Wellenbrecher oder reinste Schikane?

Die Wahrheit über die Sinnhaftigkeit von nächtlichen Ausgangssperren

Verfassungsrechtlich gibt es Zweifel an den geplanten nächtlichen Ausgangsbeschränkungen. Zudem werden Stimmen laut, dass sie aus epidemiologischer Sicht nichts bringen. Auch Experten sind sich nicht ganz einig.

Sie gehören zu den umstrittensten Punkten im neuen Infektionsschutzgesetz: Nächtliche Ausgangssperren. In Regionen mit einer Inzidenz über 100 dürfen Menschen ihre Wohnung oder Haus zwischen 22 und 5 Uhr nur noch mit triftigen Grund verlassen - ein Spaziergang allein ist aber bis 24 Uhr möglich. Während in Bayern diese Regelung schon länger umgesetzt wird, müssen andere Bundesländer jetzt aufgrund der Bundes-Notbremse nachziehen. Dieser bedeutsame Einschnitt der Freiheit stößt bei vielen Bürgern auf Unverständnis. Hier stellt sich also die Frage, ob nächtliche Ausgangssperren zur Bekämpfung des Infektionsgeschehens überhaupt nützlich und wertvoll sind.

Nächtliche Ausgangssperre eine „irreführende Kommunikation“

Grundsätzlich muss wohl unter Solo-Spaziergängern oder Sportlern und Wegen zu privaten Treffen unterschieden werden. Laut Gesundheitsminister Jens Spahn sollen nächtliche Ausgangssperren vor allem dazu dienen, Treffen in geschlossenen Räumen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko unterbinden. „Es geht ja nicht darum, ob jemand alleine abends um zehn unterwegs ist“, meinte der SPD-Politiker vor einer Woche, es gehe viel mehr um die Frage, „von wo nach wo sind wir unterwegs?“

Diesem Ansatz stimmt auch der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin zu: „Nächtliche Ausgangsbeschränkungen zielen auf die privaten Besuche.“ Es solle nicht der Eindruck entstehen, die Leute sollten von draußen nach drinnen, das sei „wirklich die falsche Richtung“, erklärte Nagel in einer Bundestagsanhörung am vergangenen Freitag. Es sei „nicht wissenschaftlich (zu) verteidigen“, wenn etwa Gruppen im Park mit ausreichend Abstand säßen und dann heimgehen müssten. Denn auch die Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) ist sich sicher: „Im Freien finden so gut wie keine Infektionen durch Aerosolpartikel statt“.

Nagel und seine Kollegen von der TU Berlin und vom Zuse-Institut schreiben in ihrer jüngsten Mobilitätsstudie: „Sehr gut wirksam wäre ein (fast) vollständiges Verbot privater Besuche.“ Die Diskussion über Ausgangssperren halten viele Experten schlichtweg für „irreführende Kommunikation“. Es gehe nicht darum Menschen einzusperren, sondern unkontrollierbare nächtliche Treffen in Innenräume zu vermeiden.

Positive Auswirkung auf Reproduktionswert

Laut einer Studie von Forschern an überwiegend britischen Universitäten, die SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Ende März auf Twitter teilte, könnten nächtliche Ausgangssperren eine positive Auswirkung auf den Reproduktionswert haben. Nächtliche Ausgangssperren können der Studie zufolge diesen Wert um 13 Prozent senken. Die Autoren geben aber zu bedenken, dass die Maßnahme nicht leicht vom Effekt paralleler Regelungen zu unterscheiden sei. Begutachtet wurde die Studie bislang nicht.

Positive Erfahrungen mit Ausgangssperren haben zum Beispiel die Kanadier gesammelt.  Seit Anfang Januar gilt in der Provinz Québec in besonders betroffenen Regionen eine nächtliche Ausgangssperre. Wissenschaftler konnten in einer Studie nachweisen, dass die nächtliche Mobilität in Quebec im Vergleich zur Nachbarprovinz Ontario, in der es keine Ausgangssperre gab, um 31 Prozent niedriger war. Auch die stabilen bzw. fallenden Fallzahlen in Quebec im Vergleich zu anderen Bezirken würden dafür sprechen. Allerdings könnten auch hier andere Faktoren wie digitaler Unterricht eine Rolle spielen. Jedoch habe man beobachten können, dass die Fallzahlen wieder gestiegen sind, als mit Umstellung auf die Sommerzeit die Ausgangssperre von 20 auf 21.30 Uhr verlegt wurde.

Studien sehen Wirksamkeit kritisch

Ein Projekt der Humboldt-Universität Berlin und des Robert Koch-Instituts wiederum widerspricht dem Ansatz der erhöhten nächtliche Mobilität: Denn in den ersten drei März-Wochen entfielen gerade einmal 7,4 Prozent der deutschlandweiten Mobilität auf die Zeit zwischen 22 und 5 Uhr. Welchen Anteil dabei Wege zu Privattreffen haben, ist aus den Daten nicht ersichtlich.

Auch eine Studie der Universität Stanford sieht die Wirksamkeit von Ausgangssperren kritisch. Die Wissenschaftler hatten in einer statistischen Analyse den Effekt von Anti-Corona-Maßnahmen in zehn Ländern verglichen, darunter auch Deutschland. Im Fokus stand die Entwicklung der Infektionszahlen während der ersten Welle unter Berücksichtigung von strengen und weniger strengen Maßnahmen.

Zusammenspiel der Maßnahmen soll Schlüssel zum Erfolg sein

Sie stellten fest, dass sich die Schließung von Geschäften und Ausgangssperren Anfang 2020 nicht eindeutig auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt hatten. Das Virus wurde vielmehr schon durch freiwillige Verhaltensänderungen wie die Reduzierung sozialer Kontakte oder den Verzicht auf Besuche in Geschäften ausgebremst. Zwar ließen sich positive Auswirkungen strenger vorgeschriebener Einschränkungen nicht ausschließen, sie könnten allerdings nicht im Verhältnis zu deren Folgen stehen.

In einem sind sich so gut wie alle Experten und Forscher einig. Zur Bekämpfung der Pandemie müssen vor allem private Kontakte minimiert werden. Denn dass strenge Kontaktschranken mehr bringen, zeigen auch die Erkenntnisse der Oxford-Studie. Im Gegensatz zur Reduzierung der Corona-Verbreitung um 13 Prozent bei den nächtlichen Ausgangssperren sehen die Forscher zum Beispiel einen doppelt so hohen Effekt (minus 26 Prozent) bei strengen Kontaktbeschränkungen wie die Begrenzung aller Treffen auf höchstens zwei Menschen.

Zudem befürchten viele, dass sich Treffen und Besuche einfach zeitlich verschieben. Das Werkzeug der nächtlichen Sperren könne „relativ schnell stumpf werden“, hieß es von den Mobilitätsforschern der TU Berlin bereits Mitte März. Am Ende kann aufgrund der unklaren Datenlage noch keine endgültige Antwort über die Sinnhaftigkeit von Ausgangssperren getroffen werden. Ein Spaziergang oder Sport im Freien nach 24 Uhr trägt sicherlich nicht zur Verbreitung des Coronavirus bei, sicherlich aber private Feiern in der Nacht. Am Ende gehört die Ausgangssperre zu einem Gesamtpaket an Maßnahmen, welche die Ausbreitung des Virus stoppen soll.

mz

Rubriklistenbild: © Natacha Pisarenko

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