ausfahrt her. „Raus hier! Raus hier!“ Ich fühle mich an den Führer vom Stasigefängnis Hohenschönhausen erinnert, der uns Schüler im Jahre 2013 sehr eindrucksvoll und authentisch die Bedingungen in dieser Anstalt geschildert hatte. Kaum von der Autobahn abgefahren, sind wir auf einmal in der totalen Prärie.

Die Strecke ist ein, eineinhalbspurig und in einem denkbar schlechten Zustand. Teilweise klaffen so große Schlaglöcher im Belag, dass Reaktionsschnelle und eine gute Spurfindung vonnöten sind. Wir hätten die Möglichkeit, über eine besser ausgebaute Straße wieder schneller vom Fleck zu kommen. Eigentlich. Eigentlich. Denn es wird – surprise surprise – grade gebaut. Und so geht es noch tiefer in die Pampa. In einem kleinen Ort kehren wir in einem „Restaurace“ ein. Der Kellner ist nur bruchstückhaft des Englischen mächtig. Vegetarische Alternativen gibt es kaum, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als eine Portion Pommes zu bestellen. Für Tobi gibt es wieder einmal Ente mit Knödeln. An den Nachbartischen ist zu erkennen: Auch hier wird üppig aufgetischt!

Floorball sieht man nicht in jeder Kneipe im Fernsehen.

Während Tobi draußen aufs Essen wartet, erkunde ich die nähere Umgebung. Im Inneren des Restaurants höre ich, dass Sport übertragen wird. Als ich auf den Bildschirm linse, fange ich innerlich zum Jubilieren an! Wird doch tatsächlich meine Lieblings-Randsportart Floorball übertragen! Bei Floorball, auch Unihockey genannt, handelt es sich im Grunde um eine Variation der tschechischen Nationalsportart Eishockey. Zwar ohne Körperkontakt und nicht auf Kufen, dafür mit löchrigen Bällen, Kunststoffschlägern und einem Torwart, der die Bälle mit bloßen Händen fängt. Aber trotzdem ist sie mindestens genauso dynamisch. Ich sehe eine Kombination. Schnipp,

Schnipp, Schnipp, Zack! Schon zappelt der Ball im Netz! Das war grade das 2:0 der Tschechien über ihre slowakischen Nachbarn! Ich würde gerne noch weitersehen, doch das schöne Wetter und eine große Portion Pommes ziehen mich wieder nach draußen. Tobi ist schon wieder an der Belastungsgrenze angelangt, sättigt seine Mahlzeit doch sehr! Nachdem wir für uns beide umgerechnet zwölf Euro bezahlt haben, geht es auch schon wieder weiter. Einer Familie zaubern wir noch ein Lächeln auf, als wir den Motor starten.

Weiter geht’s! Die nun schon ganz tiefstehende Sonne taucht den Abendhimmel in psychedelische Farben. In der Ferne leuchten die Erhebungen des Erzgebirges, des Duppauer Gebirges und des Böhmisch-Mährische Höhe auf. Hin und wieder fahren wir durch Einöden und kleine Käffer, ansonsten ist nichts los. Die Qualität der Straße nimmt noch weiter ab. Teilweise besteht die Straße nur noch aus Sand und Kies. So unfein die Strecke auch meist zu fahren ist, umso mehr werde ich vom Rallyefieber gepackt.

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tag vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Tag sieben: Kreuzberg Nights

Tag acht: Fünf Heteros in der Schwulenbar

Tag neun: Den Blaulichtern nach!

Tag zehn: Im Rausch der Raver

Tage elf und zwölf: Zum Ausdruck bringt, was Eindruck schafft

Tag dreizehn: Es gibt immer ein erstes Mal!

Tag vierzehn: Andere Länder, andere Sitten!

Tag fünfzehn: Die Magie der „goldenen Stadt“

Tag sechzehn: Die Nacht zum Tag gemacht

Schorsch und ich fühlen sich wie Walter Röhrl. Röhrend und mit durchdrehenden Reifen jagen wir zwischen zweitem und dritten Gang über Kurve und Kurve. „Geronimooo!“, wie der Ami so schön sagt. Doch Tobis Miene erstarrt immer mehr. „Langsamer, langsamer!“, ruft er. „Ich habe alles unter Kontrolle! So schnell fahren wir eh nicht!“, entgegne ich ihm und deute auf den Tacho. Die Nadel bewegt sich stets im Bereich zwischen 40 und 60 km/h.

Also nicht wirklich schnell, oder? Aber gut, im Trabant fühlen sich solche Geschwindigkeiten schon ungefähr so an als würde man im Millenium Falken sitzen. Wir erreichen das nächste Dorf. Keine Ahnung, wo wir uns gerade befinden, denn die Sonne ist untergegangen und es wird dunkel.

Die Jungs sind unterwegs nach Wien

Wir biegen um eine Kurve, plötzlich sehe ich zwei rote Schlitze aufleuchten. Fack! Fack! Fack! Und wieder haben wir eine Radarfalle ausgelöst. Also denke ich zumindest. Meine Euphorie sinkt. Naja, immerhin sind wir kurz danach wieder auf einer halbwegs ausgebauten Straße. Wir überlegen uns, in der Nähe der Stadt Pelhřimov unsere Zelte aufzuschlagen. Dann bekommt Tobi noch einen Anruf von seinem Vater. Also fahr ich erst einmal weiter. Sie telefonieren eine halbe Ewigkeit, sodass wir mittlerweile an der Mittelstadt Jihlava, die mit 525 Metern tatsächlich fast auf der Höhe Traunreuts liegt, angelangt sind.

Ins Zentrum kommen wir nicht, denn eine gut ausgebaute Umgehungsstraße führt am Verwaltungssitz des Kraj Vysočina, zu deutsch „Kreis Hochland“, vorbei. Kurz danach biegen wir in eine Nebenstraße ein und finden ein geeignetes Platzerl zum Übernachten. Zeit für Pension Sachsenruh 2.0! Der Himmel ist sternenklar. Wir zwitschern noch gemütlich ein „Sterni“, das wir noch aus Leipzig haben und mit Blick auf Perseus und Co. schlafen wir bald ein. Ratzepüh!

Musiktipp des Tages: Led Zeppelin – Achilles last stand

Schmalzgruber

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