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Nach 70 Jahren Ehe: Außergewöhnliche und bewegende Geschichte

Er wollte seine demenzkranke Frau erlösen: Mann (92) erstickt Gattin aus Liebe - emotionaler Prozess

Der Angeklagte (M) wird von seinem Anwalt Norman Jacob (r) in den Gerichtssaal geführt. Nach 70 Jahren Ehe hat der Mann seine schwer an Demenz erkrankte Frau erstickt, damit diese nicht in ein Pflegeheim muss.
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Der Angeklagte (m) wird von seinem Anwalt Norman Jacob (r) in den Gerichtssaal geführt. Nach 70 Jahren Ehe hat der Mann seine schwer an Demenz erkrankte Frau erstickt, damit diese nicht in ein Pflegeheim muss.

Würzburg - Etwa ein Jahr nach der Tötung seiner schwer kranken Frau ist der 92 Jahre alte Ehemann zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Die Strafe wegen Totschlags in einem minderschweren Fall werde zur Bewährung ausgesetzt, sagte der Vorsitzende Richter am Landgericht Würzburg, Hans Brückner, am Donnerstag. Zudem muss der Mann 10.000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen.

Es ist eine außergewöhnliche und bewegende Geschichte eines verzweifelten Ehemanns. Der 92-Jährige hatte am zweiten Prozesstag gestanden, am 3. November 2019 seine demente und schwer kranke Frau mit einer Decke erstickt zu haben. Es war ein emotionaler Auftritt des Angeklagten, der seine Frau jahrelang bis zur eigenen Erschöpfung alleine zu Hause pflegte.

Ehemann bereut mittlerweile die Tat

„Im Laufe dieser Pflegezeit konnte ich meine Frau nicht mehr leiden sehen und musste sie irgendwie befreien von der Demenz und von allen Schwierigkeiten“, sagte er am Donnerstag. „Ich habe die Kontrolle wahrscheinlich verloren gehabt. Ich konnte nicht anders handeln.“ Er habe seine Frau, mit der er fast 70 Jahre verheiratet war, erlösen wollen.

Er bereue die Tat vom 3. November 2019. „Ich kann das jetzt nicht mehr nachvollziehen“, es tue ihm leid. Er habe damals nicht gedacht, dass er sich damit strafbar mache. „Ich war da etwas unbedarft.“

„Ich zün­dete noch eine Kerze an und holte dann die Hasenfellde­cke“

Der 92-Jährige schilderte dem Gericht den letzten gemeinsamen Tag mit seiner demenzkranken und arthrosegeplagten Frau. „Wir haben ferngesehen, auch wenn sie nichts mehr verstand. Dann habe ich ihr Schlafta­bletten gegeben, sie sollte nicht merken, was mit ihr pas­siert. Wir setzten uns aufs Bett, tranken zusammen ei­nen Schoppen Wein. Ich zün­dete noch eine Kerze an und holte dann die Hasenfellde­cke.“ Laut Rechtsmediziner war es ein schneller und schmerzloser Tod. Im Anschluss versuchte der Angeklagte, sich selbst das Leben zu nehmen - vergeblich.

„Er hat kein Licht am Ende des Tunnels gesehen“, versuchte eine Expertin zu erklären, wie sich der Rentner auch in den Wochen vor der Tat gefühlt habe. „Es kommt zu einer zunehmenden Einengung des Denkens“, man sehe nur noch dieses schwarze Loch und keine Zukunft mehr.

Angeklagter flehte den Richter an

Kurz vor Bekanntgabe des Urteils flehte der Mann noch den Richter an, ihn nicht wieder ins Gefängnis zu stecken: „Ich war im Über­wachungsverließ und kam als Halbtoter wieder raus. Den ganzen Tag die gelbgeka­chelten Wände anzugucken, das war tödlich.“

„Rechtlich war das Verhalten als Totschlag zu werten“, so der Richter in seiner Begründung. Der Angeklagte habe jedoch „nicht aus böswilliger Gesinnung“ gehandelt, „sondern im vermeintlichen Interesse der Geschädigten und im Rahmen einer früher getroffenen gemeinsamen Entscheidung des Paares, gemeinsam aus Leben zu scheiden.“ Das relativ milde Strafmaß verstoße aber nicht gegen das allgemeine Rechtsempfinden.

Oberstaatsanwalt Thorsten Seebach hatte auf Totschlag im minderschweren Fall plädiert und zwei Jahre und neun Monate Haft verlangt. Verteidiger Norman Jacob plädierte ebenfalls für eine Freiheitsstrafe wegen Totschlags im minderschweren Fall, allerdings sollte diese zu Bewährung ausgesetzt werden. Das Urteil gegen den Deutschen ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidigung verzichtet aber auf Rechtsmittel.

dpa/mz

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