„Go Trabi Go reloaded“ – Zwei Chiemgauer auf dem Weg durch den Osten

Tag achtzehn: Děkuji, Česká republika!

Trabi mit Zelten
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Die Jungs sind mit dem Trabi beim Zelten.

Deutschland - Auf geht‘s auf ein Abenteuer der besonderen Art. Simon Schmalzgruber nimmt uns mit auf einen Roadtrip nach Berlin, Prag und Wien - und das alles im Trabi. Derzeit sind die Jungs in Tschechien unterwegs.

Die Nacht ist wieder eisig, ich kann kaum schlafen. Mehrmals muss ich mich hinaus zwängen, denn Bier der Marke Sternburg drückt mit am meisten auf die Blase. Lkw rauschen sodann und wann über die nahe Fernstraße. Ohne REM-Schlafphase fühle ich mich am nächsten Morgen ziemlich bedattert. Die Sonne ist gerade aufgegangen, der Morgentau saugt sich an unseren Zelten fest. Nachdem ich meine Zigaretten nicht finde, wühle ich nochmal in meiner Hosentasche. Ah, da waren sie die ganze Zeit!

Das Feuerzeug, wo ist das Feuerzeug? Wenn ich könnte, würde ich mich jetzt nochmal hinlegen. Ich sehe, dass schon 0zwei Stadtgeländewagen geparkt haben. Sind es Jäger? Scheuchen sie uns weg? Von den Fahrzeugführern fehlt auf jeden Fall jede Spur. Ah, da ist das Feuerzeug! Es war nur unter der Schachtel. Heieiei... Ich erkunde die nähere Umgebung. In ungefähr 300 Metern Entfernung donnern die Autos über die Straße, auf der es bald in Richtung Znojmo geht.

Die Akteure auf dem Roadtrip

Simon Schmalzgruber ist gebürtiger Chiemgauer und schreibt wöchentlich unsere Wander-Tipps. Zusammen mit seinem Kumpel Tobi fährt er im Trabi Schorsch zunächst nach Berlin und macht sich dann auf den Weg nach Dresden Prag und Wien. Uns nimmt er mit auf seinen Roadtrip der besonderen Art.

Ich gehe in die andere Richtung. Der Boden scheint sehr trocken sein, obgleich die Nacht verhältnismäßig feucht war. Irgendwann fällt mir ein, ich könnte mir jetzt eigentlich die Zigarette anzünden. KLACK KLACK KLACK. Ah, das Feuerzeug, das ich in einem heruntergekommenen Penny am Berliner Hermannplatz günstig erstand, macht jetzt auch schon den Schorsch! Klackffft! Na also, geht doch! Systeme werden hochgefahren und für kurze Zeit fühle ich mich wacher und nehme die Umgebung genauer wahr. So sehe ich, wie mystisch das Licht durch die Bäume bricht. Ich zücke meine Kamera.

Ein paar Rädchen gedreht und schon habe ich ein paar Aufnahmen im Kasten. Als ich aufgeraucht habe, gehe ich zurück. Natürlich mit Stummel in der Hand, ich will doch nicht, dass Tierchen wegen mir nikotinsüchtig werden. Reicht schon, wenns ich bin. Und nen Waldbrand auslösen möchte ich auch nicht. Mir kommt eine Familie mit zwei Hunden entgegen. Sie haben ein Körbchen in der Hand. Für was ein Körbchen?

Okay, ganz wach bin ich wohl doch noch nicht! Ich erreiche wieder den Waldrand, wo wir stehen. Ein, zwei, drei Autos kommen im Abstand von wenigen Minuten. Dann nochmal zwei. Und noch eins. Um halb acht stehen bereits sieben Autos auf der Fläche. Aha, das ist also diese stille Fleckerl, von dem wir dachten, es würde hier existieren!

Auffallend ist, dass jeder ein Körbchen dabei hat. Plötzlich bimmelts! Das sind allesamt Schwammerlsucher, die in den Wald ausrücken! Und fast jeder hat eine Pulle Bier dabei. Es scheint so, dass neben Eishockey noch zwei weitere Nationalsportarten in Tschechien existieren: Schwammerl suchen und Bier trinken.

Und tatsächlich ist Tschechien das Land mit dem höchsten Bierkonsum weltweit: Laut Statista wurden im Jahr 2018 ganze 191,8 Liter pro Kopf verspeist. Österreich folgt mit 107,6 Liter, Deutschland landet auf Rang drei mit 101,1 Liter. Und dabei lautet doch eigentlich das Klischee, dass vor allem wir Bayern pausenlos am Biertrinken sind...

Beim letzten Auto, das ankommt, bemerke ich eine Uniform. Ich kann „Hasiči“ erkennen. Ah, Feuerwehr! „Dobrý den!“, grüße ich. „Dobrý!“ Und weiter geht’s mit Wörtern, die mir absolut fremd im Verstehen und Zuordnen sind. „Niemcy! Niemcy!“, gebe ich zu verstehen. Erst später wird mir klar, dass das gerade „Deutschland“ auf Polnisch war. Er versteht trotzdem, woher ich komme und wechselt auf gebrochenes Deutsch. So erzählt er beispielsweise, dass er seit 20 Jahren bei der Feuerwehr ist oder letztens zu einem Unfall ausrücken musste, bei dem ein 18-Jähriger nicht mit seinem BMW zurechtkam.

Nach einem kurzen Ratsch verschwindet er in den Wald. Ich höre es Rascheln. Ah, Dornröschen wird auch wach! Bei Tobi sind die Systeme im Gegensatz zu mir allerdings sehr schnell hochgefahren. So beschließen wir, die Zelte abzubrechen und weiterzuziehen. Und das klappt im Gegensatz zur Sächsischen Schweiz schon sehr gut. Und sogar ganz ohne Gefluche! KLACKBRÖMMMM! Die Karre springt ja immer besser an! Macht doch was aus, wenn man ein paar Kilometer fährt! Wir biegen in die Fernstraße ein. Schorsch braucht ein bissl, bis er auf Touren kommt. Ist wohl auch noch nicht ganz wach, der Gute!

Die tschechische Spätsommersonne scheint schon stark, sodass ich das Fenster öffne. Tobi, der alten Frostbeule wird gleich kalt. Ich habe Mitleid mit dem armen Teufel, schließe wieder das Fenster und heize dafür ein. Auch wenn die Heizung eines Trabants nur aus drei Zugknöpfen besteht, die Wärme kommt sofort! Schnell wird es sehr warm, sodass ich mithilfe des zweiten Zugknopfes die ideale Temperatur einstelle. Mit dem dritten ändere ich noch den Luftstrom, sodass die Luft unsere Füße anbläst.

Mir wird trotz alledem ziemlich warm, aber ich gehe ganz nach der Devise: „Lieber schwitzen als frieren!“ Und frieren würde nur einer von uns beiden. Ich bemerke seltsame Wolken, die sich knapp über einem Wald auftürmen. „Ich glaube, das könnte ein Atomkraftwerk sein!“ sage ich zu Tobi. Doch der ist grade in sein Handy vertieft. Der Wald lichtet sich und ich sehe mehrere Türme, aus denen es dampft!

Alle bisherigen Reiseberichte findet Ihr hier:

Tag eins: Erster Stopp Regensburg - Im Sog der Stadtgeländewagen

Tag zwei: Ein Vegetarier in der Metzgerei / Das Abenteuer geht los

Tag drei: Ostdeutschland!

Tag vier und fünf: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Tag sechs: Unterwegs im Berliner Nachtleben: Der MBTI-Archipel

Tag sieben: Kreuzberg Nights

Tag acht: Fünf Heteros in der Schwulenbar

Tag neun: Den Blaulichtern nach!

Tag zehn: Im Rausch der Raver

Tage elf und zwölf: Zum Ausdruck bringt, was Eindruck schafft

Tag dreizehn: Es gibt immer ein erstes Mal!

Tag vierzehn: Andere Länder, andere Sitten!

Tag fünfzehn: Die Magie der „goldenen Stadt“

Tag sechzehn: Die Nacht zum Tag gemacht

Tag siebzehn: Geronimo!

„Jetzt kuck mal!“ Ich versuche, Tobi etwas von meinem Enthusiasmus abzugeben. „Ich glaube, das ist Temelín!“ Richtig, das tschechische Pannen-AKW! Und falsch! Bei nachträglicher Recherche räume ich ein, ihm in dieser Situation eine falsche Vermutung abgegeben zu haben. Es handelte sich dabei nämlich nicht um das tschechische Pannen-AKW Temelín, sondern um das tschechische Pannen-AKW Dukovany, das unter anderem dadurch bekannt wurde, dass Röntgenbilder von Schweißnähten im Sekundärkreislauf systematisch manipuliert wurden.

Im Falle eines Zwischenfalles, würde zwar keine direkte Radioaktivität entweichen, Bumm könnte es auf alle Fälle trotzdem machen! Gut zwanzig Kilometer später sind wir in Znojmo angelangt, einer Stadt nahe der österreichisch-tschechischen Grenze. Während Tobi mal für kleine Königstiger muss, erkunde ich die nähere Umgebung.

Auf Infotafeln lese ich, dass beispielsweise der österreichische Nationalpark Thayatal und sein tschechisches Pendant Národní park Podyjí in der Nähe sind, oder dass man in den vielen mittelalterlichen Gängen unter der Altstadt geführte Touren machen kann. Tobi taucht nach längerer Wartezeit wieder auf, zusammen erkunden wir die schmucke Altstadt. Erst am 80 Meter hohen Rathausturm vorbei und schon sind wir auf dem Hauptplatz. Wir sehen Polizisten patrouillieren Strafzettel verteilen. Weia! Kostet der Platz, wo wir vorhin geparkt haben etwa Parkgebühren?

Wir entscheiden uns, umzukehren. Es ist halb 10 und Tobis Magen knurrt schon wieder. Der hungrige, hungrige Tobi! Zum Glück hat ein Asia-Imbiss, an dem es von Burritos über Schnitzel und Döner bis zu gebackener Ente scheinbar alles gibt, schon auf. Tobi nimmt die Ente, ich einen gebackenen Käse in der Semmel.

Es ist billig, dafür schmeckts auch etwas sonderbar. Während wir essen, hören wir es von draußen jodeln. Das Jodeln wird lauter und als wir Sichtkontakt zu besagter Geräuschquelle haben, stelle wir fest: Aha, Tschechien ist also auch, wenn am Samstagmorgen noch Leute im Vollrausch durch die Straßen ziehn!

Nachdem wir 120 Kronen für beides gezahlt haben, machen wir uns wieder auf. Der Magen ist gerade sehr schwer und der tschechische Cola-Abklatsch trägt nichts zur Beruhigung bei. Im Gegenteil. Halbübel erreichen wir Schorsch. Mazel Tov! Glück gehabt! Strafzettel klebt keiner dran. Also auf nach Wien! Vorher tanken wir allerdings noch auf und werden unsere letzten Kronen los. Kurz nach Znojmo tauchen Casinos auf. Ein Vergnügungspark. Outlets.

„Die Grenze ist glaub ich nicht mehr weit“, mutmaße ich. Und zack, ist sie auch schon wieder da. Děkuji, Česká republika! Danke, Tschechien! Schade, dass wir uns nach ein paar Tagen von diesem überaus gastfreundlichen Land mit lieben Leuten schon wieder verabschieden müssen. Aber seid mir gewiss. Ich komme wieder!

Die erste größere Stadt auf österreichischer Seite ist Hollabrunn, dessen Name sich, wie bestimmt schon vermutet, von „Holunderbrunnen“ ableitet. Im Gemeindegebiet dieser Stadt befindet sich das Dörfchen Raschala, wo es einen Stein gibt, an dem Wolfgang Amadeus Mozart seine Notdurft verrichtet haben soll.

Seitdem findet jährlich Ende Juni oder Anfang Juli das „Ringelreih'n am Pinkelstein“, eines der drei jährlichen Veranstaltungen im Dorf, statt. Gut, heuer wohl eher nicht. Und eher nicht ist es uns wert, nach dem Dorf zu suchen, um jenen Stein aufzusuchen. Mal durch größere, mal durch kleinere Ortschaften, mal auf, mal ab, gelangen wir bald ins Donautal. Im Osten ist bereits die Wiener Skyline zu erkennen. Eine halbe Stunde später sind wir in Klosterneuburg. Kurz darauf auch schon an der Wiener Stadtgrenze.

Auf ins letzte Abenteuer...

Musiktipp des Tages: DT8 Project – Narama feat. Mory Kanté

Schmalzgruber

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